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Ernstere Themen

Lachen gegen den Klimawandel: Warum TV-Comedy immer politischer wird

Carolin Kebekus macht nicht nur Nonsens-Comedy, sondern geht auch ernstere Themen mit Humor an.

Carolin Kebekus macht nicht nur Nonsens-Comedy, sondern geht auch ernstere Themen mit Humor an.

Carolin Kebekus kämpft mit einem eigenen Festival für mehr Frauen im Kulturbetrieb, das Spaßduo Joko und Klaas macht Sendungen zu Themen wie Sexismus und Pflegenotstand, und Jan Böhmermann legte sich vor einigen Jahren gar mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan an. Comedy in Deutschland wird immer politischer – sogar Brachialkomiker Mario Barth schwingt sich in seiner Reihe „Mario Barth deckt auf“ (RTL) zum Verbraucherschützer auf, um in einer Art investigativer Scherzparade kuriose Fälle von Steuerverschwendung anzuprangern. Der Nonsens, der in der Spaßgesellschaft der 90er das TV-Programm prägte, ist out – heute ist Humor mit Haltung gefragt.

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Hier das politische Kabarett, in dem Spötter wie Dieter Hildebrandt oder Gerhard Polt gegen die politische Kaste stänkerten – dort die harmlose Blödelfraktion mit Witzen der Sorte „Leber an Großhirn“: Diese Zweiteilung ist Vergangenheit. Comedienne Kebekus etwa setzt auf puren Spaß genauso wie auf Relevanz. In ihrer ARD-Show wirbt sie für die Corona-Impfung oder singt gemeinsam mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer zur Melodie von Michael Jacksons „Earth Song“ mit grimmiger Ironie gegen die Umweltzerstörung an: „Wir essen Billigfleisch, wir fahren SUV.“

Joko und Klaas zeigen sich ernst und engagiert

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, bekannt geworden mit derben Mutproben im TV, zeigen sich inzwischen oft ernst und engagiert. 2018 rief Heufer-Umlauf zu einer Spendenaktion für eine private Seenotrettungsmission auf, die dann zwar nicht zustande kam, doch davon zeigte er sich unbeeindruckt: „Irgendeiner Verantwortung will ich gerecht werden. Dafür ziehe ich auch gerne mal den Hass von 1000 Vollidioten auf mich, wenn‘s nicht anders geht.“

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Vor der Bundestagswahl 2021 forderten Comedians wie Michael Mittermeier oder Annette Frier in der Satireserie „Das Politikgewissen“ die Mächtigen auf, sich gegen Armut und Krankheiten in der Welt einzusetzen, und Entertainerin Enissa Amani bekam für ihre Diskussionssendung „Die beste Instanz“ über Rassismus 2021 den Grimme Online Award.

Spaßmacher fühlen sich berufen, Flagge zu zeigen

In Zeiten globaler Krisen wie der Corona-Pandemie oder der Klimakatastrophe fühlen sich viele Spaßmacher berufen, Flagge zu zeigen. Aber was können die Promis mit ihrem Engagement bewirken? Die Satirikerin Christina Schlag glaubt, „dass uns Humor schon helfen kann, die Welt zu retten“. Sie zählte zu den mehr als 50 Stars, die im Mai in Berlin unter dem Motto „Comedy for Future“ auftraten, um vier Tage lang mit Humor als „Waffe“ gegen den Klimawandel vorzugehen.

„Durchs Lachen bekommt man einen anderen Zugang zu den Zuhörenden und befreit sie so ein bisschen von ihrer Verantwortung. Man nimmt einem schwierigen Thema die Gravität, sodass Leute nicht gleich das Bedürfnis haben, wegzulaufen, sondern sich vielleicht auch mal neue Gedanken machen und Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten“, sagte sie im Podcast „Berliner & Pfannkuchen“.

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Jeder Satiriker oder Comedian, der glaubt, er könnte Verhältnisse grundsätzlich ändern, wird ein sehr unglücklicher Mensch.

Oliver Welker von der „heute-show“

Oliver Welke, mit seiner „heute-show“ (ZDF) so etwas wie der Nestor der Politcomedy im TV, sah das 2018 in einem Interview skeptischer: „Jeder Satiriker oder Comedian, der glaubt, er könnte Verhältnisse grundsätzlich ändern, wird ein sehr unglücklicher Mensch.“ Letztlich aber spiegelt die aktuelle Comedyszene mit ihrem Hang, eindeutig Position zu wichtigen Themen zu beziehen, einen gesellschaftlichen Wandel wider: Galt die Generation der zwischen 1985 und 2000 Geborenen als politisch eher abstinent, neigt die nach der Jahrtausendwende geborene Generation Z zum politischen Aktivismus, konstatieren die Forscher Klaus Hurrelmann und Nina Kolleck in einem Blogbeitrag.

Dennoch fragen sich vielleicht nicht wenige Comedyfans, ob vor lauter Haltung irgendwann Schluss mit lustig ist. Moderatorin Barbara Schöneberger („Verstehen Sie Spaß?“) etwa gab in einem Interview mit dem „Spiegel“ zu bedenken: „Ein großer Teil meines Erfolgs liegt – glaube ich – darin, dass ich den Leuten nie sage, was sie essen dürfen, woher sie ihr Fleisch beziehen sollen oder welcher Mehrwertsteuersatz auf Tampons gerecht wäre. Dieses permanente Belehren – mich nervt‘s.“

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