Germanen vs. Römer

Das Imperium schlägt zurück – die zweite Staffel von „Barbaren“ startet

Den Besatzern Zunder geben: Thusnelda (Jeanne Goursaud), Marbod (Murathan Muslu) und Arminius (Laurnce Jupp) warten mit andern Cheruskern und Markomannen auf den Moment des Angriffs auf die Römer. Szene aus der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Barbaren“.

Den Besatzern Zunder geben: Thusnelda (Jeanne Goursaud), Marbod (Murathan Muslu) und Arminius (Laurnce Jupp) warten mit andern Cheruskern und Markomannen auf den Moment des Angriffs auf die Römer. Szene aus der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Barbaren“.

General Tiberius liebt den Verrat, für die Verräter aber hat er nur Verachtung übrig. Für sie bleibt ein kopflos machender Schwertstreich eines seiner Soldaten. Der spätere Kaiser liebt zudem Geiseln sehr, weil er sie daheim in Rom beim Triumphzug zur Vorspiegelung eines großen Sieges präsentieren kann. Und so wird „Barbaren“, die deutsche Historienserie über die Welt der germanischen Stämme in der Zeit des eroberungsfreudigen Römischen Reichs der frühen julischen Kaiserzeit, wohl noch mindestens eine dritte Staffel bekommen.

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„Barbaren“ hat das Zeug zum Langstreckenrenner

Auch weil – ab jetzt wird man auf Legionen von Spoilern stoßen – zwei wichtige Charaktere nach Rom entführt werden. Vor allem aber, weil „Barbaren“ in der zweiten Runde ein mitreißendes und prächtiges Drama geworden ist, das über die volle Sechs-Episoden-Distanz in Atem hält. Nicht ohne Mängel zwar, aber merklich unterhaltsamer als die erste Staffel, die auch schon ein Publikumserfolg für Netflix war. Wie Vergil es formulierte: Tempus fugit – und zwar wie im Fluge.

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Arminius, aka Hermann der Cherusker, der vor allem von deutschnationalen Kräften seit den Befreiungskriegen gegen Frankeich zu einer Art „Volksheiland“, einem Urvater aller und alles Deutschen emporgejazzt wurde, hat die Großtat, ob derer er in die Geschichte einging, zu Beginn der zweiten Staffel von „Barbaren“ bereits hinter sich.

Durchgang Nummer Eins endete mit dem Sieg der germanischen Stämme unter seiner Führung gegen den ihm vom Drehbuchtrio Arne Nolting, Jan Martin Scharf und Andreas Heckmann als römischem Ziehvater untergejubelten glücklosen Heerführer Varus. Ein unglaublicher Sieg eines David gegen einen Supergoliath. Macht Mut für unsere Zeiten. Natürlich kann einer wie Augustus, der erste Kaiser Roms, das nicht auf sich sitzen lassen.

Die Zeit vor 2000 Jahren wird authentisch lebendig

Jetzt, wo alles erzählt ist, beginnt das Erzählen erst richtig. Über das weitere Leben des Arminius gibt es nur Eckdaten, die der römische Geschichtsschreiber Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.) lange Zeit nach dessen gewaltsamem Ableben niederschrieb. Man weiß einiges über die weitere Vorgehensweise der Römer in Germanien – unter dem Feldherren (und späteren Kaiser) Tiberius. Innerhalb dessen bleibt ein herrlich großer leerer Raum zum Fabulieren – und Historisches wird den Notwendigkeiten des Dramas auch schon mal untergeordnet.

Wobei bezüglich des Looks auf ein beratendes Unternehmen zurückgegriffen wurde, in dem vorwiegend Historiker und Archäologen sitzen. Die Zeit vor 2000 Jahren wird authentisch lebendig. Na ja, bis auf die Sache mit den Steigbügeln, die auch in der zweiten Staffel an den Seiten römischer Rösser baumeln. Aber sie sehen cool aus und machen den Beteiligten das Reiten leichter. Schwamm drüber.

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Arminius weiß: Das Imperium schlägt zurück

Worum es geht? Arminius (Laurence Rupp) weiß, dass die Römer, die in der Varusschlacht etwa ein Achtel ihres Heeres eingebüßt hatten, Truppennachschub schicken werden. Er bemüht sich daher um den Schulterschluss mit Marbod (Murathan Muslu). Der Markomanne hat 70.000 Kämpfer unter Waffen. Allerdings gehen beide Zukunftsbetrachtungen über Rom auseinander. Marbod, der in seiner Jugend auch ein „Tribut“ seines Stammes an den Kaiser war, strebt nach „Wohlstand in Freundschaft zum Imperium“. Arminius, den alle Ari nennen, weiß: Das Imperium schlägt zurück. Garantiert. Für ein „freies Leben ohne Knechtschaft“ gibt es nur eins: Kampf – bis die harten Römer weichen.

Wo laufen sie denn hin? Die Römer verlassen das brennende Feldlager.

Wo laufen sie denn hin? Die Römer verlassen das brennende Feldlager.

