Dokushow „Meat Eater“ bei Netflix – Mann isst, was er jagt

Paradiesisches Hawaii: Hier ging „Meat Eater“-Moderator Steven Rinella mit zwei Gefährten unter anderem auf Ziegenjagd. Derzeit läuft die zehnte Staffel der Dokushow bei Netflix.

Dem Mann in „Meat Eater“ fiele es nie ein, in eine Fleischerei zu gehen und zwei Steaks und 200 Gramm Salami zu verlangen. Und nie im Leben briete er sich die Angusrind­burger aus dem Tiefkühlfach. Steven Rinella macht es wie die Männer früherer Zeiten. Er zieht in die Wildnis und erjagt sich das, was in seinen Kochtopf oder auf seinen Grill kommen soll. Steven Rinella sagt dazu Dinge wie „Ich bin Fleischfresser“ oder „Ich lebe, um zu jagen, und ich jage, um zu leben.“ Man muss den Protagonisten der Netflix-Dokureihe „Meat Eater“ nicht sympathisch finden.

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Und doch ist der heute 47-jährige dreifache Familienvater aus dem US-Bundesstaat Michigan, der sich als Naturschützer versteht, schon seit zehn Staffeln eine Fernsehpersönlichkeit – vor allem in den USA, wo die ersten sechs Staffeln von „Meat Eater“ im Sportsman Channel liefen. Seit 2019 sind seine Jagd- und Angelabenteuer hierzulande im Netflix-Portfolio. Und gerade erst sind wieder neue Folgen erschienen.

„Meat Eater“ ist – auch – eine Testosteronserie

In der neuen Staffel geht es nach Hawaii – also ist eine schnarrende Dick-Dale-Surfgitarre der gebotene Soundtrack. Mit seinen Freunden Ryan und Danny und mit professionellen Jagdbögen zieht Rinella über die Pazifikinseln. Viele eingeschleppte Tierarten hätten sich hier ausgewildert, wie zu hören ist: Hühner, Truthähne, Schweine und so weiter. Ziegen gebe es schon seit den Tagen von Captain Cook, erzählen sich die drei Protagonisten. Ein wenig Infofutter fürs Publikum.

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Jagdtaktiken für Hawaiis Böcke und Zicken werden erörtert, wie nah man den Tieren am besten kommt vor dem Abschuss, wie der Wind steht und ob der Jäger sich besser zeigt oder versteckt. Es werden Sprüche geklopft, drei Männer lachen danach immer wieder mackerhaft, und man rätselt, was daran komisch sein soll, dass das Meer hier die Begrenzung des Jagdreviers ist. Und dann wird’s etwas unappetitlich: „Am besten schmecken doch die Kleinen.“

Ja, „Meat Eater“ ist gewiss auch eine dieser Testosteron­serien, in denen neben der Jagd selbst alles vermeintlich Männliche – etwa Militär oder Offroadfahren – bewundert wird. Sie passt zu Dokushows über Autoschrauber, die Hand an alte Heckflossen­mobile legen, oder über Handwerker, die vor dem ersten Nagelschlag des Baumhausbaus ihre Zimmermanns­hämmer in der Hand wirbeln lassen wie Wyatt Earp seine Revolver.

Vegetarier können sich nur mit Grausen abwenden, oder?

„Meat Eater“ scheint auf den ersten Blick ein filmischer Mittelfinger zu sein – gerichtet gegen sich vegetarisch und vegan ernährende Zeitgenossen. Die wachsende Bewegung derer, die Tiere lieben und sich daher entschieden haben, kein Fleisch mehr auf dem Teller zu wollen – in Deutschland leben mit Stand von 2021 geschätzt sieben Millionen Vegetarier, mindestens 800.000 davon ernähren sich vegan, die Szene hat sich seit 1983 verfünfzehnfacht –, kann sich eigentlich nur mit Grausen von diesen Fleisch-ist-mein-Gemüse-Mannsbildern abwenden, die in Camouflage­garderobe durchs Gras stapfen und es dann noch nicht einmal schaffen, eine Ziege mit einem einzigen Pfeil zu erlegen.

