Dortmund-„Tatort“ - immer Richtung Flaschenbier

Der Schauspieler Jörg Hartmann als Kriminalhauptkommissar Jan Pawlak.

Der Schauspieler Jörg Hartmann als Kriminalhauptkommissar Jan Pawlak.

Dortmund. Faber hat die Zügel nicht mehr in der Hand, er fährt jetzt Opel „Manta“, alt, aufgemotzt und schadstoffreich – wir reden hier vom Auto, nicht von Faber (Jörg Hartmann), der als Kommissar ja nie besonders schnittig war. Doch langsam scheint er seinen eigenen Verfall nicht mehr zu überblicken. Der Kommissar hat mit sich selbst zu tun, so sehr, dass dieser Dortmund-„Tatort“ („Heile Welt“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) glatt an ihm vorbeirauscht.

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Er steuert nicht viel bei zu den Ermittlungen, zwischendurch sitzt er mit einem abgerutschten Alkoholiker im Schatten eines Hochhausblocks, sie schweigen, lachen, fluchen, sie öffnen sich ein Flaschenbier, dann noch ein zweites. Im Milieu der Trinker fühlt sich Faber heimischer als auf dem Polizeirevier. Die Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) steigt in seinen Manta, sie hören „Sunshine Reggae“, bei „Gimme just a little Smile“ lächelt Bönisch überlebensgroß. Sie wirkt nicht mehr wie die Kollegin, sondern wie die Pflegerin.

Hölle in der Hochhaussiedlung

Regisseur Sebastian Ko, der seinen ersten „Tatort“ mit dem Dortmunder Team zeigt (der coronabedingt nicht in Dortmund gedreht werden konnte), packt die Energie von einem Fußballspiel in diesen Film. Es geht rauf und runter, Konter und Gegenkonter, Treffer und Eigentor. Man ist erschöpft von diesem Stück, das ist ein Qualitätsbeweis. Weil Ko der eigenen Geschichte (Drehbuch: Jürgen Werner) aber offenbar zu wenig Strahlkraft zutraut, dreht er in den ersten Bildern etwas voreilig am Zeitrad. Er greift 48 Stunden vor, Dortmund scheint zu brennen, hinten die Bengalos, vorne Kommissarin Bönisch, entkräftet und um Haltung ringend. Ohne etwas zu erklären, kehrt der Film zurück zum Anfang. Er kümmert sich nun um die Frage, wie es zur Randale kommen konnte.

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Eine Folge, die sich „Heile Welt“ nennt, muss natürlich in der Hölle landen. Es scheint zu einfach, diese Hölle in der Hochhaussiedlung zu platzieren, wo Faber mit dem Fläschchen Alkohol und seinem obdachlosen Kumpel landet. Umso höher ist es dem Krimi anzurechnen, dass er das Wohnhaus nicht veralbert oder denunziert, keine kaputten Fahrstühle zeigt, sondern Menschen ins Gesicht schaut und sich jene Fragen stellt, auf die auch außerhalb der Fernsehapparate niemand eine echte Antwort hat.

Dieser „Tatort“ schont sich nicht

Wie, zum Beispiel, soll Kommissarin Bönisch mit dem jungen Hakim Khaled (Shadi Eck) umgehen, der sie verhöhnt, als Frau beleidigt, der Drogen transportiert und im Verdacht steht, die schwangere Anna Slomka erschlagen und verbrannt zu haben?

Bönisch führt ihn ab, will ihn verhören, sie ist nicht zimperlich – die Emotionen kochen hoch, sie ist umstellt von jungen, aggressiven Männern. Bönisch wird gefilmt, als sie Hakim rüde abführt. Das Video geht online, die linken Blogger toben: Dortmunds Polizei sei rassistisch, es gebe dort Kontakt zu Nazis!

Nun hat der Film die Fallhöhe, die ihn so intensiv und brauchbar für die Blaupause der gegenwärtigen Debatten macht. Dieser „Tatort“ schont sich nicht. Er verschleißt sein Personal. Von Faber war bereits die Rede, er ist mental längst ausgestiegen. Nun ist Bönisch an der Reihe, ihren Ruf und auch ihr Leben zu verteidigen, sie reibt sich auf, sie sieht, was diese Arbeit aus ihr macht: „Meine Ehe ist im Arsch, meine Kinder wollen nichts mit mir zu tun haben, aber ich liebe meinen Beruf – wie bescheuert kann man sein!“

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Eine neue Ermittlerin im Dortmund-„Tatort“

Höchste Zeit für eine frische Einwechselspielerin: Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) ist die neue Kollegin, was an sich schon eine „Tatort“-Folge wert ist. Denn wie könnte sie sich in ein Team eingliedern, das von Faber rätselhaft und richtungslos geführt wird?

Es ist beachtlich, wie viel Mühe sich der „Tatort“ gibt, die Turbulenzen auf dem Polizeirevier mit all dem Wahnsinn auf den Hochhausfluren zu verknüpfen. Wer hat Anna Slomka umgebracht: War es der Hausmeister, der heimlich eine Kamera in ihren Brandmelder gebaut hat, um ihr „nahe zu sein“? War es der gekränkte Obdachlose, mit dem Faber Bier trinkt? War es der getrennte Vater von Slomkas ungeborenem Kind, oder doch am Ende Hakim Khaled? Antworten, die der „Tatort“ aus Dortmund gibt, sind nie endgültig. Sie sind Wasserstandsmeldungen aus einer Gegend, wo man nicht mal sicher ist in einem Opel „Manta“.

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