Birgitte Nyborg macht wieder (TV-)Politik

Der alte Affe Macht: Nach fast zehn Jahren kehrt die Politserie „Borgen“ zurück

Politik macht einsam: Außenministerin Nyborg (Sidse Babett Knudsen) weicht nach einem gigantischen Ölfund in Grönland von der Parteilinie ab. Szene aus der vierten Staffel der Politdramaserie „Borgen“.

Die alte Zeit erlebt ihren letzten Tag, als die Walfänger im Westen Grönlands einen Kadaver aufs Eis ziehen und zerlegen. Ein alter Mann nimmt sich eine Pause, setzt sich mit einem Kaffee vor sein Haus und genießt den Blick aufs Eis. Dann dröhnt ein Hubschrauber heran, Leute versammeln sich und bald steht fest, dass eine neue Zeit begonnen hat. Man hat Öl gefunden, quasi auf der Grenze eines Gebiets, das zum Unesco-Weltnaturerbe zählt. Was bekanntermaßen nichts zählt, wenn ausreichend Geld verdient werden kann.

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Grönlands großer Traum ist die Unabhängigkeit

Jedenfalls ist Birgitte Nyborg, Ex-Regierungschefin und Außenministerin der neuen dänischen Regierung, alles andere als begeistert, als sie einen Anruf bekommt. „Das kann ein Riesenproblem werden“, sagt sie ihrem Assistenten. Ihre Partei Neue Demokraten hat ein grünes Gesicht. „Fossile Brennstoffe gehören der Vergangenheit an“, mahnt sie – das klingt schon arg nach Broschüre. Mit der Presse soll gewartet werden.

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Noch herrscht einigermaßen Einvernehmen: Außenministerin Nyborg (Sidse Babett Knudsen) im Gespräch mit Sohn Magnus (Lucas Lynggaard Tønnesen, links), einem leidenschaftlichen Tier- und Umweltschützer, der für das Grönland-Ölprojekt nichts übrighat.

Noch herrscht einigermaßen Einvernehmen: Außenministerin Nyborg (Sidse Babett Knudsen) im Gespräch mit Sohn Magnus (Lucas Lynggaard Tønnesen, links), einem leidenschaftlichen Tier- und Umweltschützer, der für das Grönland-Ölprojekt nichts übrighat.

Die wird aber schon vom grönländischen Naalakkersuisut informiert. Und der zuständige grönländische Minister Hans Eliassen (Svend Hardenberg) bringt zusätzlich zum erwartbaren Wohlstandszuwachs gleich mal die auf Eis gelegte Frage nach Grönlands Unabhängigkeit neu auf den Tisch. Der erste Schritt dazu sei gemacht.

Birgitte Nyborg war die starke Frau mit Herz und Härte

„Borgen“ ist zurück nach fast zehn Jahren Pause. Von 2010 bis 2013 war die von Adam Price mit viel Insiderwissen gespickte Geschichte einer Politikerin, die Premierministerin wird, leidenschaftlich für ihr Land eintritt, private Rückschläge einstecken muss, aber nie aufgibt, eine der große Serien, eines der Musterbeispiele, wie mitreißend skandinavisches TV-Kino sein kann. Scheidung, Panikstörung der Tochter, eigene Brustkrebs­erkrankung – was haben wir mit Birgitte Nyborg gelitten und gebangt, ihren zeitweiligen Rückzug aus der Politik gutgeheißen, um dann mit den von ihr gegründeten Neuen Demokraten ein Comeback zu feiern.

Sidse Babett Knudsen war als Regierungschefin ein ähnlicher Mix aus Herz und Härte wie Kiefer Sutherland als US-Präsident Tom Kirkman in „Designated Survivor“ (2016–2019) – nur ohne dessen arg schwülstiges Anti-Trump-Pathos. Als „Borgen“ auslief, begann der Streamingdienst Netflix just damit, Skandinavien zu erobern. Jetzt holt Netflix die Serie, die Dänemarks tatsächliche erste Premierministerin (und Nyborg-Fan) Helle Thorning-Schmidt (2011–2015) nicht zu nah an sich herangelassen hat, um nicht in Gefahr zu laufen, Nyborgs Stil zu übernehmen, aus der Versenkung.

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In der neuen „Borgen“-Staffel wurde die Ukraine schon angegriffen

Die vierte, „Macht und Ruhm“ betitelte Staffel von „Borgen“ ist inhaltlich so frisch, dass sie dampft. Als Nyborg in einer Ausschusssitzung erfährt, dass sich in das kanadische Bohrunternehmen, das für die Erschließung des Ölfelds anvisiert ist, russische Konzerne eingekauft haben, was einer ihrer Berater, der sie darüber nicht informiert hat, als irrelevant abtut, explodiert sie: „Hat es vielleicht damit zu tun, dass Russland keine Demokratie ist? Dass Russland internationalen Sanktionen unterliegt, weil es die Ukraine angegriffen hat? Und dass unser Verhältnis zu den USA enorm unter Druck gerät, wenn wir zulassen, dass die Russen in Grönland nach Öl bohren können?“

Das Lächeln täuscht: Außenministerin Nyborg (Sidse Babett Knudsen, rechts) und Premierministerin Signe Kragh (Johanne Louise Schmidt) haben unterschiedliche Einstellungen zum großen Ölfund auf Grönland.

