Interview mit zwei Mystery-Meistern

Baran bo Odar und Jantje Friese zur Netflix-Mystery „1899“: „Wir fordern den Zuschauer heraus“

Geben gerne Rätsel auf: Nach drei Staffeln „Dark“ entführen Baran bo Odar und Jantje Friese ihr Publikum in der Serie „1899“ in ein Rätsel, das sich um zwei Ozeandampfer entspinnt. Die Serie startet am 17. November beim Streamingdienst Netflix.

Geben gerne Rätsel auf: Nach drei Staffeln „Dark“ entführen Baran bo Odar und Jantje Friese ihr Publikum in der Serie „1899“ in ein Rätsel, das sich um zwei Ozeandampfer entspinnt. Die Serie startet am 17. November beim Streamingdienst Netflix.

Mit ihrem neuen Mystery-Serienprojekt „1899“ geht das Filmemacherpaar Jantje Friese und Baran bo Odar zurück in die Zeit, als Dampfschiffe mit wohlhabenden Reisenden und Auswanderern die Meere kreuzten. Die Epoche fanden beide faszinierend: „So viel brodelt da, was für uns heute immer noch relevant ist“, meint Drehbuchautorin Jantje Friese.

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Hallo Jantje Friese, Baran bo Odar, wie fühlen Sie sich jetzt, nur ein paar Tage vor dem Start Ihrer neuen Mystery-Serie „1899“ bei Netflix?

Bo Odar: Nervös sind wir schon.

Friese: Sehr aufgeregt.

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Bo Odar: Aber nicht negativ. Positiv nervös.

Die neue Serie geht noch mal 54 Jahre tiefer in die Vergangenheit als die früheste Zeitebene des Vorgängers, des Netflix-Hits „Dark: Dampfschiffzeitalter, Schlussphase der viktorianischen Ära.“ Was faszinierte Sie an dieser Ära?

Friese: Das „Fin de siècle“ ist eine sehr spannende Zeit, weil sich da das Alte von dem Neuen trennt. Es ist der Schwellenübertritt in eine ganz neue Zeit, in die Moderne. Und gleichzeitig liegen in dieser Phase sehr viele gesellschaftliche Konflikte wie unter einem Brennglas – Klassenunterschiede, Mann-Frau-Gegensatz, Sexualitätserwachen. So viel brodelt da, was für uns heute immer noch relevant ist.

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Fortschrittsglaube trifft auf Aberglaube – auch im Schiffsbauch des Dampfers Kerberos.

Bo Odar: Genau. Da hat beispielsweise eine Figur, die an Ratio und Wissenschaft glaubt, ihren Clash mit einem religiös verankerten Früher-war-alles-viel-besser-Typen. Solche Konstellationen fanden wir wahnsinnig spannend.

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Friese: Außerdem ist „1899“ eine total magische Zahl.

Bo Odar: 1 plus 8 ist 9 – macht dreimal 9. Umgekehrt: 666.

Oha! Ein Teufelsjahr! Es geht in „1899“ ja auch um ein Geisterschiff, um den monatelang verschollenen Ozeandampfer Prometheus, von dem Nachrichten bei der Kerberos eintreffen, ohne dass noch Besatzungsmitglieder oder Passagiere an Bord wären. Wie kam es zu dieser Geschichte?

Friese: Es fing eigenartig an – mit einer Fotografie, über die wir gestolpert sind. Darauf war ein Mann zu sehen, der in einem Unterhemd blutüberströmt mit einem Hammer an Deck eines Schiffes stand. Der hatte einen unglaublich intensiven Gesichtsausdruck – irgendwie hat der mit uns gesprochen. Wir stellten uns Fragen: Wo ist das geschehen, wie ist der Mann in diese Situation gekommen, wovor flieht er, wo will er hin und wie ist dieses Foto entstanden? Dieser Mann, dieser Moment kommt in „1899“ nicht vor. Er hat auf den ersten Blick also nicht so viel mit der Serie zu tun – aber er war der Initialfunken, der das alles in Bewegung gebracht hat. Gleichzeitig begann damals die Flüchtlingskrise in Europa. Man bekam das Gefühl, dass das alte Europa, so wie wir es kennen, damals ins Schwanken geraten ist und auf der Kippe steht. Dann kam der Brexit dazu – das schubste die Geschichte von „1899“ in die nächste Richtung: Dass wir Europa unter Laborverhältnissen in dem abgeschlossenen Raum eines Schiffs beobachten wollten.

