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ESC-Finale am Samstag

Wie der deutsche Kandidat Malik Harris um Sympathien kämpft

Charmeur und Showtalent: Malik Harris aus Deutschland beim Empfang der Deutschen Botschaft vor dem Eurovision Song Contest (ESC).

Turin.Die Gitarre ist nicht zu hören, so was Dummes. Ausgerechnet jetzt, wo vor der Bühne im Lavazza-Museum in Turin Hunderte warten, dass Malik Harris zu singen beginnt. „Hört man die Gitarre?“, fragt er hoffnungsvoll. Nichts zu machen. Aber Harris ist Charmeur und Showtalent von altem Schrot und Korn, er spielt mit dem Publikum, animiert zum Mitsingen, überbrückt lässig. Und hat den Saal in Sekunden fest im Griff, Gitarren­sound hin oder her. Dafür zupft ersatzweise und ungefragt der Kontrabassist des ukrainischen Kalush Orchestra neben der Bühne wartend leise mit. Muckerehre. Klar doch. Man lässt Kollegen nicht hängen.

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Wenn das am Samstag im Finale des Eurovision Song Contest doch auch so einfach wäre wie hier bei diesem kleinen Showauftritt auf einem Empfang der Deutschen Botschaft in Italien. Aber dann werden nicht 400 Gäste zuhören. Sondern 400 Millionen.

Malik Harris (M.) aus Deutschland beim Fototermin mit Fans nach dem Empfang der Deutschen Botschaft vor dem Eurovision Song Contest (ESC).

Malik Harris (M.) aus Deutschland beim Fototermin mit Fans nach dem Empfang der Deutschen Botschaft vor dem Eurovision Song Contest (ESC).

Er wirkt wie ein Kind des Glücks

Der 24-Jährige aus Landsberg am Lech, Enkel eines Opernsängers und einer Pianistin und Sohn des unvergessenen Sat.1-Talkers Ricky Harris, wirkt äußerlich wie ein Kind des Glücks. Im lila Schlabberpulli, auf dem Kopf die pinkfarbene Mütze des ukrainischen Rapperkollegen Oleg Psiuk, versprüht er mehr entkrampfte Energie als ziemlich viele vorige deutsche ESC-Vertreter zusammen. Es ist nicht der passiv-aggressive Zwangsoptimismus chancenloser Vorgänger, die mit verbissenem Lächeln das Beste aus der drohenden Niederlage zu machen versuchten. Harris umgibt eine Art natürliche Liveenergie. Er ist der erste deutsche ESC-Teilnehmer seit Jahren, dem man wirklich abnimmt, dass ihn die sportliche Ausgangslage seiner Mission nicht groß kümmert. Keine Spur von der beleidigten Kühle oder der unfrohen Zappeligkeit früherer Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

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Harris hat schnell verstanden: Es ist sowieso nichts normal bei diesem ESC. Gewiss, Deutschland steht bei den Buchmachern wie zuletzt so oft mal wieder im Niemandsland der Tabelle. Ja, man wird vermutlich mit einem eher nicht herausragenden Ergebnis leben müssen. Und jawohl, es gibt stärkere Songs im ESC-Portfolio 2022 als Malik Harris‘ melancholisch-zornige Kindheitsbilanz „Rockstars“ mit dem seltsam autoaggressiven Rapteil in der Mitte. Den Falsett singenden, metrosexuellen Wikinger Sam Ryder aus Großbritannien („Space Man“) zum Beispiel. Die schmachtenden Italiener Mahmood & Blanco („Brividi“). Die Schwedin Cornelia Jacobs („Hold Me Closer“). Und eben „Stefania“ aus der Ukraine, das auch losgelöst vom weltpolitischen Überbau ein feiner ESC-Titel ist.

Aber hier geht es diesmal um viel mehr als musikalischen Leistungssport. „Wir wollen ein Signal senden“, sagt Harris. Er sagt „wir“. „Wir“ heißt in diesem Fall: Europa. Malik Harris ist in diesen Tagen Teil von etwas Größerem. Und das Signal soll heißen: Die Ukraine ist ein Teil Europas. Oder wie die Generalkonsulin Ingrid Jung beim Empfang der Botschaft in Richtung des Kalush Orchestra sagt: „Der ESC war immer ein Spiegel der europäischen Geschichte. Es geht um Frieden, Würde und den Wert der Freiheit. Wir stehen an eurer Seite.“ Applaus im Saal. Und auch Tränen des Zorns. Viele tragen die pinkfarbenen Schlapphütchen von Oleg Psiuk. Ein PR-Gag, natürlich. Aber irgendwie auch ein Zeichen des Zusammenhalts.

Buchmacher erwarten letzten Platz für Deutschland

Malik Harris mit seinem Song „Rockstars“ rutschte am Freitagnachmittag bei den Buchmachern noch einmal ab.

