Am Set von „Sisi“ in Litauen: Zwischen Mädchentraum und Moderne

Opulentes Set und aufwendige Kostüme: im Vordergrund (von links) Gräfin Esterhazy (Tanja Schleiff), Tochter (Luize Pars Balode), Fanny (Paula Kober), Sisi (Dominique Devenport), Franz (Jannik Schümann) und Erzherzogin Sophie (Desiree Nosbusch).

Vilnius/Hannover. Die Kleider sind so ausladend, dass es verwunderlich ist, dass die Schauspielerinnen damit überhaupt in die alten Kutschen passen. Doch es geht: Und ein- und aussteigen müssen sie gleich mehrfach. Schließlich wird so eine Szene nicht in einem Take gedreht. Wir befinden uns im litauischen Vilnius, kurz vor der belarussischen Grenze, in einem malerischen Schlossgarten mit Herrenhaus und Blick auf einen See, am Set der TV-Now-Serie „Sisi“ – zumindest virtuell.

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Denn wegen der Pandemie ist ein Besuch der Drehkulissen nur auf diesem Wege möglich. Ein bisschen wie ein heimlicher Beobachter fühlt man sich, als Andreas Gutzeit, Showrunner und Headautor der Serie, die ab Herbst diesen Jahres auf dem Streamingdienst zu sehen sein soll, einen per Smartphone über das Gelände an den Drehort führt. Man sieht vielleicht mehr, als wenn man wirklich vor Ort wäre, führt Gutzeit einen doch mitten rein ins Gewusel von Schauspielerinnen und Schauspielern, Komparsinnen und Komparsen, Kameramenschen und Technikerinnen und Technikern. Nur beim Ton hapert es immer wieder mal – in Vilnius ist es trotz Sonnenschein recht windig, so manche Worte schaffen es nicht bis ins Mikro, dafür ab und zu das Schnauben eines der dort für die Szene vor eine Kutsche gespannten Pferde.

Litauisches Herrenhaus stellt österreichische Kaiserresidenz dar

In der Geschichte wird die an dem litauischen Schloss gedrehte Szene dann noch mal woanders verortet – und zwar im österreichischen Bad Ischl. Das Herrenhaus soll die Kaiserresidenz darstellen. Demonstrativ wurde eine österreichische Fahne auf dem Gebäude angebracht. Die österreichische Kaiserin Sisi, gespielt von der 25-jährigen Dominique Devenport, kommt dort gerade an, begleitet von ihrer Schwester und anderen Frauen. Es kommt zur ersten Annäherung mit Franz (Jannik Schümann).

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In pompöser Garderobe: Sisi (Dominique Devenport) und Franz (Jannik Schümann).

In pompöser Garderobe: Sisi (Dominique Devenport) und Franz (Jannik Schümann).

„Ein bisschen zackiger“, „mit Haltung, aber etwas weniger würdevoll“ wünscht sich Regisseur Sven Bohse dessen Auftreten in der Szene. Schümann, in dunkelblauer Uniform, nimmt die Anweisungen entgegen. Es wird ein neuer Take gedreht – ein Mitarbeiter mit der typischen Filmklappe läuft durchs Bild und zeigt damit Anfang und Ende der Filmszene an, die von verschiedenen Kameras aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen wird.

200 Komparsen bei Hochzeitsszene – alle getestet

Nicht nur Journalistinnen und Journalisten, die nicht live vor Ort sein können, merken die Auswirkungen der Pandemie. „Gestern haben wir die Hochzeit in einer Kirche gedreht mit etwa 200 Komparsen“, erzählt Gutzeit. Dem vorangegangen seien PCR-Tests sowie Schnelltests am Tag selbst bei allen Mitwirkenden – außerdem tragen alle, die gerade nicht gefilmt werden, Masken. „Lieber haben wir mal eine Maske im Bild, als dass wir nicht akribisch auf Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf Corona achten“, findet der Showrunner. Und das, obwohl der Dreh an diesem Tag hauptsächlich draußen stattfindet. Aber die Sicherheit geht vor.