Das Geisterschiff ist ein klassisches Gruselfilmmotiv. Die Serie „1899“ firmiert nun aber unter dem Genre Mystery – was ja immer so ein bisschen mehr ist, edler und verrätselter.

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Friese: Was uns beide als Filmemacher besonders interessiert, sind Genremixe. Wir erzählen sehr selten innerhalb eines reinen klaren Genres, sondern wir mischen, bedienen uns an Stilmitteln aus anderen Genres, um so etwas Eigenes und Neuartiges zu erschaffen. „1899“ ist zuvörderst eine Mysteryshow, weil es darum geht, ein Rätsel aufzudecken und man sehr lange im Unklaren darüber bleibt, worum es eigentlich geht. Der Zuschauer muss die einzelnen Puzzlestücke aufheben, sie miteinander verbinden und verstehen. Das Horror-Element kommt dann über das verlassene Schiff Prometheus hinzu, auf dem eigenartige Dinge passiert sind, die sich wiederum im Lauf der Episoden mit dem Rest verbinden. Und noch ein anderes Genre könnte sich einbringen (lacht wissend, verrät dann aber nicht, welches). Wir mögen einfach das Spiel mit den Erwartungen und bedienen uns des „Bestecks“, um den Zuschauer auf eine ganz besondere Reise zu schicken.

In „1899“ nimmt der Dampfer Kerberos ein Signal auf, folgt ihm, und das Verderben nimmt seinen Lauf. Das erinnert an die Ridley-Scott-Filme „Alien“ und „Prometheus“. Gehörten die zur Inspiration?

Friese: Wenn, dann sehr unterbewusst. Es wäre eine gute Idee gewesen, aber – eher nicht.

Bo Odar: Visuell jedoch schon. Ich habe mir mit Udo Kramer, dem Produktionsdesigner, viele Screenshots aus dem ersten „Alien“-Film angesehen. Auch bei Scott ging es um ein verlassenes Schiff und wir schauten, mit welchen Lichtmitteln das damals dargestellt wurde. Diesbezüglich war das schon ein großer Einfluss.

Es gibt noch einen möglichen Prometheus-Verweis: In Steven Soderberghs Remake der Stanislaw-Lem-Verfilmung „Solaris“ sitzt George Clooney auf der Raumstation namens „Prometheus“ und erhält Besuch von seiner toten Frau. Nach seiner Visite auf dem Spukdampfer „Prometheus“ bekommt Ihr Kerberos-Kapitän Eyk Larsen Besuch von seiner toten Tochter. Man könnte glauben, das Meer, in dem beide Dampfer dümpeln, sei an dieser Stelle intelligent und halluzinogen, projiziere Visionen wie der Ozeanplanet Solaris. War das ein Bezugspunkt?

Friese: Das würde gut passen – aber ich habe „Solaris“ leider gar nicht gesehen. In jedem Fall geht es in „1899“ darum, aufzudecken, was auf der Prometheus geschehen ist, was auf der Kerberos passiert und was die Kerberos tatsächlich ist. Dass die Dinge nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.

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Gleich in den ersten Minuten der ersten Episode hört man ein Gedicht über die Allmacht des menschlichen Gehirns, sekundenlange Szenen aus einer Nervenheilanstalt blitzen auf, die Heldin Maura mahnt ihren Vater aus dem Off „Ich hab‘s gesehen, was du auf den Schiffen gemacht hast“, bevor sie in ihrer Kabine auf der Kerberos erwacht. Ist es wichtig, ganz früh beim Zuschauer Zweifel an der Einbödigkeit der Geschichte zu wecken, dass es keine straighte Horrorstory wird?

Bo Odar: Das ist schön erkannt. Wir beide sind sehr fasziniert von den Fähigkeiten des menschlichen Gehirns – im Positiven wie im Negativen. Deshalb wurde das vorangestellt. Und wir wollen von der ersten Sekunde an sagen: Look closely – es hat alles seine Bedeutung. Man muss aufpassen, mitdenken.

