Arte-Produktion aus der Lausitz

Leichen im Ländlichen: die Krimiserie „Lauchhammer“

Annalena Gottknecht (Odine Johne) und Komparsen in einer Szene der Serie  „Lauchhammer – Tod in der Lausitz".

Annalena Gottknecht (Odine Johne) und Komparsen in einer Szene der Serie „Lauchhammer – Tod in der Lausitz".

Es gibt Dialoge, die selbst komplexe Serien in vier, fünf Sätze fassen und mehr zum Ausdruck bringen als fünf, sechs Teile zusammen. Warum er Polizist geworden sei, fragt die Cottbusser Kommissarin Gottknecht ihren Lausitzer Kollegen Wolf. „Bergmann geht ja nicht mehr“, entgegnet der Eingeborene und zeigt auf verwaiste Braunkohlegruben. „Für ‚nen Tierarzt bin ich zu dumm, für ‚nen Landwirt zu faul“. Bliebe nur noch Bulle oder Krimineller, „wenn ich hier leben will“.

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Es ist stark urbaner, latent landfeindlicher Tobak, den das Autorinnenduo Silke Zertz und Frauke Hunfeld ihrem Regisseur Till Franzen – geschult durch vier „Wolfsland“-Filme aus derselben Region – ins Drehbuch über das ostdeutsche Provinznest „Lauchhammer“ geschrieben hat. Doch es kommt noch bitterer. Denn als die ortsfremde Polizistin während ihrer Ermittlungen am Rande der Republik nachhakt, ob das sein Ernst sei und Wolf nur halb im Scherz zurückfragt, „dass ich kriminell werden will?“, antwortet sie trocken: „Nee, dass du hier leben willst?“.

Für Großstadtgewächse, so lehrt uns die Serie vom ersten bis zum sechsten Teil, ist es zwar möglich, berufsbedingt landeinwärts zu reisen, aber unvorstellbar, dort zu bleiben. Was indes weniger daran liegt, dass Annalena Gottknecht nach ihrer Ankunft eine Frauenleiche am Ufer der gefluteten Tagebaugrube von Lauchhammer obduziert. Schlimmer ist, wie es den Menschen – besonders weiblichen – zu Lebzeiten in diesem enormen Wirrwarr aus Freundschaften und Feindschaften, Erinnerungen und Kränkungen der real existierenden Kleinstadt ergeht.

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Die Milieustudie wird mit einem Klimacamp garniert, das die Gestrigkeit der Lausitz noch verstärkt.

Arte macht nämlich, was fast alle Sender und Portale tun, je näher deutsche Serien und Filme Osteuropa kommen: Gezeichnet wird ein niedergeschlagenes, gewalttätiges, in dem Fall gar tödliches Bild industrieller Brachen voller Mücken und Waldschrate, mit Rassisten und Blockwarten, Drogen und Männerbünden – die noch etwas desperater wirken, da das Drehbuch seine Milieustudie mit einem Klimacamp garniert, das die Ges­trigkeit der Lausitz noch verstärkt.

Kein Wunder, dass Andreas Weidinger und Christoph Zirngibl einen Soundtrack unter die wolkenverhangene Ödnis zwängen, der gelegentlich an Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ erinnert. Fridays for Future für Untote – klingt auf klischeehafte Art berechenbar, kommt jenseits der abgerissenen, aber unvergänglichen Grenzzäune natürlich nicht ohne DDR-Altlasten wie Stasi-Seilschaften aus, ist aber trotz der uninspirierten Mordgeschichte ein sehenswertes Gesellschaftsdrama. Was nicht nur, aber sehr zentral, mit der Umgebung zu tun hat.

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Zonenrandgebiete – das trägt auch den „Spreewaldkrimi“ durchs ZDF – eignen sich eben gut zur dramaturgischen Aufladung menschlicher Abgründe, deren Rand hier Bagger von der Größe gekippter Eiffeltürme dekorieren. Zusammen mit Crystal Meth und toxischer Männlichkeit verleihen sie der Serie somit ein postapokalyptisches Grundgefühl zwischen Hans-Christian Schmids Drogendrama „Das Verschwinden“ und Heinz Rühmanns Schwarz-Weiß-Legende „Es geschah am helllichten Tag“. Und es wirkt! Denn so richtig erblüht sind die Landschaften, in denen Kommissarin Gottknecht ermittelt, ja nie.

Ständig bewaffnet mit Tanktop und Tablet, verleiht ihr Odine Johne eine Distanz, die Misel Maticevic‘ heimgekehrter Cop Maik Briegand mit Intuition und Achselschweiß wieder erdet – wobei ihm sein ironischer Herkunftsstolz als Panzer gegen die eigene Verstrickung in einen Mordfall dient, der zwar reichlich plump ist, aber den Korpsgeist alteingesessener Gemeinschaften verdeutlicht. All die verstohlenen Blicke können dem Gesamteindruck jedoch so wenig anhaben wie das depperte Happy End: „Lauchhammer“ liefert konventionelle Krimiunterhaltung mit sozialkritischer Komponente, die oftmals nervt, noch öfter schmerzt, aber ziemlich fesselt.

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„Lauchhammer“, Arte, ab Donnerstag, 20.15 Uhr, mit Odine Johne, Misel Maticevic, Marc Hosemann, Ella Lee

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