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Auch in das Herrenhaus selbst nimmt einen Gutzeit kurz mit, wo neben Hauptdarsteller Schümann auch gerade Désirée Nosbusch, die dessen Mutter, die Erzherzogin Sophie, spielt, auf ihren Einsatz wartet. Alles wirkt hier pompös. Das Setting, die Kleider, die Sonnenschirme, und die Kutschen sowieso. „Die haben wir aus ganz Europa eingesammelt“, berichtet Gutzeit von dem logistischen Aufwand. Die Kutsche, in die Sisi-Darstellerin Devenport und ihre Gefährtinnen gerade immer wieder ein- und aussteigen, komme aus Polen. Um die Ecke steht eine Ersatzkutsche. Und die alten Gefährte müssten, weil der Dreh nicht nur in Litauen, sondern auch in Bayern, Österreich, Lettland und Budapest stattfindet, von Land zu Land transportiert werden. Kein einfaches Unterfangen.

Kostümbeschaffung aufwendig – auch wegen konkurrierender Sisi-Projekte

Ähnlich aufwendig war die Kostümbeschaffung und -herstellung - auch weil TV Now aktuell nicht der einzige Anbieter ist, der eine Sisi-Produktion dreht. Netflix arbeitet ebenfalls an einer Sisi-Serie namens „The Empress“, außerdem soll nächstes Jahr der Film „Sisi und ich“ in die Kinos kommen. Gleich drei Produktionen sind also an dem historischen Stoff dran – da werden auch die Stoffe, aus denen Kleider und Uniformen genäht werden, knapp.

„Es war eine Challenge, mit der Konkurrenz und zu Corona-Zeiten Stoffe zu finden“, berichtet Kostümdesigner Metin Misdik, der ebenfalls am Set in Litauen herumläuft. Mehr als 400 Kostüme habe er innerhalb von drei Monaten entwerfen und herstellen müssen – ein typisches Sisi-Kleid benötige rund zehn Meter Stoff. „Das Kleid ist so groß wie der ganze Wohnwagen, ich komme hier nicht mehr raus“, scherzt auch Schauspielerin Nosbusch, als sie sich in einer Drehpause zum Videointerview in ihren Setwohnwagen zurückzieht.

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Sisi soll modern werden

Doch auch wenn die Kleider und die ganze Optik einen ins 19. Jahrhundert, die Original-Sisi-Zeit, zurückversetzen, soll die Geschichte um die österreichische Prinzessin eine moderne werden. „Alle Figuren werden neu interpretiert“, sagt Gutzeit – so gebe es auch Rollen, die fiktiv hinzugedacht wurden, wie etwa die Fanny (Paula Kober) oder den Grafen Grünne (David Korbmann). Die Serie solle „kein Remake der 50er-Jahre-Produktion mit Romy Schneider“ werden, betont der Showrunner. Stattdessen solle es eine „Serie fürs 21. Jahrhundert“ werden, mit einer „starken Frauenfigur“. Auch Regisseur Bohse betont, dass er sich „fiktionale Freiheiten“ in dieser historischen Geschichte genommen habe, um das „biedere Genre aufzubrechen“.

Dazu passt die Schauspielerinnenauswahl gut: Denn Hauptdarstellerin Devenport hatte die „Sissi“-Filme (damals mit doppeltem „s“) aus den 50ern vor dem Engagement von TV Now noch nie gesehen, wie sie erzählt – und ließ sich daher davon auch nicht in ihrem Spiel beeinflussen. „Die große Stärke von Sisi ist ihre Verbindung zu sich selbst“, findet sie. Sie lebe von ihrer Individualität und Kämpfernatur.

Schümann: „Viel vielschichtigerer“ Franz als in den 50er-Jahre-Filmen

Auch Franz-Darsteller Schümann sieht in der Interpretation seiner Figur einen „viel vielschichtigeren“ Franz als in den Originalen. Neben dem Blick aufs Historische betonen die beiden aber vor allem den Spaß an den Actionszenen – sie seien bei Reit- und Fechtszenen nicht gedoubelt worden, sondern hätten alles selbst gemacht, berichten sie. „Die körperliche Vorbereitung auf die Kriegsszenen war eine große Herausforderung, aber es hat Spaß gemacht, sich entsprechend zu verausgaben“, so Schümann. Devenport liebte vor allem die Reitszenen: „Da habe ich etwas ganz Neues entdeckt“, schwärmt die Schauspielerin, „das waren schöne Erfahrungen.“

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Doch an diesem Drehtag werden keine wilden Reitszenen gedreht, die Pferde, die man sieht, stehen nur entspannt vor den Kutschen. Der Fokus liegt auf Sisi und Franz, nicht auf den vierbeinigen Komparsen. Und sowieso: Actionreiche Kampf- und Reitszenen wären mit dem Smartphone wohl schwer zu begleiten. Dafür wäre dann doch ein realer Setbesuch nötig.

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