TV-Kritik

ARD-Serie „Das Netz – Spiel am Abgrund“: der Kick der Macht

Strafverteidigerin Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr) zwischen dem Präsidenten der World Football Association (WFA) Jean Leco (Raymond Thiry) und Richard Felgenbauer (Tom Wlaschiha).

Strafverteidigerin Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr) zwischen dem Präsidenten der World Football Association (WFA) Jean Leco (Raymond Thiry) und Richard Felgenbauer (Tom Wlaschiha).

Ähnlich wie die Olympischen Spiele sind Fußball-Weltmeisterschaften so etwas wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Weil sie aber nur alle vier Jahre stattfinden, hat der Präsident des Weltfußballverbands (WFA) eine Idee, wie sich noch einige Milliarden mehr verdienen ließen – und das zudem jedes Jahr: mit einer „World League“. Eine erste vermeintlich geheime Probeabstimmung im WFA-Rat führt zu einer knappen Niederlage, aber selbstredend kennt der mächtige Strippenzieher Mittel und Wege, um die Wankelmütigen von seiner Linie zu überzeugen.

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Das Szenario ist fiktiv. Trotzdem sind die Parallelen zur Wirklichkeit nicht zu übersehen; die Weltligapläne erinnern nicht zufällig an die gescheiterte Super League. Die Frage ist nur: Wie lässt sich rund um diesen Handlungskern eine Serie konzipieren, die acht Folgen und somit 360 Minuten auf höchstem Niveau fesselt?

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Lea will herausfinden, warum David sterben musste

Die Antwort ist: Liebe. Zentrale Figur von „Spiel am Abgrund“ ist die Berliner Anwältin Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr). Ihr Freund David (Itay Tiran) ist Talentscout und leitet gemeinsam mit seinem Partner (Tom Wlaschiha) einen Nachwuchscampus am Bodensee: Er hält auf den staubigen Bolzplätzen Schwarzafrikas Ausschau nach begabten jungen Kickern, holt sie nach Deutschland und vermittelt sie im besten Fall für viel Geld an große Klubs.

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Als David beim Treffen mit einem Sportjournalisten vor Leas Augen in seinem Auto verbrennt, geht die Polizei von einem Unfall aus, aber Hooligan Marcel (Max von der Groeben) hat mitbekommen, dass David zuvor von russischen Schlägern überfallen worden ist; Marcels bester Kumpel ist dabei getötet worden.

Auf der Figurenebene bezieht die Serie ihren Reiz fortan aus dieser ungewöhnlichen Konstellation: Lea will herausfinden, warum David sterben musste. Marcel, gerade erst aus der Haft entlassen und mehr Muskeln als Hirn, will Rache; also tun sich die beiden zusammen. Lea stößt auf Davids Verbindung zum Weltfußballverband, Marcel entdeckt eine Spur, die zu einem russischen Fitnessstudio in einer Industriebrache führt.

Die Spinne im Netz

Die Ebene mit Marcel und den Russen hätte sich auch knapper erzählen lassen, zumal Leas Ermittlungen ungleich komplexer sind. Bei ihren Recherchen wird sie nicht nur von einem Schergen der WFA verfolgt, sie kommt zudem der Europäischen Antikorruptionsbehörde in die Quere, die den Betrügereien des WFA-Bosses Jean Leco endlich ein Ende setzen will; der Niederländer Raymond Thiry legt den Funktionär ähnlich stoisch an wie seinen brillanten BKA-Profiler in der kurzlebigen Sat.1-Thrillerreihe „Nemez und Sneijder“. Leco ist die Spinne in jenem Netz, dem die Serie zumindest dem Anschein nach ihren Titel verdankt. Allerdings verblüffen die Drehbücher (Chefautor: Bernd Lange) gerade in den letzten Folgen durch immer wieder neue und völlig unvorhersehbare Wendungen, bis sich schließlich zeigt: Im Grunde ist auch Leco bloß eine Figur in einem Spiel.

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Die Geschichte ist von imposanter Komplexität, und das gilt nicht nur für die immer größeren Kreise, die Leas Recherchen ziehen, als sie entdeckt, dass es unter den afrikanischen Talenten zu mysteriösen Todesfällen gekommen ist; dank der Sendezeit von rund 360 Minuten konnte das Drehbuchteam zudem eine Vielzahl scheinbar nebensächlicher Details in die Handlung integrieren.

Ambivalenz vieler Figuren

Handwerklich bewegt sich die Serie auf höchstem Niveau, schon die Bildgestaltung (Juan Sarmiento G.) mit ihren satten Farben ist preiswürdig (Regie: Rick Ostermann), doch die eigentliche Faszination resultiert aus der Ambivalenz vieler Figuren. Unter der Dachmarke „Das Netz“ ist auch die Serie „Prometheus“ entstanden. In der österreichischen Produktion, die wie „Spiel am Abgrund“ bereits komplett in der ARD-Mediathek steht, geht es um eine spezielle Form der Ausbeutung junger Spieler.

„Das Netz – Spiel am Abgrund“ ist am 3. November ab 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

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