„In 80 Tagen um die Welt“ – Jules Vernes Abenteuer mit Epochenkritik im ZDF

Diese drei machen die Sache rund: Phileas Fogg (David Tennant, M.), Jean Passepartout (Ibrahim Koma, l.) und Abigail Fix (Leonie Benesch, r.) wollen in 80 Tagen um die Welt reisen.

Diese drei machen die Sache rund: Phileas Fogg (David Tennant, M.), Jean Passepartout (Ibrahim Koma, l.) und Abigail Fix (Leonie Benesch, r.) wollen in 80 Tagen um die Welt reisen.

Das ausgehende 19. Jahrhundert war eine sehr weiße, sehr patriarchale, sehr feudale, sehr europäische Ära. Vom „alten“ Kontinent aus teilten Kaufmänner und Aristokraten aller Herren Länder „neue“ Erdregionen unter sich auf, als seien es Lose einer lukrativen Lotterie. Frauen, Schwarze, Pöbel? Allenfalls Randfiguren im kolonialen Brettspiel jener Tage – davon zeugen die Geschichte, aber auch Geschichten wie jene von Phileas Fogg, der in Jules Vernes gleichnamigem Klassiker bekanntlich wettet, „In 80 Tagen um die Welt“ zu reisen.

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Was heute nach Entschleunigung klingt – 1873 entsprach es dem Selbstwertgefühl eines weißen, patriarchalen, feudalen, also britischen Gentlemans, der sich zu Hause zwar das Hemd vom Butler knöpfen lässt und Ferntrips schon mal in Dover abbrechen muss; doch da ihn der Segen seiner noblen Geburt angeblich zur Überwindung sämtlicher Grenzen befähigt, geht Fogg 108 Jahre nach der stummen Erstverfilmung dieses sagenhaften Abenteuerromans nun abermals auf Weltreise. Alles wie immer in der Neuverfilmung von Vernes Weltliteratur? Mitnichten!

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Wenn die European Alliance genannte Kooperation der öffentlich-rechtlichen Sender ZDF, RAI, France Télévisions zur achtteiligen „Tour du monde“ aufbricht, wie sie im Original hieß, steigen Schwarze, Frauen und der Pöbel darin schließlich von exotischen Accessoires zu Persönlichkeiten auf. Während David Tennant den Engländer Phileas Fogg wie dessen Landsmann David Niven in der oscarprämierten Kinoversion von 1956 als blasierten Snob mit mehr Hochmut als Mumm spielt, unterzieht Regisseur Steve Barron seine Begleiter nach Ideen von Showrunner Ashley Pharoah also einer Frischzellenkur.

Foggs französischer Assistent Passepartout (Ibrahim Koma) wird zum Schwarzen Filou, der nach einer Prügelei lieber die Welt umkreis, als in den Knast zu gehen. Die tüchtige Reporterin Abigail Fortescue – gespielt vom deutschen Shootingstar Leonie Benesch – fährt dagegen mit, um ihrem Vater (Jason Watkins) zu beweisen, dass Frauen ebenso gut wie Männer für seine Zeitung schreiben. Gemeinsam starten sie eine Erdumrundung, die seit der Eröffnung von Suezkanal und transamerikanischer Eisenbahn zwar denkbar, doch voller Fallen ist – natürliche wie künstliche. Zu allem Überfluss der unwegsamen Route nämlich wirft Wettgegner Bellamy (Peter Sullivan) den Globetrottern auch noch ständig Steine in Gestalt seines fiesen Handlangers Kneedling (Anthony Flanagan) zwischen die Füße.

Interessanter als die Abenteuerpassagen sind aber ihre sozialkritischen Aspekte. Auf acht Etappen trifft das Trio ja nicht nur reale Filmfiguren wie die englische Orientforscherin Jane Digby (Lindsey Duncan) oder den afroamerikanischen US-Marshall Bass Reeves (Gary Beadle); an ihrer Seite dreht es Vernes drollige Kulturkollisionen so um, dass zivilisierte Europäer nicht auf edle Wilde treffen, sondern umgekehrt wilde Eroberer auf zivilisierte Ureinwohner. Während Pierce Brosnans Phileas Fogg das hochexplosive Fin de Siècle noch 1989 nur als Kulisse für exotische Action benutzte, schildert derselbe Stoff nun nebenbei noch Themen von Kolonialismus über Rassismus bis Sexismus, die unsere Gegenwart weiter prägen.

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Es geht um die selbst erklärte Überlegenheit der westlichen Zivilisation im Vergleich zur angeblichen Unterlegenheit des östlichen Naturalismus, die selbst erklärte Überlegenheit des Mannes im Vergleich zur angeblichen Unterlegenheit der Frau, die selbst erklärte Überlegenheit Weißer im Vergleich zur angeblichen Unterlegenheit aller anderen. Worum es selten geht: Belehrungen. Dank der Darsteller – allen voran Tennant als pathetischer Dandy – bietet dieser Weihnachtsmehrteiler demnach etwas ungemein Kostbares: gute Unterhaltung für die ganze Familie mit Froh- und Hintersinn.

„In 80 Tagen um die Welt“, acht Teile, Regie: Steve Barron, mit David Tennant, Ibrahim Koma, Leonie Benesch, Jason Watkins, Anthony Flanagan – ab 21. Dezember im ZDF. Sendetermine: Folge 1: Dienstag, 21. Dezember, um 20.15; Folge 2: Dienstag, 21. Dezember, um 21 Uhr; Folge 3: Dienstag, 21. Dezember, um 21.50 Uhr; Folge 4: Dienstag, 21. Dezember, um 22.35 Uhr: Folge 5: Mittwoch, 22. Dezember, um 22.15 Uhr; Folge 6: Mittwoch, 22. Dezember, um 23 Uhr im ZDF; Folge 7: Donnerstag, 23. Dezember, um 22:15 Uhr; Folge 8: Donnerstag, 23. Dezember, um 23 Uhr im ZDF – alle Folgen befinden sich seit 11. Dezember in der ZDF-Mediathek

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