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Netflix-Serie „King of Stonks“

Schauspieler Matthias Brandt: „Ich lasse mich nicht so schnell einschüchtern“

Der Schauspieler Matthias Brandt übernimmt im Mehrteiler über die Göhrdemorde die Rolle des Polizisten, dessen Schwester 1989 spurlos verschwunden war.

Der Schauspieler Matthias Brandt mag seine verrückte Rolle in „King of Stonks“.

Matthias Brandt (60) begann seine Karriere an der Schauspielschule Hannover und spielte zunächst viel Theater. Vielen ist er spätestens aus seiner Rolle als Kommissar Hanns von Meuffels aus dem „Polizeiruf 110“ bekannt, die er bis 2019 verkörperte. Brandt, Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, ist nun in der Netflix-Serie „King of Stonks“ zu sehen (streambar ab 6. Juli), eine Finanzsatire der Macher von „How to Sell Drugs Online (Fast)“.

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Sie spielen in „King of Stonks“ den größenwahnsinnigen Chef Magnus Cramer. Was hat Ihnen daran am meisten Spaß gemacht?

Wirklich das Ganze. Ich bin in meinem Leben einigen herrschsüchtigen Menschen begegnet, insofern kann ich einiges abarbeiten bei so einer Gelegenheit. Das ist ein Vergnügen.

Es war also keine größere Herausforderung, als einen „normaleren“ Charakter zu spielen?

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Nein, da unterscheide ich nicht. Für Menschen, die mich nur von der Leinwand oder dem Fernseher kennen, mag es ungewöhnlich sein, mich in so einer Rolle zu sehen. Aber ich war sehr lange Theaterschauspieler. Da deckt man ein viel breiteres Spektrum ab als im Film oder Fernsehen. Insofern ist es vielleicht für den Zuschauer überraschender als für mich.

Nichts ist zu verrückt für Dr. Magnus Cramer (Matthias Brandt) – eine Szene aus „King of Stonks“.

Nichts ist zu verrückt für Dr. Magnus Cramer (Matthias Brandt) – eine Szene aus „King of Stonks“.

Das bringt der Job als Schauspieler generell mit sich – egal ob Theater, Fernsehen, Kino oder Streaming –, dass man verschiedene Charaktere spielt.

Genau, das ist mein Beruf. Das Fernsehen neigt zur Kategorisierung mehr als das Theater, da muss man manchmal etwas gegensteuern.

Meinen Sie, dass Sie deshalb häufiger Polizisten im TV gespielt haben, weil sie einmal damit angefangen haben?

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Es wurden doch zuletzt fast nur noch Krimis oder Schnulzen gedreht. Wenn ich mich zwischen den beiden Genres entscheiden muss, drehe ich lieber Krimis. Und dann liegt es relativ nahe, dass man öfter mal einen Polizisten spielt. Aber ich finde, dass man durchaus mal wieder ein paar anderen Genres Platz einräumen könnte.

Hat der Bereich Streaming Ihnen da als Schauspieler mehr Möglichkeiten gegeben?

Im Moment deutet sich das so an. Früher hat das Fernsehen das auch bedient, es gab zum Beispiel mehr psychologische Filme. Das ist dann irgendwann, offensichtlich aus Angst davor, dass einem die Leute weglaufen, immer weniger geworden. Wenn jetzt eine Konkurrenzsituation von Sendern und Streamern dazu führt, dass das Spektrum wieder breiter wird, finde ich das gut.

Sie sagten, dass Sie selbst Erfahrungen mit herrschsüchtigen Menschen gemacht haben. Als Schauspieler haben Sie wechselnde Chefs – war da auch mal ein größenwahnsinniger dabei und wie gehen Sie damit um?

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Ich habe nicht so ein Problem mit Leuten, die sich mächtig fühlen, ich lasse mich nicht so schnell einschüchtern. In dem Moment, in dem jemand betonen muss, dass er der Chef ist, stimmt doch schon etwas nicht. Aber es gibt gesellschaftliche Veränderungen, Hierarchien werden flacher. Solche Erscheinungen wie Dr. Cramer in der Serie wird es immer noch geben, aber ich glaube, es wird weniger. In meinem Arbeitsumfeld gab und gibt es immer wieder Leute, die alles allein entscheiden wollen. Manchmal muss man die dann einfach in dem Glauben lassen und trotzdem sein Ding machen. Wenn es auf einen Konflikt hinausläuft, gehe ich dem aber nicht aus dem Weg.

Wie schützen Sie sich als erfolgreicher Schauspieler davor, selbst größenwahnsinnig zu werden?

Ich bin am Theater sozialisiert worden, Theater ist Gemeinschaft, Ensemble, da kommt man im besten Fall nicht dazu, überzuschnappen. Ich war auch, als sich für mich eine größere Aufmerksamkeit einstellte, schon in einem Alter, in dem ich das einordnen konnte. Es ist auch wichtig, Leute um sich herum zu haben, die einem Bescheid geben, wenn man mal Rolle und Privates verwechselt. Ich lebe außerhalb der Arbeit ein Leben, in dem Erfolg keine Rolle spielt, dadurch bin ich ganz gut geerdet.

