Russland bleibt draußen

ESC 2023: Liverpool verspricht „die beste Party aller Zeiten“ für die Ukraine

Ein Fest für die Ukraine – in Liverpool: Der Eurovision Song Contest 2023 geht in Großbritannien über die Bühne. Die Vorjahressieger Kalush Orchestra haben ihre Siegertrophähe versteigert, um Geld für humanitäre Zwecke in ihrem Heimatland zu sammeln. Das Ergebnis: umgerechnet 920.000 Euro.

Ein Fest für die Ukraine – in Liverpool: Der Eurovision Song Contest 2023 geht in Großbritannien über die Bühne. Die Vorjahressieger Kalush Orchestra haben ihre Siegertrophähe versteigert, um Geld für humanitäre Zwecke in ihrem Heimatland zu sammeln. Das Ergebnis: umgerechnet 920.000 Euro.

Der Brite an sich neigt traditionell nicht zu Übertreibung. Vollmundigkeit ist seine Sache nicht. Umso erstaunlicher ist die ekstatische Wortmeldung der Liverpooler Bürgermeisterin Joanne Anderson: Beschwingt von der Nachricht, dass ihre Heimatstadt Gastgeberin des Eurovision Song Contest im Mai 2023 sein werde, versprach sie nicht nur ein rauschendes Fest zu Ehren des diesjährigen ESC-Siegerlandes Ukraine, sondern gleich „die beste Party aller Zeiten“. Und versicherte: „Ukraine, wir werden dich stolz machen!“ Britisches Understatement geht anders. Aber warum auch nicht? Party können sie ja. Und Pop sowieso.

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Keimzelle des Britpop: Die Mathew Street in Liverpool, Standort des (neu errichteten) Cavern Club. Im Original traten die Beatles viele Male auf, bevor sie Weltruhm erlangten.

Keimzelle des Britpop: Die Mathew Street in Liverpool, Standort des (neu errichteten) Cavern Club. Im Original traten die Beatles viele Male auf, bevor sie Weltruhm erlangten.

Liverpool also wird anstelle von Kiew oder Odessa Gastgeber des ESC 2023. Es ist die Heimatstadt der Beatles, natürlich, Keimzelle der ersten Cool-Britannia-Welle in den Sechzigerjahren, Wallfahrtsort für Fans und Pophistoriker, aber auch Geburtsort von Atomic Kitten, Rick Astley, Orchestral Manoeuvres in The Dark, Echo & the Bunnymen, Frankie Goes zo Hollywood, Gerry & the Pacemakers („You’ll Never Walk Alone“), den Lightning Seeds („Three Lions“) – und Sir Simon Rattle. Ein ESC in der Kultstätte des modernen Pop – es ist mehr als ein Kompromiss. Es ist die perfekte Wahl. Europa wird es krachen lassen. Die BBC als austragender TV‑Sender rechnet mit bis zu 160 Millionen TV‑Zuschauern. Der Sender will mit dem ukrainischen Rundfunk Suspilne zusammen­arbeiten, um „ukrainische Elemente“ in die drei Liveshows zu integrieren und „die Kultur des Landes sichtbar zu machen“.

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Warum Liverpool? Wir erinnern uns kurz: Großbritannien springt ein, nachdem das ukrainische Kalush Orchestra mit Frontmann Oleg Psiuk und dem betörenden Titel „Stefania“ den Wettbewerb im Mai im italienischen Turin haushoch gewonnen hatte – gewiss auch, weil Europa unter dem Eindruck des russischen Überfalls sein Herz für die Helden des geschundenen Landes weit geöffnet hatte. „Stefania“ wurde von einem Lied über Psiuks Mutter zu einer universalen Hymne auf die ukrainischen Frauen und Mütter, die unter russischen Bomben in den Kellern von Kiew und Charkiw ausharrten und ihre Kinder im Arm hielten.

