Laatzen

Jugendschreibwettbewerb in Laatzen: Das ist der Siegertext der Zehn- bis 13-Jährigen: „In Madagaskars Regenwald“

Siegerin in der Altersklasse zehn bis 13 Jahre: Die Österreicherin Tanja Koller überzeugte die Jury mit ihrer Geschichte „In Madagaskars Regenwald“.

Siegerin in der Altersklasse zehn bis 13 Jahre: Die Österreicherin Tanja Koller überzeugte die Jury mit ihrer Geschichte „In Madagaskars Regenwald“.

Laatzen. Die 13 Jahre alte Tanja Koller aus Österreich hat den Jugendschreibwettbewerb in der Kategorie zehn bis 13 Jahre gewonnen. Die Schülerin überzeugte die Jury mit ihrer Geschichte „In Madagaskars Regenwald“, die im Folgenden zu lesen ist:

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Als mir meine Brieftasche gestohlen wurde, ahnte ich nicht, dass ich es bald mit viel größeren Verbrechen zu tun haben würde … „Aussteigen, das ist unsere Station“, hörte ich meine Mutter sagen. Durch die Menschenmenge im Bus zwängte ich mich in Richtung der Tür, welche sich zischend aufschob. Ich stolperte auf den Gehsteig – und wurde von einem dürren Jungen mit löchriger Kleidung angerempelt. Er griff in meine Handtasche, zog blitzschnell die Geldbörse heraus und rannte davon. Ohne lange zu überlegen, rannte ich hinterher, denn in meinem Portemonnaie befanden sich viel Geld und mein Schülerausweis.

„Jodi!“, hörte ich meinen Vater schreien. Als ich nicht stehen blieb, folgten er und Mama mir. Der Junge bog in eine schmale Gasse ein. Er schien sich in dieser Stadt auszukennen, aber ich war schneller als er. Der Abstand zwischen uns wurde immer kleiner. Wir rannten weiter und weiter. Auf dem Weg veränderte sich unsere Umgebung: Die Häuser wurden weniger, dafür wuchsen immer mehr Bäume neben dem Weg, bis wir uns nach einigen Minuten des Sprints im Regenwald befanden. Die Rufe meiner Eltern entfernten sich.

„Ich war noch nie so weit gesprungen – doch es reichte nicht“

Fast hatte ich den Jungen eingeholt. Ich streckte eine Hand nach ihm aus, wollte ihn festhalten … Da kamen wir an einen Bach. Ich blieb erschrocken stehen, doch der Junge katapultierte sich über den Graben, kam wohlbehalten am anderen Ufer auf und rannte weiter. Ich schluckte, bevor ich mich ebenfalls abstieß. Für einen kurzen Moment flog ich durch die Luft und fühlte mich frei.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich war noch nie so weit gesprungen – doch es reichte nicht. Auf halbem Weg stürzte ich ins Wasser. Es platschte laut, im nächsten Moment ging ich auch schon unter. Das Gewässer war tiefer als gedacht, ich konnte nicht stehen! Panik ergriff mich und ich begann, wild mit Armen und Beinen zu rudern. „Hilfe!“, schrie ich. „Ich kann nicht schwimmen!“

„Warum hast du mich gerettet?“

Wasser drang in meine Lunge. Ich musste husten, doch dabei atmete ich nur noch mehr dreckige Flüssigkeit ein. Plötzlich streckte mir jemand einen Ast entgegen. Ich war gerettet! Dankbar griff ich nach dem Holz. Es war der Dieb, der das andere Ende festhielt und mich nun an den Rand des Gewässers zog.

„Warum hast du mich gerettet?“, fragte ich überrascht, während ich die kleine Böschung hinaufkletterte. „Denkst du, ich will, dass du meinetwegen ertrinkst?“, antwortete der Junge. Er hatte einen starken madagassischen Akzent, aber ich war überrascht, dass er überhaupt Englisch sprach.