„Man muss ein aktiver Zuschauer sein, Lücken mit Platzhaltern füllen“

Das Erste, was ich mir dachte, war: Welche Reederei nennt ihr Schiff bloß Kerberos, nach dem Dämon und Höllenhund der Antike, der die Toten bewacht und welche Ozeanreisenden checken da um Himmels Willen ein. Dann dachte ich mir – vielleicht sind die ja alle tot wie Nicole Kidman und ihre Familie in „The Others“. Zwar scheint es in eine andere Richtung zu gehen, aber Namen sind in Ihren Serien nicht unwichtig, oder?

Friese: Wir erzählen grundsätzlich multidimensional. Das war schon bei „Dark“ so. Wir benutzen, Symbole, Objekte, religiöse Referenzen oder auch Namen, die eine vordergründige Bedeutung haben. Was dann beim Betrachter passiert, ist erste Erkenntnis: „Aha, Kerberos, das kenne ich doch – das ist der Wächter der Unterwelt. Sind die alle tot?“ Das ist super – da hat man schon mal eine Theorie, die einen an die Geschichte bindet. Oft haben diese Dinge aber auch noch eine zweite und dritte Ebene, und das ist das Spiel, das wir mit dem Zuschauer treiben. Man muss für „1899“ ein aktiver Zuschauer sein, muss die Lücken mit Platzhaltern füllen, bekommt mehr und mehr Informationen hinzu. Und wenn man das betreffende Objekt das nächste Mal vor sich hat, hat man schon eine ganz andere Einschätzung. Bis sich ganz zum Schluss alle Objekte und Symbole zu einer Erklärung fügen, und man weiß: Darum ging‘s also.

Drei Ihrer vier Cutter waren schon bei „Dark“ an Bord. Der Kameramann Nikolaus Kammerer arbeitet seit „Who am I?“ mit Ihnen, und auch der „Dark“-Komponist Ben Frost ist bei „1899“ wieder im Team.

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Bo Odar: Filmemachen ist Nomadenarbeit. Man ist für gewisse Zeit sehr eng zusammen, muss vieles gemeinsam ertragen, lange und manchmal schwierige Tage miteinander verbringen. Je enger man eine „Familie“ um sich aufbaut, der man vertraut, umso leichter wird diese Zeit. Es ist gut, in den Schlüsselpositionen einer Crew Leute zu haben, mit denen man schon vieles durchgemacht hat, die man gut versteht und die einen gut verstehen. Ich brauche einen Kameramann, mit dem ich wortlos Entscheidungen treffen kann. Das ist wie beim Jazz, wenn man drei Stunden blind und perfekt miteinander spielt. Wo der Rhythmus immer stimmt.

Apropos Rhythmus. Ben Frost hat für „1899“ eine beunruhigende und verstörende Maschinenmusik mit rhythmischen geisterhaften Sirenenstimmenfetzen geschaffen. Einmal wird die Score-Wand zu den handelnden Figuren eingerissen. Was man gerade noch für einen Marschrhythmus des Soundtracks hielt, wird nicht nur vom Zuschauer sondern auch von den Leuten an Bord der Kerberos gehört – mit furchtbaren Konsequenzen. Grandioser Moment.

Bo Odar: Ben Frost kommt vom Sounddesign. Er kreiert Stücke jenseits der Tonleiter. Er nimmt Sound auseinander und macht ihn zum Teil der Geschichte, die erzählt wird. Und das passt zu uns beiden – wir lieben Ton, für uns ist der Ton fast wichtiger als das Bild. Wir verwenden sehr viel Energie und darauf, den richtigen zu finden. Wodurch das Schiff dann wie ein eigener Charakter wirkt. So sind am Ende Bild und Ton wie aus einem Guss und stehen nie gegeneinander.

Der Titelsong ist eine Coverversion von Jefferson Airplanes „White Rabbit“, das am Ende der ersten Episode auch im Original erklingt. Das Lied handelt von dem weißen Kaninchen, das Alice ins Wunderland lockte, von bewusstseinserweiternden Pillen und Pilzen – eine Halluzinogenhymne und sicherlich auch ein Hinweis.

