Lehrte

Frauen sprechen über Angst-Orte

Mehr als 20 Frauen begleiten die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte Fokkeline Beerbaum-Vellinga (3. von links), auf dem abendlichen Rundgang zu einigen der Unsicherheitsorten in Lehrte.

Mehr als 20 Frauen begleiten die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte Fokkeline Beerbaum-Vellinga (3. von links), auf dem abendlichen Rundgang zu einigen der Unsicherheitsorten in Lehrte.

Lehrte. Wie sicher fühlen sich Frauen, wenn sie allein in Lehrte unterwegs sind? Welche Ecken meiden sie? Und was hilft, um der Unsicherheit Herr zu werden? All das kam zur Sprache bei „Frau Un(d) Sicherheit in Lehrte“, einem abendlichen Rundgang mit Diskussion. Initiiert hatte dies Fokkeline Beerbaum-Vellinga, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lehrte. Ratsfrauen des Sozialausschuss waren mit von der Partie. Sie wollen das Thema parteiübergreifend diskutieren, kündigte die stellvertretende Ausschussvorsitzende Petra Wegener (SPD) an.

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Bei mir haben sich viele Frauen gemeldet, die sich unsicher fühlen, denen an bestimmten Orten angst und mulmig ist“, sagte Beerbaum-Vellinga. Mit dem Rundgang an einige dieser Angst-Orte habe sie die Problematik öffentlich aufzeigen, aber auch Mut machen und nach Lösungen suchen wollen. Angelika Vockeroth von der Senioren-Gruppe der Markusgemeinde weiß, dass viele Seniorinnen auf viele Dinge verzichten, die ihre Teilhabe am sozialen Leben ausmachen. Gruppen junger Männer, die auf dem Fußweg zusammen stehen und bedrohlich wirken, die Angst überfallen zu werden – all das hindere etwa, abends ein Konzert zu besuchen.

Sie selbst kenne das Gefühl auch: „An der Steinstraße gegenüber vom See gibt es eine private Stichstraße, die zu 15 Häusernführt. Da gibt es keine Laternen. Und da die Raststätte der benachbarten A2 in der Nähe ist, sind da auch öfter Menschen, die keiner kennt“, erzählte Vockeroth. Angebettelt oder bedroht zu werden, Unbekannte, die die Autotür aufreißen, Fahrradfahrer, die ohne Licht plötzlich aus dem Dunklen auftauchen – von solchen Situation wussten die meisten Frauen zu berichten. Auch über den Lehrter Rathausplatz wollen abends nur wenige alleine gehen: „Hier gibt es viele dunkle Löcher“, waren sich die Teilnehmerinnen einig.

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Besonders schwer tun sich Frauen im Umfeld des Lehrter Bahnhofes. Den Tunnel Richtersdorf mit seinen dunklen Ecken meiden viele, auch wenn es sich um eine Abkürzung handelt. „Ich bekomme Angst, wenn im Tunnel eine Gruppe ist, und ich daran vorbei muss“, sagte eine Teilnehmerin des Rundgangs. Selbst Ina Nentwig, Leiterin des Polizeikommissariates, sagte: „Wenn ich nicht müsste, würde ich mir das hier nicht antun.“ Tunnel, deren Eingänge „wie ein schwarzes Loch“ erscheinen, machen vielen ebenfalls Angst.

Goethestraße und Goetheweg, Heinrich-Beinsen-Weg, Ahltener und Iltener Straße: die Liste der Angst-Orte in Lehrte ist lang.

Nicht nur in der Kernstadt, auch in den Ortsteilen gibt es Stellen, an denen Frauen das unschöne Kribbeln in der Magengrube ereilt. „An den Bushaltestellen ist es meist dunkel“, sagt Petra Drescher, „auch am Bahnhof in Hämelerwald“. Bärbel Ahlers hat mit Freude bessere Beleuchtung an der Schwüblingser Straße festgestellt: „Das musste sein. Da gehen alle einkaufen“, meinte sie. Vielfach helfe schon mehr Licht, um das bedrückende Gefühl in Schranken zu halten, sagte Ratsfrau Wegener. Wie am Astronautenweg. Die im Dunklen eng und bedrückend erscheinende Gasse als Durchgang zum Bahnhof gewinnt dadurch, dass in die Straßenlaternen nun hellere LEDs eingebaut wurden.