„Was hätte ich wohl mit dem Geld gemacht?“

„Na ja“, murmelte ich beschämt. „Ich dachte, du stiehlst ja auch und …“ „Das ist etwas vollkommen anderes“, entgegnete der Junge säuerlich. Er nahm das Geld aus meiner Börse und steckte es sich in die zerfledderten Hosentaschen. Das Portemonnaie gab er mir zurück. „He!“, begann ich zu protestieren, doch dann betrachtete ich den Jungen noch einmal genau. Seine dunkle Haut schien sich direkt über die Knochen zu spannen, so mager war er. Ich überlegte kurz. Was hätte ich wohl mit dem Geld gemacht?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kleidung gekauft vielleicht. Oder ein Eis. Dieser Junge hingegen brauchte es. Es wäre falsch gewesen, es ihm wieder wegzunehmen. „Schon gut, behalte es“, seufzte ich. Der Junge bedankte sich nicht. Aber er strahlte so breit, dass mir warm ums Herz wurde.

„Wir sollten es uns näher ansehen“

In diesem Moment drangen Stimmen an unsere Ohren. Sie kamen von irgendwo zwischen den hohen Baumstämmen. „Afo“, war das einzige Wort, das ich verstand. Der Junge hatte es auch gehört. „Afo ist mein Name“, wisperte er verwundert. „Aber das Wort hat auch eine andere Bedeutung: Feuer.“ „Denkst du, es brennt?“, erschrak ich.

„Vielleicht“, antwortete Afo. Ich schluckte. „Wir sollten es uns näher ansehen.“ Afo wirkte nicht sonderlich begeistert, aber er nickte. Ich wollte losgehen, doch er hielt mich zurück. „Wir dürfen nicht gesehen werden. Es könnten Brandstifter sein. Wenn die merken, dass ich Zeuge ihres Verbrechens bin, stellen sie wer weiß was mit mir an.“

„So leise wie möglich folgten wir den Stimmen“

„Brandstifter?“, wiederholte ich verdutzt. „Welchen Sinn hätte es, den Wald anzuzünden?“ „Ich weiß es nicht.“ Afo zog ratlos die Schultern hoch. So leise wie möglich folgten wir den Stimmen. Wir duckten uns ins Dickicht des Urwaldes. Obwohl ich angespannt war, konnte ich nicht anders, als die Umgebung ein wenig zu genießen. So hatte ich mir unseren Madagaskar-Urlaub vorgestellt:

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Weit über unseren Köpfen kreischten Vögel im dichten Blätterdach, schillernde Insekten schwirrten umher. In der Luft lag ein süßlich-fruchtiger Duft. Es war einfach nur … schön. Unglaublich, dass jemand all das zerstören wollte!

„Auf einmal hörte ich Rufe“

Geduckt huschten wir durchs Dickicht, bis wir einige Männer sahen. Einer von ihnen hielt ein Feuerzeug in der Hand, ein anderer einen Benzinkanister. Bei ihrem Anblick huschte mir ein kalter Schauer über den Rücken. Afo hatte recht gehabt. Ich stellte mir vor, dass in wenigen Sekunden all das hier in Flammen aufgehen könnte. Das musste ich irgendwie verhindern!

Auf einmal hörte ich Rufe. Meine Eltern. Sie würden uns verraten und vielleicht in große Gefahr bringen, wenn ich nichts unternahm! Also sprang ich auf und rannte auf sie zu. Nie, niemals war ich so schnell gerannt.

„Afo würde niemandem etwas tun“

Meine Lunge begann zu brennen. Doch ich lief, bis ich die beiden erreicht hatte. Meine Mutter holte tief Luft, und ich wusste, dass sie zu einer Schimpftirade ansetzte. So weit ließ ich es jedoch gar nicht kommen. Ich unterbrach Mama: „Dort sind Brandstifter.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Was?“, kiekste sie. „Sie stehen dort mit einem Benzinkanister und sprechen über Feuer“, fasste ich die Lage kurz zusammen. „Afo ist bei ihnen.“ „Wer ist Afo?“, fragte Papa. „Der, der meine Geldbörse gestohlen hat.“ Beinahe klang das lustig, aber jetzt war nicht der richtige Moment zum Lachen. „Ihr müsst die Polizei rufen!“, drängte ich. „Das haben wir bereits“, antwortete Mama. „Wir waren besorgt, dass dieser Straßenjunge dir etwas antun könnte.“ „Afo würde niemandem etwas tun“, lachte ich.

