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Uetze

Gewalt ist Thema beim SoVD-Frauenfrühstück

Brigitte Mende von der AWO-Frauenberatungsstelle Burgdorf, Lehrte, Sehnde, Uetze (stehend) spricht beim ersten Frauenfrühstück des SoVD Ortsverband Uetze über das Thema Gewalt an Frauen.

Brigitte Mende von der AWO-Frauenberatungsstelle Burgdorf, Lehrte, Sehnde, Uetze (stehend) spricht beim ersten Frauenfrühstück des SoVD Ortsverband Uetze über das Thema Gewalt an Frauen.

Uetze.Volles Haus beim ersten Frauenfrühstück des SoVD Ortsverband Uetze: Rund 60 Frauen waren der Einladung der neuen Frauensprecherin Annette Scholz und ihrer Schatzmeisterin und 2. Kreisvorsitzenden des SOVD Burgdorf Anne-Marie Weibel gefolgt. Diese, darunter auch Petra Sellien vom Trägerverein Frauenhaus Celle, verfolgten gleichermaßen gebannt und betroffen, was Referentin Brigitte Mende anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen ausführte.

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Bereits die Tischdekoration sagt, worum es thematisch geht beim ersten Frauenfrühstück des SoVD Ortsband Uetze.

Bereits die Tischdekoration sagt, worum es thematisch geht beim ersten Frauenfrühstück des SoVD Ortsband Uetze.

Statistiken zufolge erlebt jede siebte Frau im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt, bundesweit sind im Jahr 2017 147 Frauen an deren Folgen gestorben, berichtete die Mende von der AWO-Frauenberatung Burgdorf, Lehrte, Sehnde, Uetze. Den Staat kostet häusliche Gewalt jährlich unfassbare 3,8 Milliarden Euro: wenn man neben Polizeieinsätzen, Arzt-, Krankenhaus- und Therapiekosten auch Beratungseinrichtungen und die Kosten einrechnet, die die Betreuung von betroffenen Kindern betreffen.

Brigitte Mende von der AWO-Frauenberatungsstelle Burgdorf, Lehrte, Sehnde Uetze.

Brigitte Mende von der AWO-Frauenberatungsstelle Burgdorf, Lehrte, Sehnde Uetze.

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Im Interview gibt Mende Auskunft über die traurigen Facetten des Themas – und benennt, was sich ihrer Meinung dringend ändern müsste.

Bundesweit wurden im vergangenen Jahr insgesamt 138.893 Menschen von ihrem Partner verletzt – die Bundesfamilienministerin spricht von einer Zunahme der Straftaten. Wie sieht die Situation bei den Menschen aus, die Sie beraten?

Wir erleben in unserer Frauenberatungsstelle eine deutliche Zunahme von Frauen, die sich Unterstützung holen. Durch eine weitere Mitarbeiterin konnten wir unser Beratungsangebot ausweiten, wodurch sich die Wartezeiten verkürzt haben. Die AWO Frauenberatung wird finanziert über die Region, die vier Kommunen Burgdorf, Lehrte Uetze, Sehnde sowie durch das Land. Künftig werden wir auch in Uetze ein zusätzliches Angebot einrichten können.

Zu oft kommen Frauen, immerhin 82 Prozent der Opfer, zu spät in die Beratungsstellen. Warum holen sie sich nicht frühzeitig Hilfe?

Ich frage mich eher, warum immer noch so viele Männer Gewalt ausüben. Unsere Gesellschaft weist trotz Errungenschaften in der Gleichstellung ungleiche Machverhältnisse auf. Sexualisierte Gewalt beginnt oftmals sehr früh, zum Beispiel durch anzügliche Bemerkungen, durch sexuelle Belästigung sowie sexistische Werbung, in der Frauen diskriminiert werden. Die Gründe, warum Frauen sich nicht sofort trennen, sind vielfältig: früh erlebte (sexualisierte) Gewalt in der Kindheit macht es Frauen schwerer, sich gegen einen gewalttätigen Partner zu wehren; Frauen mit Kindern wollen ihnen nicht den Vater entziehen; Trennungen sind schmerzhaft und es benötigt Zeit und Vertrauen; der Schritt in die Beratungsstelle erfordert immer auch eine Überwindung. Ehe Frauen in die Beratungsstelle kommen, haben sie einen Trennungsprozess oftmals innerlich durchgespielt und nehmen die gebotene Unterstützung in Anspruch.