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Und während Rinella und seine Freunde die Beute häuten, reden sie dann auch schon darüber, als Nächstes einen der torpedo­schnellen Wahoos aus dem Meer ziehen zu wollen. Ganz toll und zart schmecke das rohe Fleisch dieser Fische – dazu reichten Sojasauce und Wasabi.

Rinellas Inszenierung ist immer die gleiche: Anreise, Jagd, Tier zerlegen, Essen zubereiten (immerhin nicht Sache der Hausfrau). Die Serie zielt auf Zeigen, nicht Lehren. Und gezeigt wird vor allem die freie, unbebaute Natur als Aufenthaltsort des wahren Mannes, der sich selbst versorgt und einer radikal anderen Küche anhängt. Wer dann mehr wissen will, kauft beispielsweise Rinellas Bücher, von denen einige auch in deutscher Sprache erschienen sind – „Echte Männer jagen selbst“ und „Tiere töten und essen“ lauten die Titel. „American Buffalo – In Search of a Lost Icon“, worin Rinella erzählt, wie er in verschneiten Bergen in Alaska einen Bison erlegte und das Fleisch – von zwei Grizzlys verfolgt und dem Tode nahe – zurück in die Zivilisation brachte, war 2009 ein US-Bestseller.

Rinella, Amerikas vielleicht bekanntester Jäger, erhält für seine Arbeit auch schon mal Mord­drohungen von Tierschützern. Dabei liegen die Welten nicht so weit auseinander wie zunächst vermutet. Rinella isst gern Fleisch, aber er verwertet seine Beute komplett und verachtet die Menschen, die Tiere einpferchen und sie allein durch die Enge der Ställe aufs Äußerste stressen und quälen, sowie das zum Teil verabscheuungs­würdige Geschehen auf den Tier­transporten und in den Schlacht­häusern. Der Mensch ist seinen Mitkreaturen auf Erden bekanntermaßen ein äußerst unangenehmer Nachbar, die Jagd, wie Rinella sie betreibt – ganz ohne Victory-Safarigesten – erscheint gegenüber der Massen­tierhaltung eine deutlich humanere Art, sich auch weiterhin Fleisch auf dem Teller zu erlauben.

Durch die Pandemie wurde das Jagen wieder attraktiver

„Meat Eater“ ist in den USA längst mehr als eine Netflix-Show, ist eine Lifestyle­marke. „Ihr Link zur Nahrungskette“ ist der Firmenslogan, 120 Beschäftigte arbeiten für Rinella. Es gibt Youtube-Videos und Podcasts, das Unternehmen verkauft Jagdausrüstung und -kleidung. Der Penguin-Verlag hat fünf weitere Bücher von Rinella geordert. Die Geschäfte laufen gut – und Corona hat seit 2020 dafür gesorgt, dass sich viele Amerikaner wieder Jagdgewehre und Angelruten besorgten, wo die Zahl der Jäger nach jahrzehnte­langem Fallen bei nur noch 4 Prozent (davon 90 Prozent Männer und 97 Prozent Weiße) lag.

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„Die Jagd zeigt uns, wer wir wirklich sind“, sagt Rinella in „Meat Eater“. Wohl fest darauf vertrauend, dass nur ein Bruchteil seiner Zuschauer zu einer solchen Selbsterkenntnis gelangen möchte. Als Massen­phänomen gegen Massen­tierhaltung würde „Meat Eater“ auch nicht funktionieren. Nicht auszudenken, würden Hunderte Millionen ausschwärmen, in der Absicht, sich im Wald Wildbret fürs Abendessen zu schießen.

„Meat Eater“, Dokushow von und mit Steven Rinella (streambar bei Netflix)

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