Ahlten

Der Dorfarzt denkt nicht ans Aufhören

Dorfidyll: Von seinem Behandlungszimmer aus kann Horst Prigge ins Grüne schauen.

Dorfidyll: Von seinem Behandlungszimmer aus kann Horst Prigge ins Grüne schauen.

Lehrte. Landarzt darf man ihn nicht nennen. Dinosaurier auch nicht. Dennoch hat Horst Prigge ein bisschen von beidem: Auf den heutigen Tag genau praktiziert der Allgemeinmediziner seit 50 Jahren in Ahlten. Am 5. Februar wird er 80 Jahre alt - damit ist er einer der ältesten noch aktiven Ärzte in der Region Hannover. Ans Aufhören denkt er trotzdem noch lange nicht: „Solange ich mich fit fühle, mache ich weiter. Dann tun mir auch nicht die Knochen weh.“

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Auch wenn er sich nicht als Landarzt versteht, so ist Prigge doch ein Hausarzt alten Schlages. Hausbesuche sind für ihn kein Fremdwort. „Ein Hausarzt gehört ins Haus und geht ins Haus.“ 20-mal am Tag war er früher mit seinem hölzernen Medikamentenkoffer unterwegs, auch nachts, denn die Menschen waren vor einem halben Jahrhundert noch nicht so mobil wie heute. „Und die Leute waren geduldiger, sie haben nicht so viel gemeckert“, erinnert sich der 79-Jährige. Abenteuerlich waren manchmal die Transporte zum Krankenhaus. Da wurden Patienten bisweilen auf eine Trage gelegt und dann in den Kofferraum eines Mercedes-Kombi geschoben.

Außerdem gingen die Leute prinzipiell nicht so viel zum Arzt, Vorsorge nach heutigem Standard gab es noch nicht. „Früher gab es kaum Medikamente frei käuflich, heute können sich viele selbst helfen.“ Auch sei damals mehr gespritzt worden, etwa bei Asthma und Herzbeschwerden. Und während zu Beginn seiner Laufbahn die Menschen noch viel mehr getrunken und gearbeitet hätten, wären sie jetzt viel gesundheitsbewusster. Heute behandelt Prigge in der Gemeinschaftspraxis mit Josephine Nicolaus nur noch Privatpatienten, rund 250 pro Quartal.

Dass sich Horst Prigge 1965 als 30-jähriger in Ahlten niederließ - vorher war er Arzt in einem Krankenhaus und einer Hautklinik - liege an einem „leichten Mädchen“, wie es der 79-Jährige ausdrückt. Sie war seine Patientin und hatte einen Pharmareferenten als Freund, der dann die freie Praxis seines Vorgängers Berloge vermittelte. Damals war Ahlten noch dörflich, der Weg von seinem Haus im Rosengarten zur Praxis ging an Feldern vorbei. Gleichzeitig war Prigge als Betriebsarzt für die Zementfabrik in Höver zuständig und in Sportlerkreisen auch als „Fußball-Praxis“ bekannt. Kein Wunder: Prigge kickte in seiner Freizeit bei der TSG Ahlten.

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Die Medizin liegt in der Familie. Ehefrau Adriana ist Arzthelferin, Tochter Vivienne soll Medizin studieren. Da will auch der Ehemann und Vater am Ball bleiben. „Man kann doch nicht den ganzen Tag lesen oder malen“, sagt Prigge.

49 Mediziner im Rentenalter

In der Region Hannover gibt es nur 49 Hausärzte, die älter als 65 Jahre sind. Dass der 79-jährige Horst Prigge noch immer praktiziert, findet Detlef Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen erstaunlich: „Das ist sehr ungewöhnlich.“ Doch selbst wenn Prigge seine Praxis schlösse, wäre der sogenannte Mittelbereich Lehrte, zu dem auch Sehnde gehört, noch immer gut versorgt: Die knapp 66.200 Einwohner werden von 36 Hausärzten betreut – 1671 Einwohner je Arzt. Das entspräche einem Versorgungsgrad von 109 Prozent – ab 110 Prozent gilt ein Bereich sogar als überversorgt. In zehn Jahren allerdings werde sich das Problem verschärfen, prognostiziert Haffke. Zum einen liege das Durchschnittsalter der Hausärzte bei 55 Jahren, während bei jungen Ärzten das Interesse an einer Landpraxis abnehme. „Sie befürchten, dann sieben Tage die Woche rund um die Uhr tätig zu sein“, sagt Haffke. Die neue Generation habe andere Vorstellungen vom Arztberuf – mit festen Arbeitszeiten, wenig Bürokratie, einer guten Infrastruktur und einem adäquaten Arbeitsplatz für ihre Partner.

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