Ernsthafte Frage: Warum schaffen solche Egomanen es trotzdem so oft nach oben?

Einerseits denke ich, dass immer zwei dazugehören: Leute, die sich so aufführen, und Leute, die sich das gefallen lassen. Wenn Letztere das allerdings aus Abhängigkeit tun, wirtschaftlicher, emotionaler, dann sind wir im Bereich des Machtmissbrauchs. Das ist schlimm. Alles, was passiert, um solche toxischen Verhältnisse aufzulösen, finde ich gut. Als Schauspieler muss ich mir auf der anderen Seite alles Mögliche vorstellen können, und wenn mir so eine Rolle angeboten wird, stürze ich mich mit Begeisterung darauf, auch wenn Magnus Cramer von mir so weit entfernt ist, wie es nur sein könnte. Vielleicht auch gerade deswegen.

Ich finde es ziemlich bizarr, was sich da abspielt mit Elon Musk, Jeff Bezos und wie die Herren alle heißen.

Schauspieler Matthias Brandt

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Magnus Cramer will „Deutschlands Elon Musk“ sein, der ja auch etwas Größenwahnsinniges an sich hat. Konnten Sie sich da gut hineinversetzen, dass das ein Idealbild für ihn ist?

Das konnte ich mir total gut vorstellen. Für mich ist es das nicht, muss es auch nicht. Ich finde es ziemlich bizarr, was sich da abspielt mit Elon Musk, Jeff Bezos und wie die Herren alle heißen. Wettrennen ins All und so weiter. Das sind ja auch nicht zufällig alles Männer. Wenn man sich das vor zehn Jahren für ein Drehbuch ausgedacht hätte, weiß ich nicht, ob man damit durchgekommen wäre. Aber durch diese Leute, Trump nicht zu vergessen, haben sich die Maßstäbe verschoben. Die haben natürlich einen Unterhaltungswert, diese Typen. Das bedienen sie auch mit Freude. Vielleicht liegt die Faszination für solche Gestalten darin begründet – dass man sie sich anguckt, wie man sich früher irgendwelche durchgeknallten Adeligen angeguckt hat. Leute aus einem Paralleluniversum. Es kann sein, dass das eine Art modernes Surrogat dafür ist.

„King of Stonks“ schaut man sich auch auf unterhaltende Weise an, auch wenn es um einen größenwahnsinnigen Chef geht, der Macht über andere Menschen hat.

Das ist immer die Kehrseite. Ja, „King of Stonks“ ist eine Komödie, und das ist eine Perspektive, die ich in dem Zusammenhang sehr einleuchtend finde. Ich muss nämlich ständig lachen, wenn ich auf diese Finanzwelt gucke. Die ist mir vollkommen fremd, ich verstehe sie nicht, will sie nicht verstehen, ich weiß auch nicht, warum immer so getan wird, als müsse ich mich damit beschäftigen. Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als es noch keine „Börse vor acht“ vor der „Tagesschau“ gab, weil nämlich kein Mensch gewusst hätte, was das soll. Es war einfach irgendwann politisch gewollt zu behaupten, dass das jetzt für alle genauso wichtig ist wie das Wetter. Ich will mit dieser Welt aber eigentlich nichts zu tun haben.

Sie sind letztes Jahr 60 geworden. Wie beeinflusst Sie das, auch in Sachen Rollenangebote?

Ich habe kein Problem damit und fühle mich in meiner Haut recht wohl. Die einzige Alternative zum Sechzigwerden wäre ja auch Nichtsechzigwerden, das ist noch blöder. Aber ich bin, das weiß ich schon, was Angebote angeht, privilegiert. Ich habe jedenfalls noch nicht das Gefühl, in Rente geschickt zu werden.

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Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum in einer Gesellschaft, die immer älter wird, immer jüngere Geschichten erzählt werden müssen.

Schauspieler Matthias Brandt

Vielleicht spielt da auch Ihr Geschlecht eine Rolle. Von älteren Schauspielerinnen hört man immer wieder, dass ab 50 die Rollenangebote abnehmen.

Vielleicht ist gut. Ja, klar, zum Teil auch schon früher. Das ist natürlich übel.

Wie könnte sich das ändern?

Indem man andere Geschichten erzählt. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum in einer Gesellschaft, die immer älter wird, immer jüngere Geschichten erzählt werden müssen. Da habe ich ein Logikproblem. Warum bildet man die Gesellschaft nicht in ihrem ganzen Spektrum ab, zum Beispiel mit mehr Geschichten über erwachsene Frauen? Das würde dann ja automatisch auch tolle Rollen für erwachsene Schauspielerinnen bedeuten.

 

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