Eine nicht unumstrittene Institution

100 Jahre BBC: „Auntie Beeb“ feiert Geburtstag – und hat große Probleme

Das Senderlogo prangt am Eingang der britischen Rundfunkanstalt BBC in London.

Das Senderlogo prangt am Eingang der britischen Rundfunkanstalt BBC in London.

London. „Das ist 2LO, Marconi House, London calling.“ Diese Worte dringen am 14. November 1922 um 18 Uhr aus knisternden Radiogeräten in Großbritannien. Mit ernster Stimme wendet sich der Programmdirektor der BBC, Arthur Burrows, zum ersten Mal an Hörerinnen und Hörer. Er trägt die Nachrichten des Tages vor, einmal schnell und einmal langsam. Danach erfolgt eine Wettervorhersage. Es war die Geburtsstunde des ersten nationalen Rundfunkdienstes der BBC übermittelt mithilfe des Radiosenders 2LO London. Am kommenden Dienstag, 18. Oktober, jährt sich die Gründung der British Broadcasting Corporation zum 100. Mal. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, von den Briten auch liebevoll „Auntie Beeb“ genannt, ist nicht nur die älteste, sondern auch die berühmteste der Welt.

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Wie die Monarchie oder das Parlament gilt sie als Pfeiler des Vereinigten Königreichs. Schließlich wurden dort wichtige Ereignisse übertragen, vom Zweiten Weltkrieg über die Krönung von Königin Elizabeth II. bis zu ihrer Trauerfeier vor wenigen Wochen. „Wir erinnern uns an Momente in unserem Leben, indem wir an BBC-Programme denken“, sagt der Historiker David Hendy, der ein Buch zur Geschichte der Sendeanstalt geschrieben hat, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Ich habe es bei der BBC gehört“

Als die BBC im Jahre 1922 entstand, hatten die Gründer keine kommerziellen, sondern ideelle Ziele. „Das war eine Generation von Männern und einigen wenigen Frauen, die den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten und nun darüber nachdachten, wie die Zivilisation gerettet, wie das gegenseitige Verständnis zwischen den Nationen verbessert werden kann“, sagt Hendy. Sie wollten das Beste, was in der Welt gedacht, gesagt und getan wurde, so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen. Es ging dem Gründer John Reith laut Hendy außerdem darum, das Leben der Menschen zu verbessern. „Und das besteht ja nicht nur aus Tugendhaftigkeit, sondern auch aus Vergnügen, aus Spaß“, betont der Historiker.

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Sendungen wie „In Town Tonight“, bei der US-Film- und -Musikstars wie Errol Flynn und Doris Day interviewt wurden, lockten teilweise das halbe Land vor die Lautsprecher. Die BBC etablierte rasch ein Monopol über das britische Radio und startete in den 1930er-Jahren regionale und nationale Dienste. Dieses Jahrzehnt war auch die Geburtsstunde des BBC-Fernsehens.

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Während des Zweiten Weltkriegs war die Sendeanstalt für britische Hörerinnen und Hörer so nicht nur eine lebenswichtige Informationsquelle, „es ging auch um Eskapismus, es ging um Vergnügen, darum, den Krieg zu vergessen. Das machte sie zu einem zentralen Bestandteil des britischen Lebens.“ In dieser Zeit wurde die BBC zudem eine wichtige ausländische Informationsquelle für Millionen Radiohörerinnen und -hörer. Die Nachrichten aus London waren für viele Menschen im vom Nazi-Deutschland besetzten Europa eine Verheißung auf ein Leben in Freiheit. 1944 schrieb George Orwell, dass die Worte „Ich habe es bei der BBC gehört“ damals eine neue Bedeutung erhielten: „Ich weiß, dass es wahr sein muss.“

Szene aus der BBC-Serie „Sherlock" mit Benedict Cumberbatch (l.) und Matin Freeman.

Szene aus der BBC-Serie „Sherlock" mit Benedict Cumberbatch (l.) und Matin Freeman.

In den darauffolgenden Jahren bot die BBC Fernsehen höchster Qualität. Der Naturfilmer David Attenborough reiste für seine Dokumentationen an die abgelegensten Winkel der Erde. Serien wie „Sherlock“ oder „The Office“ begeisterten Menschen weltweit.

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Mittlerweile steckt die BBC in der Krise

Trotz dieses jahrzehntelangen Erfolgs steckt die Rundfunkanstalt mittlerweile in einer Krise. Insbesondere die Rundfunkgebühr in Höhe von umgerechnet über 180 Euro jährlich ist höchst umstritten. Die Mehrheit der Briten spricht sich laut Umfragen dagegen aus. Die ehemalige konservative Kulturministerin Nadine Dorries kündigte Anfang des Jahres an, die Finan­zie­rung der BBC für zwei Jahre einzu­frieren und lang­fristig das Modell der Gebüh­ren­finan­zie­rung abzu­schaffen. Die Tories warfen der BBC immer wieder öffentlich vor, Stimmung gegen die Partei zu machen, zuletzt im Rahmen der Partygate-Affäre.

Ein weiteres Problem, mit dem sich die Sendeanstalt konfrontiert sieht, sind die anhaltenden Diskussionen zur Ausgewogenheit der Berichterstattung seit dem Brexit. Man habe damals innerhalb weniger Minuten Dutzende Ökonomen gefunden, die den Austritt fürchteten, und Stunden gebraucht, um einen Experten zu finden, der den Brexit unterstützte, erinnert sich die frühere BBC-Moderatorin Emily Maitlis. „Als wir dann auf Sendung gingen, hatten wir von jeder Seite einen Vertreter.“ Maitlis warf der BBC im Sommer dieses Jahres überdies Selbstzensur aus Angst vor der Regierung vor. Zahlreiche Starmoderatorinnen und Starmoderatoren verließen die Sendeanstalt. Der BBC-Veteran Andrew Marr wollte laut eigenen Angaben wieder freier sein in dem, was er sage. Er wechselte zum Radiosender LBC.

Neben dem Verlust an Vertrauen leidet die Sendeanstalt unter der sich wandelnden Medienwelt. Waren die Sender BBC One und BBC Two zuvor die beliebtesten Nachrichtenquellen unter Teenagern, wurden sie dieses Jahr auf den fünften Platz verdrängt, wie eine Studie der Medienaufsichtsbehörde Ofcom ergab. Stattdessen informieren sich junge Menschen in Großbritannien über Instagram, Tiktok und Youtube. Der 100. Geburtstag der BBC wirft damit auch die Frage auf, ob die Monopolstellung der Sendeanstalt veraltet ist. „Britinnen und Briten halten die BBC für selbstverständlich“, sagt David Hendy. Deshalb wüssten viele ihren Wert nicht zu schätzen. „Wenn wir uns nicht für ihren Erhalt einsetzen, wird sie wohl keine weiteren 100 Jahre bestehen.“

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