Friese: Ursprünglich wollten wir gar keine Titelsequenz haben. Dann haben wir aber im Schneideraum relativ schnell festgestellt, dass wir vorneweg noch einen Akzent setzen wollen – eine Sequenz, die einem mit auf dem Weg gibt, wo man tonal hängt, dass es um mehr geht, dass es einen doppelten Boden gibt. „White Rabbit“ ist ein Supersong und ich finde es genial, was Eliot Sumner daraus gemacht hat. Hier steht der Fokus auf den Satz „Feed your head – füttere deinen Kopf!“ Und das deutet zumindest an, wofür wir seit „Dark“ stehen – dass es keine leichte Kost ist, die man mal eben so wegkonsumiert. Wir fordern den Zuschauer heraus.

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Ihre erste Serie „Dark“ war von vornherein auf drei Staffeln konzipiert. Die Geschichte war gut auserzählt und Serienfans waren glücklich. Anders als beim Mystery-Klassiker „Lost“, das irgendwann ausfranste und Dinge offenließ oder der Fantasyserie „Game of Thrones“, die in der letzten Staffel allzu hastig ans Ende galoppierte und einige Charaktere verriet. Ist es wichtig, eine Serie schon zu Beginn bis zum Ende durchdacht zu haben – und auf wieviele Staffeln ist „1899“ angelegt?

Bo Odar: „1899“ ist wie „Dark“ auf drei Staffeln konzipiert. Wir kommen vom Film – wir sind Drei-Akte-Struktur gewöhnt. Drei Staffeln sind eine gute Zahl, um Mystery-Geschichten richtig aufzubauen und gut abzuschließen. Wir haben auch schon Ideen, welche Richtung weiter eingeschlagen wird. Aber das hängt natürlich auch davon ab, ob die erste Staffel ein Erfolg wird.

Friese: Man braucht einen Endpunkt, ein Ziel. Im Ende liegt ja stets der Trieb für den Anfang. Es wäre sehr schwierig, loszulaufen, ohne eine Idee zu haben, wo man hinwill. Trotzdem bleibt eine solche festgelegte Geschichte ein dynamisches Konstrukt. Oft stolpert man beim Dreh noch über neue Dinge, die einen interessieren und die man einbaut.

„Wir beide konsumieren ganz viele Serien“

In dieser Woche ist die Mystery-Serie „Manifest“ Nummer 1 in den Netflix-Charts, ich nehme an, nächste Woche wird die Mystery-Serie „Souls“ Nummer 1 bei Wow sein. Und übernächste Woche dann ziemlich sicher „1899“ bei Netflix. Das Genre boomt. Schauen Sie, was die Konkurrenz mit dem Genre Mystery macht?

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Friese: „Souls“ will ich mir unbedingt ansehen. Mit „Manifest“ habe ich angefangen – bin aber noch nicht sonderlich weit. Unsere Tochter ist ein Megafan von „Manifest“ – die ist total dabei. Und wir beide konsumieren übrigens ganz viele Serien – und beileibe nicht nur Mystery.

Baran bo Odar (44) ist Regisseur und Drehbuchautor. Mit seiner Frau, der 1977 in Marburg geborenen Filmproduzentin und Drehbuchautorin Jantje Friese schuf er die Mystery-Serie „Dark“ (2017-2020), die erste in Deutschland entwickelte und gedrehte Serie des Streamingdiensts Netflix. Friese war die leitende Autorin der Serie, bo Odar führte bei allen 26 Folgen Regie. Die Serie wurde ein internationaler Hit, bekam international hervorragende Kritiken und wurde (unter anderem) mit dem Deutschen Fernsehpreis für das beste Buch und den Grimme-Preis im Fach Fiktion ausgezeichnet. Der Erfolg brachte den Streamingdienst Netflix dazu, weitere Serien zu produzieren. Friese und bo Odar, die sich an der Hochschule für Fernsehen und Film München kennengelernt hatten, hatten zuvor schon fürs Kino die Thriller „Das letzte Schweigen“ (2010) und „Who am I?“ (2014) gemeinsam realisiert. „1899“ über einen vollbesetzten Dampfer, der am Ende des 19. Jahrhunderts auf einer Atlantiküberquerung auf ein Geisterschiff stößt, ist ihre zweite Serie für Netflix und erneut auf drei Staffeln angelegt.

Die Serie „1899“ startet am 17. November bei Netflix

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