Das Lächeln täuscht: Außenministerin Nyborg (Sidse Babett Knudsen, rechts) und Premierministerin Signe Kragh (Johanne Louise Schmidt) haben unterschiedliche Einstellungen zum großen Ölfund auf Grönland.

So aktuell! Die größte russische Firma gehört „einem Freund Putins – innerster Kreis“, hat der neue Arktisminister Asgar Holm Kirkegaad (Mikkel Boe Følsgaard) recherchiert. Sein Fazit: „Wir sind mit dem Teufel im Bett.“

Und so geht es in den darauffolgenden Episoden darum, wie eng in diesem Bett gekuschelt wird, wie viel von ihren Überzeugungen die politische Althäsin aufgibt, um ihre Position im Kabinett halten zu können. „Es liegt in der Natur der Macht, dass sie auch zu Missbrauch führen kann“, wird Immanuel Kant zu Beginn einer Folge zitiert. Prestige und Einfluss respektive ihr drohender Verlust führen auch bei Nyborg dazu, dass sie Skrupel hintanstellt und den alten Affen Macht umarmt.

Nyborg wird zum Gesicht der umweltfeindlichen Politik

Nyborg sieht zu, wie gekaufte Wissenschaftler Lügen verbreiten. Sie hilft mit, dass Grönland zum Spielball wird. Und sie demütigt ihren Sohn Magnus (Lucas Lynggaard Tønnesen), einen jungen Tier- und Naturschützer, indem sie ihn vor laufender Kamera als verzogenen Jüngling darstellt, der zwar gern und grinsend über Klimaschutz schwadroniert, zugleich aber im Bedarfsfall gern Mamas Auto nutzt.

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Was sie nicht verhindern kann, ist, dass sie zum Gesicht der Grönland-Krise wird, zum Sündenbock für die klimafeindliche Politik der Premierministerin. Die Klimaministerin tritt zurück. Nyborgs Partei fühlt sich hintergangen. Der Sohn zieht aus und, nein, danke, er verzichtet diesmal gern aufs Taxi Mama. Parallel wird dann noch die Geschichte ihrer einstigen Spin-Doctor Katrine (Birgitte Hjort Sørensen) erzählt, die an dem neuen Posten der Nachrichtenchefin von TV 1 zu zerbrechen droht.

Auch in Europas Wunde China legt „Borgen“ den Finger

Perfektes Timing, großartiger Cast – die Dinge spitzen sich thrillermäßig zu. Der große Weltwirtschaftskrake China, derzeit „im Gespräch“ wegen seiner brutalen Unterdrückung des Volks der Uiguren und der Auslöschung seiner Kultur, bekommt schließlich den Zuschlag für die grönländischen Bohrungen. Woraufhin russische und auch amerikanische Streitkräfte bedrohlich mit dem Säbel rasseln.

Auch das ist auf der Höhe der Zeit. Während der Westen, speziell Deutschland, sich von der Erkenntnis einer langjährigen blinden Russland-Politik, die spätestens nach der unrechtmäßigen russischen Krim-Übernahme eine unfreundlichere hätte werden müssen, noch längst nicht erholt hat, muss er anhand des Wissens um Lager und Schießbefehle erkennen, dass auch sein wohl stärkster Handelspartner China die deutsche Moral in Sachen Menschenrechte heuchlerisch wirken lässt. Business toleriert Leid, toleriert Vertreibung und Tod.

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Eine Unterschrift Nyborgs heiligt auch in „Borgen“ die Diktatur des Reichs der Mitte. Dass die Ausblendung oder Untertreibung chinesischer Repressalien bei voller Klarheit über das Wesen des Systems keineswegs übertriebene Fiktion ist, bewies erst dieser Tage die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, mit ihrer enttäuschend kritiklosen Bilanz ihres China-Besuchs. Demnach alles okay mit Peking und den Uiguren?

Nyborgs Selbsterziehung zum glücklichen Menschen

„Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig“ – dieses Zitat aus Senecas „Briefen über Ethik an Lucillus“, die der römische Philosoph (1–65 nach Christus) nach seinem Rückzug aus der Politik schrieb, wird der letzten Episode vorangestellt. Als selbst ihr väterlicher Förderer Bent Seyrö (Lars Knutzon) ihr attestiert, sie sei ihm fremd geworden, geht der letzte Ruck durch Nyborg. Sie folgt ihrem Gewissen (und Senecas Prinzip einer „Selbsterziehung zum glücklichen Menschen“). Und alles ist plötzlich ganz leicht.

Von einer realistischen Serie über das diffizile, oft schmutzige Geschäft der Politik kippt „Borgen“ jetzt in den „Sollte sein“-Zustand eines althollywoodschen „bigger than life“. Ab der Beerdigung eines Maulwurfs, den Nyborg kurz zuvor noch achtlos vom Gehweg unter die Blumen schubste, wird „Borgen“ zum Märchen von der netten Frau Nyborg, die dem Affen Macht eine lange Nase dreht – der wir aber trotz dieser allzu vorbildlichen Harmloswerdung für alles für die Unterhaltungskultur Geleistete danken und aus tiefstem Herzen alles Gute wünschen. Farvel, Birgitte Nyborg!

„Borgen – Macht und Ruhm“ („Borgen“, vierte Staffel), acht Episoden, von Adam Price, mit Sidse Babett Knudsen, Birgitte Hjort Sørensen, Mikkel Boe Følsgaard, Lars Knutzon, Lars Mikkelsen (streambar ab 2. Juni bei Netflix)

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