Das Thema der gespaltenen Loyalität und des Misstrauens gegenüber Kriegern mit zwei Heimaten kennen wir aus der Wikingersaga „The Last Kingdom“. Es dominiert die zweite Staffel von „Barbaren“ und manifestiert sich in Arminius’ Bruder Flavus (Daniel Donskoy), der – entgegen seinem Namen – nicht blond ist und nach dem „Verrat“ des Arminius allen Treueschwüren zum Trotz Schwierigkeiten hat, seine Ergebenheit gegenüber dem beständig an ihm zweifelnden Tiberius unter Beweis zu stellen. Arminius dagegen versucht vergeblich, Flavus für seine Sache zu gewinnen: „Dieser Teil in mir ist längst gestorben“, verkündet der Bruder dem Bruder, als er an die gemeinsamen Wurzeln erinnert wird.

Auf der steinigen Straße zur Liebe

Noch drastischer gerät für Arminius die erste Begegnung mit seinem römischen Erstgeborenen Caius (kein historischer Charakter), der den Sieg gegen Varus daheim im Römischen ganz anders erlebte als der Vater: „Weißt du, dass sie Mutter mit Steinen beworfen haben?“ hält er dem Arminius vor. „Sie verprügelten mich in der Schule. Jeden Tag.“ „Ich habe dich so geliebt“, sagt der nun von Hass erfüllte Caius. Der Weg zurück zur Liebe muss erst noch beschritten werden.

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Auch für Arminius und Folkwin Wolfsspeer (David Schüttler) geht es auf diese steinige Straße. Nachdem Arminius und Folkwins Freundin Thusnelda (Jeanne Goursaud) sich ineinander verliebt hatten, schien die große Männerfreundschaft für immer zerbrochen. Thusnelda indes leidet unter Arminius’ Geheimniskrämerei bezüglich seiner römischen Familie. Und hat selbst ein Geheimnis, das wiederum Folkwin in höchste Not gegenüber seinen Göttern bringt und am Ende für einen dezenten Schuss Mystery in der ansonsten von Übernatürlichem eher freien Handlung bringt.

Überhaupt: Viel Drama – Intrige, Verrat, Hass – ist in dieser zweiten Staffel, sogar von einer völkerübergreifenden schwulen Liebe wird erzählt. Wer bleibt am Leben? Wer stirbt? Das soll nicht verraten werden. Da halten wir es mit Tiberius (Giovanni Carta), dem böse lächelnden Feldherrn, der da sagt: „Die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit.“

Alles fein – nur ein paar Sachen sind unplausibel

Die Optik: Optimal, „Vikings“-Klasse. Schlachtengemälde, Duelle zwischen zwei Kontrahenten und sonstige Actionsequenzen haben oft genug Kinoqualität. Blickt die Kamera aus der Adlerperspektive auf das römische Feldlager des Tiberius oder auf einen Flottenverband, besitzen die Bilder durchaus Monumentalfilm-Imposanz. Die Regisseure Stefan Ruzowitzky (Oscar 2008 für das KZ-Drama „Die Fälscher“) und Lennart Ruff lassen dem respektablen Auftakt eine streckenweise überwältigende Fortsetzung folgen. Das Ensemble spielt gut. Mehr kann man kaum wollen.

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Nicht alles kommt einem dabei plausibel vor. Nach seinen Angriffen auf einen römischen Legionär am Lagereingang hätte der Hasardeur Folkwin eher mit einem tödlichen Schwertstreich rechnen dürfen als darauf, mit Thusnelda – wie erhofft – zwecks Befreiung des Arminius zum im hinteren Lagerbereich gelegenen Quasi-Kerker verbracht zu werden.

Noch unwahrscheinlicher ist, wie die Flucht dann abläuft. Und erst recht, wie sich „tricky Hermann“ vor seinen römischen Verfolgern im Wald versteckt – erst „unsichtbar“ an der Flanke seines Pferdes hängend, dann Momente später unter einer Felsnase verborgen, woraufhin er sich ohne jedes Rascheln unter einen Laubhaufen gewühlt haben will. Selbst Zauberer wie Gandalf oder Merlin brächte ein derartiges Geräuschlos-Hokuspokus an ihre Grenzen. Allerdings kennt man Ähnliches aus zahllosen anderen Filmen: Wann waren Bruce Willis und seinesgleichen in ihren Actionfilmen je akustisch und zeitbezogen plausibel?

Gestochenes Latein, pathetisch-hemdsärmeliger Barbarensprech

Hübsch ist nach wie vor, dass die Römer ein gestochenes Latein mit italienischem Zungenschlag sprechen und einige Germanen den Besatzern auch schon mal in deren Sprache antworten. Wie auch Tiberius zu aller Überraschung schon mal in den Barbarensprech verfällt. Deren Ansprachen sind von Pathos und raubeiniger Volkstümlichkeit zugleich geprägt: „Ab heute werden wir zusammenstehen als Vereinigte Stämme und die Götter stehen in unseren Reihen“, spricht Arminius beim Thing.

„Und die Römer werden sich vor Angst ihre Rüstungen rostig pissen.“

„Barbaren“, zweite Staffel, sechs Episoden, Showrunner: Stefan Ruzowitzky, Regie: Stefan Ruzowitzky, Lennar Ruff, mit Laurence Jupp, Jeanne Goursaud, David Schütter, Murathan Muslu, Cynthia Micas, Daniel Donskoy (ab 21. Oktober bei Netflix)

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