Ein ESC in der Ukraine? Noch immer undenkbar

Doch ein ESC 2023 in der Ukraine? Heute so undenkbar wie damals im Mai. Und so springt Liverpool in die Bresche. Und es gibt eine Logopremiere: Erstmals enthält das ESC-Herz-Signet nicht die Flagge des Gast­geber­landes, sondern die ukrainischen Farben Blau und Gelb – mit der Unterzeile „United Kingdom – Liverpool 2023“.

„Es ist die Party der Ukraine“, versichert auch der diesjährige ESC-Zweitplatzierte, der Brite Sam Ryder („Space Man“). „Wir laden sie lediglich ein, sie bei uns zu Hause zu schmeißen. Wir wissen hier im Vereinigten Königreich, wie man eine Party feiert.“ Der Contest in der M & S Bank Arena (bürgerlicher Name: Liverpool Arena) mit 11.000 Plätzen am Hafen werde die ukrainische Kultur, Geschichte und Musik zelebrieren.

Neunmal war Großbritannien schon ESC-Gastgeberland

Neunmal bereits war Großbritannien Gastgeber des weltgrößten Popspektakels – darunter auch 1974 in Brighton beim Sieg von Abba mit „Waterloo“, 1982 in Harrogate bei Nicoles Sieg mit „Ein bisschen Frieden“ und 1998 in Birmingham, als ein irrlichternder Zauselkopf namens Guildo Horn Resteuropa mit dem bis dato schrägsten deutschen Auftritt der ESC-Geschichte verwirrte und entzückte. Die BBC hat bereits viermal die Gastgeberrolle von Gewinnerländern übernommen, die den Wettbewerb im Folgejahr nicht stemmen konnten (oder wollten): 1960 in London anstelle der Niederlande, 1963 wieder in London anstelle von Frankreich, 1972 in Edinburgh anstelle von Monaco und 1974 in Brighton anstelle von Luxemburg.

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ESC-Triumph in Turin: Die ukrainische Gruppe Kalush Orchestra jubelt über den Sieg des Eurovision Song Contest (ESC) 2022. Großbritannien wird im kommenden Jahr anstelle des diesjährigen Siegerlandes Ukraine den Eurovision Song Contest ausrichten.

ESC-Triumph in Turin: Die ukrainische Gruppe Kalush Orchestra jubelt über den Sieg des Eurovision Song Contest (ESC) 2022. Großbritannien wird im kommenden Jahr anstelle des diesjährigen Siegerlandes Ukraine den Eurovision Song Contest ausrichten.

20 britische Städte hatten Interesse angemeldet, zuletzt war noch das schottische Glasgow im Gespräch. Das Kalush Orchestra selbst freute sich heftig über das Votum für Liverpool: „In der gleichen Stadt zu spielen, in der die Beatles begonnen haben, wird ein Augenblick, den wir niemals vergessen werden“, teilte die Band mit. Sie wird als Vorjahressieger zwar auftreten, aber am Wettbewerb selbst nicht erneut teilnehmen. Wer die Ukraine vertritt, entscheidet sich im nationalen Vorentscheid „Vidbir“ im Dezember. Der ukrainische Pianist und Komponist Dmytro Shurov (Künstlername: Pianoboy) fungiert bei der nationalen Auswahl als Musikproduzent und gibt schon mal die Linie vor: „Musik hebt dich vom emotionalen Tiefpunkt, gibt Hoffnung, lädt auf, heilt“, ließ er mitteilen. „Die Ukraine hat der Welt etwas zu geben, wir sind eine Nation freier Menschen, die erschaffen, nicht zerstören wollen.“

Kein ESC 2023 in der Ukraine? Dann eben im nächsten Jahr

Kalush-Frontmann und Rapper Oleg Psiuk selbst versicherte mit derselben optimistischen Unerschütterlichkeit, die er schon beim ESC in Turin ausstrahlte, dass die Ukraine dann hoffentlich 2024 den ESC austragen werde. Er sei „traurig, dass der Wettbewerb im kommenden Jahr nicht in unserer Heimat stattfinden kann“, sagte er. Er werde aber alles dafür tun, dass sein Heimatland den Titel verteidigt. Das Kalush Orchestra hatte seine gläserne ESC-Siegertrophäe nach dem Triumph in Turin versteigert – und damit umgerechnet 920.000 Euro für humanitäre Hilfe in der Ukraine erzielt. Dass das Land den Wettbewerb auch ohne erneuten Sieg jederzeit nachholen darf, sobald wieder Frieden herrscht, ist derzeit aber nicht im Gespräch.

