Olaf Scholz bei Pro Sieben: Nach 10 Minuten wird gegrillt

Olaf Scholz (rechts) im Gespräch mit den Moderatoren Linda Zervakis (links) und Louis Klamroth.

Olaf Scholz (rechts) im Gespräch mit den Moderatoren Linda Zervakis (links) und Louis Klamroth.

Unterföhring. So viel vorweg: Geklatscht hat am Ende des zweiten Pro-Sieben-Interviews zur Bundestagswahl niemand. Denn das Gespräch mit SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz verlief am Mittwoch deutlich konfrontativer als jenes Ende April mit Annalena Baerbock. Seinerzeit applaudierte sogar das Moderatorenduo Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke der Grünen Kandidatin zu – von so viel Harmonie war am Mittwoch nichts mehr zu spüren.

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Zur zweiten Ausgabe verzichtete der Privatsender nicht nur auf Bauerfeind und Mischke, sondern auch auf Kuschelkurs. Linda Zervakis hatte nach vielen Jahren bei der „Tagesschau“ ihren allerersten Auftritt bei Pro Sieben, den sie mit den Worten „Ich bin die Neue“ anmoderierte. Deutlich angriffslustiger allerdings zeigte sich Zervakis’ Moderationspartner, der Journalist Louis Klamroth.

Was man an diesem Mittwochabend bei Pro Sieben sah, war eine Art „Good cop, bad Cop“-Spiel. Zervakis, stets entspannt zurückgelehnt, schmeichelte Scholz zunächst mit wenig brisanten Fragen. Klamroth, stets nach vorne gebeugt und angriffslustig, ging schließlich ans Eingemachte. Der Moderator war zuletzt durch seinen Interviewstil bei „Klamroths Konter“ (N-TV) bekannt geworden, für den er 2018 den Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises gewann.

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Und dann geht es in den Grillmodus

Nur rund 10 Minuten plauderte man mit Scholz über dies und das, etwa über sein „schlumpfiges Grinsen“, das ihm einmal Markus Söder (CSU) unterstellt hatte. Und gar die frühere Lockenpracht des Kanzlerkandidaten kam zur Sprache. Es folgten weitestgehend harmlose Fragen zum Israel-Konflikt und zur Diversität innerhalb Scholz‘ Wahlkampfteams. Und dann entschied man sich, in den Grillmodus überzugehen.

„Die SPD liegt zwischen 14 und 16 Prozent. Ab wieviel Prozent darf man sich denn überhaupt noch Kanzlerkandidat nennen?“, will Klamroth wissen. Scholz ist sich „sicher, dass die Chance“ existiere.

Zervakis bringt die politischen Affären Scholz‘ ins Spiel: „Wenn Sie Suchanfragen bei Google blockieren könnten, welche wären das? ‚Scholz + G20‘, ‚Scholz + Cumex‘ oder ‚Scholz + Wirecard‘?“ Gar nichts, findet Scholz – es gehöre schließlich dazu, dass man kritisiert werde.

Die Sache mit den E-Mails

Klamroth hakt nach: „Das sind alles Milliardenskandale. Sie mussten auch in Untersuchungsausschüssen aussagen. Wissen sie selber noch, wie oft Sie da gesagt haben ‚Ich kann mich nicht erinnern?‘ Oder können Sie sich daran auch nicht mehr erinnern?“ Scholz erklärt, er habe das meiste konkret geschildert – dem Finanzministerium sei nichts vorzuwerfen, zudem sei gehandelt worden, etwa durch schärfere Gesetze.

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Klamroth unterbricht: „Ich will beim Untersuchungsausschuss bleiben. Sie haben als Minister über einen persönlichen E-Mail-Account kommuniziert, die E-Mails waren aber weg. Löschen Sie wirklich ständig ihre Mails?“ Scholz bejaht.

Dann Zervakis: „Ich finde das lebensfremd, dass man sofort nach dem Versenden seine Mails löscht.“ Davon beirren lässt sich Scholz jedoch nicht: Er wolle die Mails – symbolisch gesprochen – nicht alle „mit sich herumschleppen“. Und überhaupt: Die verschickten E-Mails seien ohnehin harmlos gewesen – es habe sich beispielsweise um Zeitungsausschnitte gehandelt.

Keine klaren Worte zu Maaßen

Dann das nächste Thema: „Würden Sie eine Koalition mit der CDU ausschließen, wenn Hans-Georg Maaßen Bundestagsabgeordneter wird?“, will das Moderatorenduo wissen. Es mache „keinen Sinn“ etwas auszuschließen, außer die AfD, so Scholz. Klamroth unterbricht: „Okay, Sie geben mir keine Antwort“.

