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Lehrte

Die Villa Nordstern ist jetzt eine Baustelle

Ein ungewohnter Anblick: Bauzäune riegeln derzeit die Villa Nordstern ab.

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Lehrte. Wohl hunderte von Lehrtern haben in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten vor diesem Gebäude gestanden und sich eine Frage gestellt: Wie mag es wohl drinnen aussehen in der prunkvollen Villa Nordstern am Sülterberg. Eine Gruppe von Lehrtern weiß es jetzt. Der neue Eigentümer des Gebäudes, der Bauplaner Rolf Neumann, hat sie dorthin eingeladen und durch die Räume geführt. Dabei erntete er viel Lob von seinen Gästen. „Einen besseren Sanierer für die Villa konnte man gar nicht finden“, sagte eine Besucherin.

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Zementfabrikant Hermann Manske hatte das schlossartige Gebäude 1892 bauen und es opulent ausstatten lassen, nach seinem Lieblingspferd benannt und dort anschließend mit Gattin und Stiefsohn gelebt. Seit 1993, als der damalige Landkreis Hannover sein dort untergebrachtes Kinderheim auflöste, stand die Villa leer. Nun will Neumann aus dem Gebäude einen Bewegungs- und Wald-Kindergarten machen. Seit dem 29. Oktober lässt er erste Arbeiten an der Villa Nordstern erledigen. Später folgen Entkernung, Ausbau und möglicherweise noch der Bau einer Bewegungshalle.

Der morbide Charme der Gründerzeit

Zurzeit versprüht das Haus noch den morbiden Charme längst vergangener Gründerzeiten. Schon der erste Eindruck nach dem Durchschreiten des Seitenportals ist grandios: Stuck an den Decken, Mosaike am Fußboden, Schnitzarbeiten und dicke Säulen. Die Eingangshalle gibt einen ersten Eindruck, was Zementfarbikant Manske seinerzeit mit seiner Villa erreichen wollte: Eindruck schinden und Reichtum zeigen.

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Und das ist ihm bis heute gelungen, obwohl die Villa Nordstern spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre ein Schattendasein fristete. Mancher meinte schon, das mit verspielten Türmchen, Erkern und Giebeln versehene Gebäude würde über kurz oder lang in sich zusammenbrechen. Doch über solche Befürchtungen kann Neumann nur schmunzeln. „Da steckt solider Beton drin. Das Gebäude hat eine richtig gute Substanz“, sagt er den Besuchern in der Villa.

Jahrelang war der Zutritt zur Villa Nordstern verboten gewesen. Nur illegale, meist nächtliche Besucher, die schummrige Gruselvideos drehten und ins Netz stellten, suchten häufig das Haus heim und richteten bisweilen auch Zerstörungen an. Jetzt beherrschen dort die Bauarbeiter das Bild. Zumindest im Kellergeschoss und auf dem Grundstück. „Ich lasse die Hausanschlüsse für Gas, Wasser, Abwasser und Strom neu legen“, sagt Neumann.

Die Villa steht unter Denkmalschutz

Überstürzen darf er dabei nichts, denn ausgenommen vom Anbau aus den Sechzigerzahren steht die Villa unter Denkmalschutz. „Aber die Genehmigung zur Entkernung des Gebäudes liegt mir bereits vor“, versichert der Bauplaner, der unter anderem schon das Lehrter Parkschlösschen und die Alte Schlosserei auf den Zuckerfabriksgelände saniert hat.

Neumann will das Innere der Villa Nordstern weitgehend so erhalten, wie es ist. Mosaike, Säulen, Bleiglasfenster, Deckenverzierungen – nichts kommt weg. Sogar die frühere Freitreppe am Frontportal werde er wieder aufbauen, sagt Neumann. Ende 2020 soll die Kita in der Villa ihren Betrieb aufnehmen. Neumann meint, dass sie überregionales Interesse erregen wird.