Kein Frust über bloße Nebenrolle

Malik Harris ist sichtlich angefasst, als er wenig später mit dem Kalush Orchestra deren ESC-Beitrag „Stefania“ singt. Jetzt funktioniert auch die Gitarre wieder. Auf dem rechten T-Shirt-Ärmel des Rappers Oleg Psiuk prangt eine ukrainische Flagge. Das wirkt, bei allem Entertainment, fast militärisch. Und erinnert an den schon fast ikonischen T‑Shirt-Look des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, ebenfalls ein lässiger Entertainer, dem die Geschichte eine übergroße Aufgabe gestellt hat, der er sich in einem eigenartigen Mix aus Social-Media-Kunst und Mut stellt.

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Harris ärgert sich nicht über seine Nebenrolle. Und warum auch? Es bleibt ja noch genug Aufmerksamkeit übrig. Fröhlich nutzt er seine Momente, gibt Pressekonferenzen, verfügt bereits über die Fähigkeit, seinen Gesprächspartnern das Gefühl zu geben, seit Wochen keine intelligentere Frage gehört zu haben.

Er kann ja nichts dafür, dass die Scheinwerfer der Welt auf die Ukraine gerichtet sind. Oder dass der NDR in diesem Jahr ärgerlicherweise auf ein steinaltes Auswahlverfahren zurückgriff, bei dem Mittelmaß schon fast programmiert ist: Man ließ die hauseigenen Formatradiosender mitentscheiden. Die Folge: „Rockstars“ war noch der stärkste Song in einem deutschen Vorentscheid zum Haareraufen. Da muss dringend eine Reform her. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich in diesem Land kein Team zusammenstellen ließe, das wirklich Interesse und Expertise für den ESC mitbringt. Eine gute Figur macht hingegen Delegationsleiterin Alexandra Wolfslast, die auf der schwierigen deutschen ESC-Mission viel diplomatisches Geschick und Entschlusskraft beweist. Malik Harris belegte sie mit einem zauberhaften Lob: „Jede Stunde mit Dir ist eine Freude“, sagte sie - „schöne Grüße an Deine Mutter: Sie hat alles richtig gemacht.“

Der Modus ist grausam

Immerhin: Die Inszenierung, für die sich das deutsche Team entschieden hat, macht noch das Beste daraus. Harris wird bei seinem Auftritt am Samstag in mildgoldenem Licht in einer Musikstudiokulisse zwischen Elektroschlagzeug, Loopmaschine und Gitarre wechseln, umkreiselt von einer sehr beweglichen Kamera. Es ist ein 180-Sekunden-Tribut an den Zauber des Musikmachens, inklusive des klassischen Mucker-Flausch­orien­tal­­teppichs auf dem Fußboden. In „Rockstars“ beklagt er den Verlust der Kindheit. Kann schon sein, dass sich da der eine oder andere europäische Zuschauer wiederfindet. Das ist eben das Problem des ESC‑Abstim­mungs­modus: Ein Teilnehmer kann in 40 Ländern auf Platz elf von 24 landen – und wird am Ende in der Abrechnung trotzdem mit null Punkten dastehen. 40-mal Platz elf wäre ein sensationelles Ergebnis. Aber der Modus ist grausam.

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„Sie kamen, um uns zu töten“: ESC-Siegerin Jamala über ihre Flucht aus Kiew

Vor sechs Jahren siegte die ukrainische Sängerin Jamala beim Eurovision Song Contest – mit einem Lied über das grausame Schicksal ihrer Urgroßmutter. Jetzt musste sie selbst aus Kiew fliehen. Vier Tage dauerte ihre Odyssee mit zwei Kindern im Auto nach Istanbul. Es ist eine europäische Tragödie.

Es gibt auch leise Hoffnungszeichen: Harris‘ Song steht bei den meistgestreamten ESC-Beiträgen weltweit bei Spotify auf Platz acht – von allen 40 Bewerbern. Auf der Social-Media-Plattform Tiktok landete er gar auf Platz eins. Die intime Inszenierung auf der kolossalen Bühne nötigt der Fachwelt Respekt ab. Aber was nützt das alles? Harris wird am Samstag in der ersten Hälfte der 24 Teilnehmenden auftreten. Das ist ein kleiner Nachteil, aber kein mathematisches Todesurteil. Man wird dennoch mit Schlimmerem rechnen müssen.

Seine ganze Familie begleitet Harris in Turin, auch seine Freundin ist dabei, streng abgeschirmt natürlich vor interessierten Nachfragen. Schon jetzt ist zu ahnen, dass Harris den ESC nicht braucht, um sich als Musiker durchzusetzen. Kann schon sein, dass er im unteren Drittel landet. Wen kümmert‘s? Das anschließende Geläster ist eingepreist. Und wahr ist eben auch: Hier geht es um mehr als um die Frage, ob Deutschland seine verheerende ESC-Elendschronik aufbessern kann oder nicht. Und Malik Harris ist ein Teil davon. Mehr kann man nicht verlangen in diesen Zeiten.

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