Rezension

ARD-Miniserie „Retoure“: repariert statt geschreddert

Stefanie Stappenbeck und Wanja Mues in der dreiteiligen Miniserie „Retoure“.

Stefanie Stappenbeck und Wanja Mues in der dreiteiligen Miniserie „Retoure“.

Die Warnung ist unmissverständlich: „Hier wache ich.“ Das Schild zeigt allerdings keinen Schäferhund, sondern ein gefletschtes Pferdegebiss, und das entsprechende Pferd ist auch kein ausgewachsener Hengst, sondern ein Zwergpony.

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Kein Wunder, dass Menschen, die sich dem Werksgelände nähern, den Hinweis nicht ernst nehmen, was sich allerdings rächt, wie Oliver Drittenpreiss prompt erfährt. Dass der Angriff des Tiers mit dem düsteren Titelmotiv aus dem Spielberg-Klassiker „Der weiße Hai“ unterlegt ist, treibt den Witz auf die Spitze. „Willkommen im wilden Osten“, begrüßt Susanne Krombholz (Stefanie Stappenbeck), die Leiterin des Retourencenters Mecklenburg-Vorpommern, kurz RMV, den Neuankömmling aus dem Westen.

Geschreddert? Nicht in diesem Retourencenter

Wer diese Art von Humor mag, wird an „Retoure“ viel Freude haben. Trotzdem reiht das Drehbuch von Katharina Walther und Florian Mengel nicht einen Gag an den anderen. Dramaturgisch funktioniert die dreimal dreißig Minuten kurze Serie ohnehin wie ein Spielfilm, denn der Fortsetzungscharakter zeigt sich einzig in den Cliffhangern zum Ende der Episoden: Die Belegschaft des irgendwo in der norddeutschen Provinz angesiedelten RMV hat einen Weg gefunden, um das überschaubare Einkommen aufzubessern. Die zurück­geschickte Ware wird, sofern beschädigt, repariert und unter der Hand verkauft, gilt aber offiziell als geschreddert. Eines Tages jedoch schickt die Hamburger Zentrale einen Optimierer, und damit droht das Ende der lukrativen Idylle.

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Sehenswert ist „Retoure“ vor allem wegen des gut zusammen­gestellten Ensembles. Stefanie Stappenbeck ist ohnehin stets ein Vergnügen, Wanja Mues als Gegenspieler ist ihr ein ebenbürtiger Partner, zumal Drittenpreiss nach und nach offenbart, dass er keineswegs der herzlose Überflieger ist, für den ihn alle halten. Als klar wird, dass er gekommen ist, um zu bleiben, weil er große Pläne mit dem RMV hat, fürchten die Angestellten, über kurz oder lang durch Roboter ersetzt zu werden. Es gibt nur eine Lösung: Der Mann muss weg – für immer.

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Bloß 15 Tage Drehzeit für „Retoure“

Torsten Wacker hat viel Erfahrung mit Werbespots und Serienepisoden gesammelt (unter anderem „Mord mit Aussicht“ und „Großstadtrevier“). In beiden Fällen ist hoch­konzentriertes Arbeiten vonnöten, und das galt auch für „Retoure“: Der Regisseur hatte bloß 15 Tage Drehzeit; bei neunzig-minütigen Fernsehfilmen sind es mindestens sechs Tage mehr. So etwas funktioniert nur mit einem entsprechend professionellen Team vor und hinter der Kamera. Dass die meisten Mitwirkenden über enorm viel Erfahrung verfügen, kam Wacker natürlich entgegen. Gerade bei Komödien entsteht das Tempo zwar vor allem beim Schnitt, aber natürlich muss das Timing bereits beim Drehen stimmen. Den Rest besorgen die rockige Musik (Tim Morten Uhlenbrock) und der Dialogwitz.

Neben dem Unterhaltungsaspekt hat die Serie auch eine Botschaft, die Buch und Regie aber nie vor sich hertragen: Allein in Deutschland gab es 2021 weit über eine Milliarde Retouren; viele landen im Schredder. Drittenpreiss repräsentiert zudem einen Kapitalismus, der die Grenzen des Wachstums ignoriert und ohne Rücksicht auf Verluste immer mehr will.

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Klischees hinterfragen

Gleichzeitig steht die Figur jedoch auch für die erkennbare Absicht des maßgeblich von Katharina Walther geprägten Projekts (sie hat die Folgen zwei und drei allein geschrieben), Klischees zu hinterfragen: Auf den ersten Blick entspricht der Manager dem Bild des Besser­wessis; später stellt sich raus, dass er aus der Region stammt (gedreht wurde in Schwerin und Umgebung) und mit seinen Maßnahmen verhindern will, dass das RMV dichtgemacht wird.

Weil der vermeintliche Feind also zunehmend an Sympathie gewinnt, wandelt sich langsam, aber sicher auch Susannes ablehnende Haltung. Die absehbare Romanze wird allerdings auf eine zweite Staffel vertagt. Der Schluss der dritten Folge schreit zwar nach einer Fortsetzung, aber ob es dazu kommt, entscheidet der NDR erst nach der TV‑Ausstrahlung am 21. Dezember.

„Retoure“ ist ab sofort in der ARD-Mediathek streambar und läuft am 21. Dezember in der ARD im Fernsehen.

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