Das sei jedoch nicht überall in Lehrte machbar, erläuterte Markus Baumgarten, Leiter des Fachdienstes für Straßen und Verkehr: „Wir haben einen Vertrag mit der BS Energy zum Stromsparen geschlossen. Da können wir jetzt nicht einfach sagen, wir wollen überall LEDs.“ Trotzdem bemühe sich die Stadt um Verbesserungen. Man sei dabei auf die Infos von Bürgern angewiesen, sagte Michael Großmann, Fachdienstleiter Bürgerservice zur Frage, warum denn im Neuen Zentrum nur die Hälfte der dort installierten Laternen leuchteten.

Polizei gibt Entwarnung: Nur wenige Vorfälle

Wie gefährlich ist es wirklich in Lehrte? Auch wenn das Unsicherheitsempfinden vieler Frauen gerade im Bereich des Bahnhofs und seiner Umgebung sehr groß ist: Die Zahl der Delikte im Gebiet des Rundgangs ist seit 2016 gering. Eine versuchte Vergewaltigung in 2016, eine exhibitionistische Handlung auf den Bahngleisen 2017, zwei sexuelle Belästigungen 2017 und eine, die mit einem versuchten Raub einherging, am Neujahrstag 2018, zählte Ina Nentwig, Leiterin des Polizeikommissats Lehrte, auf. Auf eine Anzeige kämen allerdings zwei bis drei nicht gemeldete Fälle, erklärte die Lehrter Polizeichefin.

In diesem Jahr verzeichnete die Polizei in Lehrte bislang einen Raub, sechs Bedrohnungen und vier gefährliche Körperverletzungen. Die Opfer seien dabei meist männlich, sagte Nentwig. Die Zahl der Vorfälle beurteilte sie angesichts der Anzahl der Menschen, die diesen Bereich passierten, und im Vergleich zu Großstädten wie Hannover als gering: „Wir wollen Sie beruhigen und Ihnen Mut machen, dass sie sich in Lehrte immer noch gut bewegen können.“

Dem mulmigen Gefühl trauen und wachsam sein

„Es gibt viele Dinge, die Sie selbst tun können“, meint die Lehrter Kontaktbeamtin Imke Wolff. Besuche oder Ausflüge sollten vorausschauend geplant werden. Wer wisse, wann die Bahn fährt, müsse gerade zu späterer Stunde keine halbe Stunde auf dem Bahnsteig warten. „Finden Sie sich kurz vorher dort ein. Stellen sie sich nicht allein abseits, sondern zu anderen“, riet Wolff. Zudem gebe es das Frauentaxi. Wer Angst habe, weil er hinter sich Schritte höre, könne die Straßenseite wechseln. Grundsätzlich sollte die beleuchtete Seite gewählt werden, empfiehlt Wolff. Zudem rät sie, die Tastensperre des Handys auszuschalten und auf dem Heimweg mit einem Bekannten zu telefonieren. All das gebe Sicherheit. Ein griffbereiter Handtaschenalarm helfe, im Notfall Passanten auf sich aufmerksam zu machen. „Scheuen Sie sich nicht, die 110 zu rufen. Dafür ist der Polizeinotruf da“, so Wolff.

Ein sicheres und festes Auftreten – auch wenn einem innerlich ganz anders zu Mute sei – helfe sehr: „Stehen Sie ihre Frau, wahren Sie Distanz, machen Sie klar, was Sie nicht wollen. Aber bleiben Sie beim Sie und werden Sie nicht beleidigend oder drohend – das verschärft die Situation nur noch“, sagt Ina Nentwig, Leiterin des Lehrter Polizeikommisariats. „Wenn Sie ein ungutes Gefühl haben: Stecken sie nicht den Kopf in den Sand, sondern trauen Sie Ihrem Instinkt. Schauen Sie sich um, versuchen Sie herauszufinden, was dieses Gefühl hervorruft.“

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Von Sandra Köhler

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