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Zervakis fährt mit der Pandemiepolitik der Bundesregierung fort: „Sie als Vizekanzler, wofür müssen Sie um Entschuldigung bitten?“ Es folgt eine längere Pause. „Ich glaube, dass die größten Dinge mit großem Ernst gemacht worden sind“, antwortet Scholz schließlich. Klamroth wirft die Problematik in den Schulen in den Raum. Scholz: „Es gibt viele Dinge, die nicht richtig gelaufen sind. Wir waren auf eine Pandemie trotz Warnungen nicht so vorbereitet, wie wir es hätte sein müssen.“

Zervakis vergleicht: zwei Milliarden Euro seien für ein Aufholpaket für Schülerinnen und Schüler angesetzt worden, die Lufthansa hingegen sei mit neun Milliarden unterstützt worden. „Sind Ihnen Kinder so viel weniger wert als die Lufthansa?“, will die Journalistin wissen. Scholz zeigt sich „sauer“ über diesen Vergleich, ehe Klamroth wieder einschreitet.

„Ohne Scholz gäbe es keine Testpflicht“

In Schulen müsse getestet werden, in Betrieben aber nicht. „Warum kuschen sie so vor der Wirtschaft?“ Scholz hält das für eine „schöne Polemik“. „Büros zumachen halte ich für eine falsche Entscheidung. Wir haben durchgesetzt, dass es Homeoffice geben muss, dass getestet wird. Es ist eine Testpflicht, die Unternehmen anbieten müssen. Ohne Hubertus Heil und Olaf Scholz gäbe es keine Testpflicht und kein Homeoffice, was wir gegen massive wirtschaftliche Interessen durchgesetzt haben.“

Ungefähr so geht das noch mehrere Minuten weiter. Klamroth will beispielsweise eine „konkrete Hausnummer“ wissen, die beim durch die SPD angestrebten „Bürgergeld“ als Ersatz von Hartz IV herausspringen würde. Als Scholz rumdruckst, unterbricht der Journalist erneut: „Okay, Sie wollen mir keine konkrete Zahl nennen.“

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Zervakis kommt auf den Klimaschutz zu sprechen. Sie habe seinen Twitter-Streit mit Peter Altmaier (CDU) „peinlich“ gefunden, nachdem das Verfassungsgericht Nachschärfungen beim Klimaschutzgesetzt gefordert hatte. „Kohleausstieg bis 2038, kriegen wir heute das Versprechen von Ihnen, dass es bis 2030 geht?“

Konkrete Zahlen für Flugpreise

Das Versprechen kam nicht: Scholz sieht vielmehr ein „großes Projekt“ vor sich, man gebe 40 Milliarden dafür aus, dass Menschen, die heute in der Branche arbeiten, alternative Arbeitsplätze bekämen. Diesen Kompromiss werde man nicht aufkündigen, darüber sei viel verhandelt worden.

Angesprochen auf den Ausbau von Windrädern sagt Scholz: „Wer das mit dem Klimaschutz ernst nimmt, der muss auch mal Windräder genehmigen und Leitungen bauen“. Dafür sei offenkundig ein Politikwechsel nötig. So seien im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren so gut wie keine Windräder gebaut worden, genauso im schwarz-grün regierten Hessen, so Scholz weiter.

Klamroth will wissen, ob der Kanzlerkandidat Billigflüge verbieten wolle. Scholz spricht sich für eine untere Preisgrenze für Flüge aus und nennt dann tatsächlich auch konkrete Zahlen: Flüge unter 50 oder 60 Euro werde es dann nicht mehr geben. „Kein Flug darf billiger sein als die Flughafengebühren und alle anderen Gebühren, die dafür anfallen.“

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Klamroth: „Also nur noch Flüge für Besserverdiener?“ Scholz verneint: Auch das sei noch ziemlich günstig, gemessen an dem, was Flugreise früher gekostet hätten. Klamroth will wissen, ob es stattdessen kostenlosen Nahverkehr geben werde. Scholz hält das für unrealistisch, spricht sich aber für mehr 365-Euro-Tickets in Gemeinden und Landkreisen aus. Außerdem müsse viel Geld in den Ausbau des Nahverkehrs gesteckt werden.

Erfrischend anders

Das Interview endet ohne Applaus der Moderatoren, aber auch ohne großartige Erkenntnisgewinne. So konfrontativ der Gesprächsstil gewesen sein mag, an Scholz bissen sich Zervakis und Klamroth die Zähne aus.

Der Kanzlerkandidat der SPD ließ sich bis auf wenige Ausnahmen nicht sonderlich aus der Ruhe bringen – und wenn doch, verlor er sich dennoch irgendwann Worthülsen. Immerhin: Erfrischend anders war das Interview allemal.

Armin Laschet, Kanzlerkandidat der CDU, sollte sich demnach warm anziehen: Am Montag interviewen ihn Zervakis und Klamroth an selber Stelle, um 20.15 Uhr bei Pro Sieben.

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