Steinhuder Meer

Inselvogt sitzt seit einem Monat im Eis fest

In der Ferne verschwimmt die Festung in der diesigen Winterluft. So mancher Spaziergänger, der in diesen Tagen am Ufer in Steinhude unterwegs ist, sucht im Nebel nach den Umrissen des Wilhelmsteins – und trägt dabei ein wenig Sehnsucht im Blick. Seit Wochen schon ruht die kleine Inselfestung inmitten der unberührten Schneepracht. Wie feines weißes Pulver hat sich der Schnee über die dünne Eisschicht auf dem Steinhuder Meer gelegt. Mehr Idylle geht fast nicht.

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Das sieht Michael Zobel prinzipiell genauso. Inzwischen hat er aber zu viel davon. Manchmal hängen die Dinge von der Perspektive ab. Und Zobel blickt eben nicht vom Ufer aus auf die Festung, sondern umgekehrt. Und zwar als Einziger. Der 48-Jährige ist Inselvogt – sozusagen Hausmeister – auf der Festung Wilhelmstein und sitzt dort dank Schnee und Eiseskälte seit 30 Tagen fest. Seitdem ist das Eis auf dem Binnensee zu dick, als dass Zobel improvisieren und das kleine Motorboot zum Eisbrecher umfunktionieren könnte. Aber es ist eben auch zu dünn, um es zu betreten. „Ich komme hier nicht mehr weg“, erzählt Zobel am Telefon und lacht ein kräftiges Lachen. So eines, wie nur Menschen es haben, die viel an der frischen Luft sind. Menschen, die es eigentlich gewohnt sind, Wind und Wetter zu trotzen. Nun machen ein paar Zentimeter Eis Zobel einen Strich durch die Rechnung. „Das wird zur Belastung, wenn man nicht weiß, wie lange das noch so weiter geht.“

Alles begann in der Woche vor Weihnachten. „Mein Kollege Stephan Tewes sollte über die Feiertage auf der Festung die Stellung halten“, sagt der Inselvogt. In der Woche vor Weihnachten habe Tewes die Insel deswegen verlassen, um noch einige Erledigungen zu machen. „Am 18. Dezember sollte er mich wieder ablösen“, sagt Zobel. Doch schon als er an jenem Morgen die Gardinen des Schlafzimmerfensters in seinem Diensthaus auf der Insel beiseite schob, habe er gewusst, dass daraus wohl nicht werden würde. „Die Kälte hatte zugeschlagen. Das Steinhuder Meer war dicht“, sagt Zobel.

Optimistisch, Weihnachten doch noch mit Ehefrau Heidrun und Tochter Jennifer im Deister feiern zu können, wartete Zobel die nächsten Tage ab. „Seit sechs Jahren bin ich Inselvogt. Seitdem ist das Wasser noch nie so früh im Winter gefroren“, sagt Zobel. Er sei geradezu davon überzeugt gewesen, dass die Temperaturen wieder steigen und das Problem sich im wahrsten Sinne auflösen würde. „Daraus ist nichts geworden.“ Weihnachten verbrachte Zobel mit Schnitzel, Rosenkohl und Bachs Weihnachtsoratorium vom Plattenspieler. Eine Woche später hatte sich noch immer nichts getan. Zobel steckte fest. Um nicht einen Inselkoller zu riskieren, ließ er die Ein-Mann-Feier am Silvesterabend lieber gleich ausfallen und ging vor Mitternacht zu Bett. „Das erste Mal in meinem Leben“.

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Nach 30 Tagen nun soll Schluss sein mit der Einsamkeit. Zobel will weg von der Insel. Gemeinsam mit der fürstlichen Hofkammer in Bückeburg – sie verwaltet den Wilhelmstein im Auftrag des Fürsten Alexander zu Schaumburg-Lippe, der die Festung zu seinen Besitztümern zählt – grübelt Zobel seit einigen Tagen, wie er es endlich zurück auf das Festland schaffen könnte.

„Eigentlich spricht nichts dagegen, dass ich bleibe. Aber ich hab’ einfach genug“, sagt Zobel. Die Festung ist sein regulärer Wohnsitz. Auch seine Familie verbringt im Sommer viel Zeit auf der Insel. Zobel bewohnt dort ein vollständig eingerichtetes Haus, die große Vorratskammer wird für den Fall der Fälle im Herbst bis unter die Decke mit Lebensmitteln gefüllt. „Das reicht für gut vier Monate“, sagt Zobel. Jegliche frische Kost sei inzwischen allerdings verbraucht. Auch in der Küche herrscht nun Eiszeit. Zobel ernährt sich aus der Tiefkühltruhe.

Langsam wird selbst die Arbeit knapp. Die Inventur des Inselladens hat Zobel vor einigen Tagen abgeschlossen, alle anstehenden Reparaturen in den Gebäuden auf der Insel ausgeführt. „Alle Arbeiten, die bis März erledigt werden sollten, sind fertig“, sagt der Inselvogt. Für Ende des Monats hat Zobel einen Urlaub auf Mallorca gebucht, in einigen Tagen will er seinen 49. Geburtstag feiern – gemeinsam mit der Familie.

Dem soll nach Einschätzung der Freiwilligen Feuerwehr Steinhude nichts im Weg stehen. Am Freitag wollen einige Mitglieder Inselvogt Zobel mit einem kleinen Luftkissenboot von der Festung holen – und damit eine Premiere wagen. „Das Boot ist neu. Wir haben es auf dem vergleichsweise dünnen Eis noch nicht ausprobiert“, sagt Ortsbrandmeister Ralph Nellsen. Er ist dennoch optimistisch, dass der Einsatz erfolgreich verlaufen wird. „Auf einer schneebedeckten Wiese haben wir das Boot, das ja quasi auf Luft schwebt, bereits getestet.“ Am Vormittag soll es von Steinhude aus starten.

Mit an Bord ist dann Stephan Tewes. Zobels Kollege will in den kommenden Wochen die Stellung auf der Insel halten. Ganz allein auf der Festung, die in der Ferne in der diesigen Winterluft verschwimmt.

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