Lokal gibt auf

Wieder verschwindet eine Traditionswirtschaft aus der Wedemark: Gasthaus Stucke in Mellendorf schließt seine Türen

Eine Konstante im Ortsbild von Mellendorf: Das Gasthaus Stucke ist seit dem Baujahr 1898 in der äußeren Erscheinung unverändert geblieben.

Eine Konstante im Ortsbild von Mellendorf: Das Gasthaus Stucke ist seit dem Baujahr 1898 in der äußeren Erscheinung unverändert geblieben.

Mellendorf. Spontan einkehren können Gäste zum Essen à la carte nicht mehr: Seit über einem Jahr öffnet das Gasthaus Stucke an der Wedemarkstraße nur noch für Gesellschaften ab zehn Personen. Aber auch diese Tage lassen sich abzählen: Zum 31. Oktober wird der Betrieb eingestellt. Damit gibt einer der nachgewiesen ältesten Gasthöfe mitten in der Wedemark auf.

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Gerade jetzt hat Koch und Betriebschef Heiner Stucke mit seinem Team alle Hände voll zu tun, denn die Stammgäste und Vereine sind informiert. Und wer noch eine Feier dazwischenschieben möchte, für den wird es eng. Eng ums Herz ist es aber auch der Familie, dem Eigentümer und Mitarbeitern. „Manche von ihnen haben teils 40 oder 50 Jahre zu uns gehalten“, erzählt Stucke. Immer habe er sich standhaft und erfolgreich nur gemeinsam mit seinem Team in diesem anstrengenden Gastronomie-Geschäft gesehen. Und zum Team zähle auch die Familie, die alles mittragen müsse.

Hier wurde auch Politik gemacht: In Stuckes Saal hat viele Jahre der Gemeinderat getagt. Die Feuerwehr und zahlreiche Vereine haben ihre Versammlungen dort abgehalten und Feste gefeiert.

Hier wurde auch Politik gemacht: In Stuckes Saal hat viele Jahre der Gemeinderat getagt. Die Feuerwehr und zahlreiche Vereine haben ihre Versammlungen dort abgehalten und Feste gefeiert.

Personal fehlt für hohen Standard

Jedoch: "Die Mitarbeiterproblematik ist über die vergangenen drei Jahre immer schwieriger geworden, auch durch Corona", berichtet der Küchen- und Betriebschef. Ständig müsse er mit Aushilfen arbeiten und von Tag zu Tag neu disponieren. "Das zehrt an den Nerven; ich will ja die beste Leistung für die Gäste erbringen. Aber ich finde die Leute vom Fach mit Herzblut nicht mehr, die das hohe Niveau halten würden." Mit dieser Situation habe die gesamte Branche zu kämpfen – und viele Betriebe in der Wedemark existierten schon lange nicht mehr. "Ich mache jetzt 40 Jahre Gastronomie", sagt Stucke. "Da bleibt kein Auge trocken. Das sind Fulltime-Jobs."

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Gasthaus Stucke ist ein Ruhepol im dörflichen Wandel

Das Gasthaus Stucke in Mellendorf geht zurück auf einen Krug, der urkundlich erstmals 1624 erwähnt wird. Seit dem Jahr 1744, als ein Hans Cord Stucke dort einheiratete, trägt die Gaststätte diesen Namen. Zur damaligen Gastwirtschaft gehörte, wie seinerzeit üblich, ein Bauernhof. In der langjährigen Geschichte beherbergte der frühere Saalbereich zeitweise einen Kindergarten, später eine Kegelbahn. Das Gasthaus in seinem jetzigen Gebäude an der Wedemarkstraße besteht seit 1898 ohne wesentliche Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild.

Als historisches Gasthaus ist es im Band 13,2 der Baudenkmale in Niedersachsen beschrieben. In zwei Weltkriegen blieb das Gebäude von Zerstörungen verschont. Am 25. Mai 1945, nach Kriegsende und dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, wurde die Stucke-Kreuzung zum Ort einer Bücherverbrennung mit schlimmen Folgen: Die Flammenwerfer waren falsch eingestellt, es gab Verletzte und eine nicht genau belegte Anzahl von Toten. Im Saal des Gasthauses fanden wie überall damals auch Flüchtlinge eine Unterkunft. Über Jahrhunderte dient das Gasthaus Stucke vielen Mellendorfer Vereinen und der Feuerwehr als Vereinslokal – und bleibt bis zuletzt Konstante im Ortsbild und Ruhepol im dörflichen Wandel.

Keine Nachfolge aus der Familie

Neben dem Personalproblem kennt Heiner Stucke auch den Modernisierungsbedarf im Betrieb und, natürlich, den Umfang notwendiger Investitionen in ein so großes Haus. „Selbst, wenn wir das aufschieben, fällt es meiner Familie in fünf und zehn Jahren wieder auf die Füße“, verdeutlicht er.

So wurde die Entscheidung vor etwa einem Jahr im Familienrat getroffen. „Emotional wünschen wir uns das nicht, aber rational ist die Entscheidung richtig“, sagt Stucke. Sie fiel nach langem Überlegen sehr klar aus, denn die drei erwachsenen Kinder sind beruflich anders orientiert und kommen für eine Fortführung des Betriebes nicht infrage.

Nach Gastronomie zieht Kanzlei ein

Haus und Grundstück des Gasthauses Stucke sind bereits veräußert, kein leichter Schritt für die Familie. „Als mein Uropa das Gebäude auf dem Grundstück errichtete und von weiter hinten nach vorn an die Straße rückte, kostete das Haus 3000 Goldmark“, weiß Heiner Stucke.

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Eine lange Tradition: Im Buch der Baudenkmale in Niedersachsen ist das Gasthaus Stucke aufgeführt.

Eine lange Tradition: Im Buch der Baudenkmale in Niedersachsen ist das Gasthaus Stucke aufgeführt.

Er selbst hat den Betrieb vor 30 Jahren von seinem Vater Heinrich übernommen. "Tradition war mir eine Herzensgeschichte", sagt er und hat dies so auch auf der Internetseite des Gasthauses mit großem Bedauern seinen langjährigen Gästen übermittelt.

Während die Herzensangelegenheit seiner Familie hier enden muss, weiß Stucke immerhin, dass die Tradition einer anderen lange ansässigen Mellendorfer Familie nun anknüpft. Eine Anwalts- und Steuerberaterkanzlei mit ebenfalls altem Mellendorfer Namen wird künftig das Gebäude als Büro nutzen. Das Haus ist bisher unten als Gewerbefläche ausgewiesen, im Obergeschoss zum Wohnen. Dort wohnen zu bleiben, kann Heiner Stucke sich nicht mehr vorstellen. Auch beruflich sucht der Koch und Restaurantfachmann neue Herausforderungen. „Ich will nicht die Hände in den Schoß legen“, sagt der 57-Jährige. „Es wird eine Stelle für mich geben.“ Aber eben nicht mehr im eigenen Gasthaus.

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