„Wir werden das Mädchen finden“

Nur Augenblicke später bog tatsächlich ein weißes Auto mit der Aufschrift Polisy in den Weg ein und blieb quietschend stehen. Zwei bewaffnete Männer stiegen aus. „Wir werden das Mädchen finden“, versprach einer von ihnen meinem Vater.

„Nicht nötig, ich bin hier!“, rief ich. „Aber im Wald sind Brandstifter!“ Die Polizisten schlichen, zusammen mit meinen Eltern und mir, zu den Verbrechern. Dort kauerte Afo immer noch im Gras. Als er uns kommen hörte, sah er auf und zuckte zusammen. Der Anblick der bewaffneten Polizisten war vermutlich ziemlich einschüchternd für ihn.

„Zum Flüchten war es zu spät“

Einer der Verbrecher sagte etwas auf Madagassisch, woraufhin sein Komplize zustimmend nickte und das Feuerzeug hob. „Klick“, machte es und eine kleine Flamme schoss daraus hervor. Die Männer begannen, Benzin am Boden zu verteilen – da erhoben sich die beiden Polizisten. Die Augen der Feuerteufel weiteten sich vor Schreck. Doch zum Flüchten war es zu spät. Und so wurden sie kurz darauf in Handschellen abgeführt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Am Abend saßen wir in unserem Hotel. Auch Afo war mitgekommen, und wir hatten ihn zum Abendessen eingeladen. Sein Blick huschte beeindruckt im Speisesaal umher – ganz offensichtlich war er solchen Luxus nicht gewohnt. Ich lächelte. Den ersten Tag unseres Urlaubs hatte ich mir anders vorgestellt, doch ich war unglaublich erleichtert und auch ziemlich stolz, den Wald gerettet zu haben. Schade fand ich nur, dass der Auftraggeber der Täter nicht ebenfalls überführt worden war. Sie hatten nämlich in der Polizeiwache berichtet, dass sie seinen Namen selbst nicht kannten.

„In meinem Kopf nahm eine verrückte Idee Gestalt an“

Während Afo sein Essen herunterschlang, lauschte ich den Gesprächen an den Nebentischen.

„Du konntest den Wald also nicht kaufen?“, fragte eine Frau ihren Mann. „Das war nicht direkt das Problem“, meinte er. „Aber ich hätte ihn nicht roden dürfen, also wäre es sinnlos gewesen.“ „Wir finden bestimmt einen anderen Platz“, meinte die Frau. „Schon“, knirschte der Mann. „Aber hier hätte es eben so gut gepasst. Zu schade, dass unser Plan nicht funktioniert hat.“ Ich drehte mich zu den beiden um und sie verstummten. In meinem Kopf nahm eine verrückte Idee Gestalt an. Konnte es sein, dass …

„Dann waren Sie die Auftraggeber der Brandstifter“

„Ach, dann waren Sie die Auftraggeber der Brandstifter!“ Ich versuchte zu klingen, als wäre ich mir dessen sicher. Die beiden waren sichtlich überrumpelt. Ich konnte beobachten, wie dem Mann seine Gesichtszüge entglitten. „So ein Blödsinn“, stammelte er, bevor er beschämt nickte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lesen Sie auch

Kurz darauf führte die Polizei das Ehepaar ab. Wie sich herausstellte, besaß der Mann einen Schokoladenkonzern. „Das Niederbrennen ist für ihn eine Art … Schlüssel zu neuer Anbaufläche“, erklärte Afo kurz darauf einigen anderen Hotelgästen, die sich für die Geschichte interessierten. „Er durfte den Wald für seinen Kakao nicht roden, deshalb wollte er ihn niederbrennen.“ „Sowas kommt öfter mal vor“, fügte ich hinzu. Diesen Gedanken fand ich selbst ziemlich beunruhigend.

Einen dieser Brände hatten wir verhindern können – doch es gab hunderte andere! Dennoch war es möglich, etwas dagegen zu unternehmen. Ich lächelte in die Runde: „Aber wir können es beeinflussen. Zum Beispiel, indem wir weniger Schokolade essen, oder Bio-Produkte. So einfach geht das.

Von Tanja Koller

Mehr aus Laatzen

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Spiele entdecken