Tatsächlich scheint es aber nicht ausgeschlossen, dass die Herzen des Kontinents wieder der Ukraine zufliegen. Ob das für einen erneuten Sieg reicht, steht aber in den Sternen. Sicher ist, dass Russland auch 2023 nicht teilnehmen wird. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter hatte Russland im Mai ausgeschlossen und alle russischen EBU-Mitgliedssender suspendiert. Damit bleibt die Teilnahme Russlands ausgeschlossen.

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„Eine aufregende, warme und lebendige Stadt“: Skyline von Liverpool, dem Austragungsort des Eurovision Song Contest 2023.

„Eine aufregende, warme und lebendige Stadt“: Skyline von Liverpool, dem Austragungsort des Eurovision Song Contest 2023.

Die Hotels am Fluss Mersey sind schon jetzt so gut wie ausgebucht. Einzelne Zimmer kosten bis zu 2300 Euro. „Liverpool ist eine so aufregende, warme und lebendige Stadt“, versicherte BBC-Direktor Tim Davie. Und erinnerte daran, dass die „Hauptstadt der Popmusik“ im kommenden Jahr auch den 65. Jahrestag ihrer Städte­partnerschaft mit der ukrainischen Stadt Odessa feiert. Das erste Halbfinale wird am 9. Mai 2023 über die Bühne gehen, das zweite am 11. Mai. Neben den größten Beitragszahlern der EBU (Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien, das als Gastgeber quasi doppelt gesetzt ist), hat natürlich auch die Ukraine als Titelverteidiger den Startplatz im Finale sicher.

Und Deutschland? Angesichts der blamablen Ergebnisse der letzten Jahre steht der NDR als ESC-verantwortlicher Sender mächtig unter Druck. Der deutsche Kandidat Malik Harris war im Mai auf Platz 25 gelandet. Letzter. Mal wieder. Sechs Kummerpunkte gab es vom Publikum aus ganz Europa. Und genau null von den Jurys. Es war ein (erneutes) Debakel, das nicht zufällig zustande kam.

NDR steht nach ESC-Pleitewelle unter Druck

Die Ursache ist wohl im Auswahl­prozess zu suchen: Die Qualität der zur Wahl stehenden Lieder im deutschen Vorentscheid war von einer erschreckenden Durch­schnittlichkeit. „Das Auswahlverfahren für den ESC 2023 wird anders aussehen als für den diesjährigen ESC“, sagte eine NDR-Sprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wie genau, wird der NDR bekannt geben, wenn es steht.“ Noch sind die Pläne nicht fertig ausgereift. Aber als sicher gilt: Die gewichtige Rolle, die die ARD-eigenen Format­radiosender bei der Auswahl 2022 innehatten – trotz ernüchternder Erfahrungen mit diesem Ansatz schon in den Nullerjahren –, dürfte hinterfragt werden.

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So viel ist sicher: Das Frühjahr 2023 verspricht britische Festwochen. Der 3. Juni 2023 gilt britischen Medien zufolge als möglicher Termin für die Krönung von König Charles III. in London – nur knapp drei Wochen nach dem ESC in Liverpool. Es dürfte aber unwahrscheinlich sein, dass Charles mit James Bond im Schlepptau per Fallschirm einschweben wird wie einst seine Mutter zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London. Der legendäre royale Stunt (ausgeführt natürlich von einem Double) ist ohnehin unwiederholbar.

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