Mit moderner Kutsche zum Friedhof

Bestattung mit dem Lastenfahrrad: So umweltfreundlich bietet Bernd Vogel aus Langenhagen den Sargtransport an

Spezialanfertigung als klimafreundlicher Beitrag zur Mobilitätswende: Bernd Vogel bietet seit 2019 Bestattungen mit einem Lastenfahrrad an.

Spezialanfertigung als klimafreundlicher Beitrag zur Mobilitätswende: Bernd Vogel bietet seit 2019 Bestattungen mit einem Lastenfahrrad an.

Langenhagen. Wenn der Bestatter Bernd Vogel mit seiner modernen Kutsche unterwegs ist, zieht er regelmäßig Blicke auf sich. Vor allem im öffentlichen Straßenverkehr sorgt der 54-Jährige mit dem umweltfreundlichen Sargtransport immer wieder für Aufsehen. „Wenn ich an einer Ampel stehe, falle ich vielen verblüfften Autofahrern auf“, sagt Vogel.

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Erst vor einer Woche war er mit seinem umgebauten Lastenfahrrad auch beim Aktionstag für nachhaltige Mobilität in Langenhagen ein Blickfang. Seine abgestellte Bestattungsradkutsche sei mehrfach Motiv für Handyfotos gewesen, erzählt der Besitzer des Bestattungsinstitutes Richard Eggers.

Lastenfahrrad nach Entwürfen umgebaut

Seit drei Jahren bietet Vogel Bestattungen mit seiner Spezialanfertigung an: ein Elektrolastenfahrrad, das von einem Hersteller aus Berlin nach seinen Entwürfen umgebaut und angefertigt wurde. Rund 16.000 Euro haben Vogel und Ehefrau Anja investiert, um mit ihrem Familienbetrieb – mit je einer Filiale in Langenhagen und Isernhagen – in dritter Generation neue Wege zu beschreiten: Sein Angebot ist „ein Beitrag zum Klimaschutz“ und zur Mobilitätswende. Auf Wunsch von Hinterbliebenen transportiert sein Institut die Särge und Urnen umweltfreundlich vom Krankenhaus zur Trauerfeier in Friedhofskapellen oder zum Krematorium – oder auch zur Grabstätte, wenn die Friedhofswege breit genug sind.

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„Wir wollten uns 2019 einen neuen Bestattungswagen anschaffen und wegen der Umwelt ein Elektrofahrzeug kaufen“, erzählt Vogel. Für die Transporte von Särgen und Urnen lege sein Institut ohnehin meist nur verhältnismäßig kurze Strecken von bis zu 50 Kilometern zu den umliegenden Krankenhäusern und Friedhöfen zurück, sagt der Bestatter.

Noch selten im Einsatz: Das Bestattungsfahrrad wird bei Sargtransporten verhüllt.

Noch selten im Einsatz: Das Bestattungsfahrrad wird bei Sargtransporten verhüllt.

Ein Problem: Autos mit Elektromotor seien zum damaligen Zeitpunkt wegen der großen Akkus und begrenzten Achslast ungeeignet für Bestattungen gewesen. Inspiriert von Handwerksbetrieben mit Lastenfahrrädern habe er deshalb begonnen, erste Konstruktionsskizzen zu zeichnen. Damit machte sich der Bestatter auf die Suche nach einem geeigneten Hersteller für den Umbau eines Elektrofahrrades. „Das war nicht einfach, weil diese Aufgabe für die meisten Firmen neu war“, sagt Vogel.

Sarg als Muster nach Berlin geschickt

In Berlin wurde er schließlich fündig. Eine Firma zerschnitt für ihn ein Lastenrad und baute eine Verlängerung daran – nach etlichen Besprechungen per Videokonferenz und unzähligen E-Mail-Schriftwechseln. „Ich habe sogar einen Sarg als Muster für den Umbau nach Berlin geschickt“, sagt Vogel.

Der 54-Jährige betont: „Ich möchte nicht als skurriler oder schräger Bestattungstyp daherkommen, sondern ich besinne mich auch wegen des Klimaschutzes auf frühere Wurzeln.“ Einst seien die Särge mit Pferdekutschen transportiert worden. Vogel verweist auch auf die aktuelle Energiekrise. Vor drei Jahren habe er noch Kommentare gehört wie: „Für deine Idee ist es noch 20 Jahre zu früh.“ Trotzdem landete seine moderne Kutsche schon 2019 beim Wettbewerb Niedersächsischer Innovationspreis auf dem vierten Platz.

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Eine Rückkehr zu den Anfängen der 1974 von seinem Großvater gegründeten Bestattungsfirma ist es aber auch: „Er war Wagen- und Stellmacher sowie Karrosseriebaumeister“, erzählt Vogel, der den Betrieb seit 2006 führt. Beim Opa habe er früher sein Taschengeld aufgebessert, erinnert sich der Enkelsohn: „Ich habe damals geholfen, Särge auszuschlagen, und den Wagen ausgesaugt.“

Anzahl der Aufträge pro Jahr ist noch einstellig

In der heutigen Gesellschaft muss sich sein umweltfreundlicher Sargtransport aber noch etablieren. Pro Jahr sei die Anzahl der Aufträge noch einstellig. Der Firmenchef ist trotzdem überzeugt von seiner Idee: Erst kürzlich hätten sich Angehörige einer verstorbenen Seniorin für den Transport mit der Kutsche entschieden. „Die ältere Dame ist wohl in ihrem ganzen Leben überallhin mit dem Fahrrad gefahren, deshalb hielten die Hinterbliebenen das Gefährt aus unserem Ausstellungsraum für eine tolle Idee“, erzählt er. Der Trauerzug sei später von der Kirche aus von den Angehörigen – inklusive der Enkelkinder und Pastorin – mit Fahrrädern begleitet worden. „Das war eine sehr individuelle Bestattung – auch für mich bewegend“, sagt Vogel.

Über einige unpassende Kommentare bei Transportfahrten macht er sich keine Gedanken: „Das muss man aushalten können, wenn man eine neue Idee verfolgt.“ Ebenso ist sein Institut für mögliche Fahrradpannen gewappnet. „Ich bin fast immer mit einem Mitarbeiter unterwegs. Wenn wir mal einen Platten hätten, kann in wenigen Minuten unser Autotransporter mit eingebauten Rampen kommen“, sagt Vogel.

Schon Gedanken an neue Erfindungen

Mit der Kutsche hat er sich offenbar auch ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Bekannt seien ihm nur ähnliche Bestattungsräder eines Künstlers aus Oldenburg und einer Firma in der Schweiz. Im Jahr 2009 wurde Vogel auch schon mit einer Erfindung beim Funeral Award in Belgien nominiert. "Mit einem Segway als Urnentransportgerät", erzählt der kreative Bestatter. Das Fahrzeug sei aber inzwischen mangels Ersatzteilangebot irreparabel. Vogel schwebt aber schon eine neue Erfindung vor. "Es gibt auch einen Fachkräftemangel bei Sargträgern", sagt er nebulös und möchte noch nicht mehr verraten.

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