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Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Lehrtes Baupolitiker haben unlängst eine Entscheidung über Neumanns Plan verschoben, einen Teil des riesigen Grundstücks zu Bauplätzen zu machen. Aus dem Verkauf der Areale will der Bauplaner einen Teil seiner Investitionen refinanzieren. Auch über den Erhalt von stattlichen Bäumen und dem genauen Standort und die baurechtliche Genehmigung der Bewegungshalle für die Kinder muss noch geredet werden. Erste gute Gespräche mit Nachbarn, die unter anderem Kritik an geplanten Zufahrten zur Villa über den Sülterberg übten, habe er aber bereits geführt, versichert Neumann.

Für einen der Besucher steht indessen schon fest, dass man Neumann auch beim Verkauf der Baugrundstücke keine Steine in den Weg legen dürfe. „Wo muss man sich melden, wenn man eines kaufen will“, fragte er schon.

Bronzetafel und Förderverein

Dass sich jetzt rund 15 Lehrter die Villa Nordstern von innen ansehen durften, ist Teil eines kleinen Abkommens, welches Bauplaner Rolf Neumann mit Heinrich Herzog getroffen hat. Herzog ist derjenige, der die bekannten Bronzetafeln für etliche historische Gebäude in Lehrte gefertigt hat. Für die Villa Nordstern, so hat er Neumann angeboten, werde er auch solch ein Schild mit Infos über das Gebäude anfertigen. Quasi als Gegenleistung durfte Herzog einige Nachbarn und Bekannte zur Villabesichtigung einladen.

Neumann indessen möchte, dass noch mehr Lehrter die Villa aus der Nähe betrachten können. Ihm schwebt vor, eventuell sogar einen Tag der offenen Tür zu organisieren – und zwar in Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing. Das müsste allerdings noch im Dezember passieren, denn anschließend werde bereits das Erdgeschoss zur Baustelle, und dann sei es zu gefährlich dort Besucher durchzuführen.

Darüber hinaus möchte Neumann die Geschichte der Villa Nordstern in Bildern und Geschichten dokumentieren. „Wer etwas zu erzählen hat oder Bilder besitzt, kann sich in meinem Büro im Parkschlösschen melden“, sagt er und hat dabei vor allem früheres Personal des Kinderheims und Kinder, die selbst in der Villa gewohnt haben, im Sinn.

Auf jeden Fall aber werde er nach Fertigstellung der neuen Kita einen Förderverein für deren Betrieb und Unterhalt gründen. „Wenn dort alle 4000 Lehrter eintreten, die einst die Unterschriftenlisten zum Erhalt der Villa unterzeichnet haben, wird das ein großer Verein“, sagt Neumann schmunzelnd.

Keine Gespenster, keine Spur von einer Grotte

Viele spannende und auch einige schaurige Geschichten ranken sich um die Villa Nordstern. Nicht zuletzt deswegen sind in den vergangenen Jahrzehnten dort allerhand ebenso illegale wie finstere Videos gedreht worden. In einschlägigen Internetforen kursierte die Villa Nordstern als „Spukvilla“ oder „Lost Place“. Vor einigen Jahren gab es sogar eine Anfrage einer Gesellschaft zur Erforschung paranormaler Phänomene aus Süddeutschland, ob man sich in dem Haus umsehen, Messungen und Filmaufnahmen machen dürfe. Auch von einem toten Mädchen, das nachts durch das Haus geistert, einer Grotte unter dem Garten und einem unterirdischen Gang war oft die Rede.

All das quittiert Bauplaner Rolf Neumann mit einem milden Lächeln und einem leichten Kopfschütteln. Soll heißen: Um Gespenster und spukende Untote macht sich der bodenständige Lehrter absolut keine Gedanken. Nach der Grotte und dem unterirdischen Gang hat er indessen schon geforscht – und keine Hinweise darauf gefunden. ac

Von Achim Gückel

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