Was muss aus Ihrer Erfahrung heraus passieren, dass sich Betroffene eher melden?

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Es muss viel selbstverständlicher werden, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Denn es ist ein Zeichen von Stärke sich mit seinen Nöten an jemanden zu wenden, der professionelle Hilfe anbieten kann. Nach dem Motto „Wer schlägt, muss gehen“, hilft das Gewaltschutzgesetz dabei, dass Frauen mit ihren Kindern in der Wohnung bleiben können und der Mann gehen muss. Durch Hashtags wie #aufschrei oder #metoo haben viele Frauen eine Möglichkeit gefunden, den ersten Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen und sich zu wehren. Diese Frauen haben eine Grenze überschritten, die sich auch auf andere Frauen auswirkt und Mut macht, einen anderen Weg zu gehen. Ich führe neuerdings eine Statistik über früher erlebte sexualisierte Gewalt, da diese in den Beratungsgesprächen in letzter Zeit öfters thematisiert wurde.

Stalking, sexuelle Nötigung, psychische Gewalt – die Bandbreite der Taten ist groß. Womit werden Sie und Ihre Kolleginnen am meisten konfrontiert?

Da gibt es für mich kein Ranking, jeder einzelne Fall ist in all den betroffenen Bereichen einer zu viel. Meistens liegen vielfältige Unterdrückungsformen vor: Sie werden isoliert von Freundinnen und Familie oder ihr Handy wird überwacht. Oftmals verfügen Frauen nicht über ausreichend finanzielle Mittel und sind wirtschaftlich abhängig von dem Mann. Oder sie werden eingeschüchtert und mit Kindesentzug bedroht, weswegen sie sich gegen eine Trennung entscheiden. Laut einer neuen Studie von Sylvia Sacco belaufen sich in Deutschland die Kosten in Folge von häuslicher Gewalt auf 3,8 Milliarden Euro pro Jahr.

Längst reichen die Plätze in den Frauenhäusern nicht mehr aus. Wie spüren Sie den Mangel in Ihrer täglichen Arbeit?

Leider muss ich diese Frage bejahen. Gerade dann, wenn ein Platz im Frauenhaus benötigt wird, muss es schnell gehen. Ich versuche natürlich in der der Region Hannover einen Platz für die Frau zu finden. Für freie Plätze mussten Frauen teilweise in weit entfernte Städte ausweichen. Die fehlenden Wohnungen auf dem Wohnungsmarkt machen sich dabei gerade auch hier sehr deutlich bemerkbar.

Welche Rolle spielen Vorträge wie der heutige für Ihre Arbeit?

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Das ist wichtige Öffentlichkeitsarbeit, die dazu führt, dass Frauen unser Angebot kennenlernen können und so vielleicht frühzeitiger an uns herantreten. Meiner Kollegin, Frau Ogiermann und mir ist es wichtig, dass Frauen wissen, dass wir vertraulich, anonym und kostenfrei beraten. Die Frauen können sich hier zunächst informieren und dann entscheiden, wie es weitergehen kann.

Das Jahr geht zu Ende – viele Wünsche dürfen jetzt in der Vorweihnachtszeit geäußert werden. Was würden Sie sich und Ihren Klientinnen für das Jahr 2019 wünschen?

Wünschen würde ich mir schon, dass weniger Klientinnen zu uns kommen müssten und es weniger Gewaltfälle gibt. Ich fürchte aber, dass dieser Wunsch ohne strukturelle Verbesserungen im Gewaltschutz, in Prävention und gesellschaftlicher Ächtung von Gewalt nicht realistisch ist. Und dazu gehört auch, dass Gewalt gegen Frauen nicht als „Beziehungstat“ verharmlost werden darf. Die Rechtsanwältin Christina Clemm hat im Spiegel Online zu Recht den Vorwurf erhoben, dass prügelnde Väter zu milde abgeurteilt werden, ich zitiere: „Die Gerichte urteilen oft milder als in sonstigen Fällen. Ein Beispiel: Eine Mandantin von mir ist von ihrem Mann fast totgeschlagen worden. Sie hatte mehrere Brüche am Kopf, musste unzählige Operationen ertragen und lag auf der Intensivstation. Man wird immer ihre Narben sehen und es war nicht die erste Körperverletzung zu ihrem Nachteil. Der Mann hat eine geringe Freiheitsstrafe bekommen. Hätte er einen Fremden so zugerichtet, wäre die Strafe sicher deutlich höher ausgefallen.“

Von Sandra Köhler

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