Viktorianischer Krimispaß

Sherlocks Schwester hat’s schwer: „Stranger Things“-Star Millie Bobby Brown in „Enola Holmes 2“

Ihr Vertrauen in die Londoner Polizei ist eingeschränkt: Millie Bobby Brown als Enola Holmes im zweiten Film der Detektivkomödienreihe, der am 4. November bei Netflix startet. Foto: Alex Bailey/Netflix © 2022

Ihr Vertrauen in die Londoner Polizei ist eingeschränkt: Millie Bobby Brown als Enola Holmes im zweiten Film der Detektivkomödienreihe, der am 4. November bei Netflix startet. Foto: Alex Bailey/Netflix © 2022

„Aber du bist ein Mädchen!“ Das Vertrauen in die Fähigkeiten von Enola Holmes ist eingeschränkt. Ihr stolzer Eingangssatz „Ich folge meinem Bruder und bin mit ihm auf Augenhöhe“, bricht sich an einer Wirklichkeit, in der man Weibsleuten nichts von Relevanz zutrauen will. Das England der späten 1880er-Jahre ist besonders eng für Frauen, und, um James Brown, den Godfather of Funk, zu zitieren „a man‘s, man‘s, man‘s world“.

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Und Enolas ermittlerischer Erfolg aus dem ersten Film (ab hier ist mit Spoilern zu rechnen), wird im zweiten unverschämterweise auch noch Sherlock zugeschlagen. Kann doch nur ein Mann gewesen sein, oder? Während Bruder Holmes sich künftig vor Fällen nicht retten kann, verirrt sich keine Menschenseele in Schwesterchens frisch eröffnete Detektei. Auch, dass sie eine wehrhafte Meisterin des Jiu-Jitsu ist, nützt da nix. Und schon bald sieht man eine Hand, die ihren Namen wieder vom Schaufenster schabt.

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Dann taucht doch noch eine Klientin auf. „Hübsch. Grüne Augen, rote Haare, Sommersprossen“, beschreibt ein Kind der glücklosen Detektivin ihre „Schicksalsschwester“ Sarah Chapman. Vor einer Woche sei sie plötzlich verschwunden, erzählt das kleine Mädchen und führt Enola über die Hinterhöfe und Hafenplanken eines pittoresk schmutzig digitalisierten Backsteinlondons in ihre Fabrik, wo zum Schichtwechsel gerade eine Typhuskontrolle der Arbeiterinnen stattfindet und eine Frau mit deformiertem Kiefer wieder zurück nach Hause geschickt wird.

In der Streichholzfabrik herrschen schlimme Zustände

Phosphorgestank sticht in Enolas Nase, es zischt, klappert und lärmt in der Fabrikhalle von „Lyon‘s“, wo die Frauen im Akkord Zündspane in Schachteln packen. „Wir sind die Streichholzmädchen“, verweist Enolas kleine Auftragsgeberin auf eine Arbeitswelt von Hungerlohn und Entrechtung. Obzwar Entgelt kaum zu erwarten ist, macht sich die ob der Missstände empörte Enola auf ins Nachtleben der Hauptstadt, um die Vermisste zu finden. Es geht zu Karrierebeginn ja zuvörderst um Meriten, Monetäres kommt dann schon mit der wachsenden Reputation.

Und so fliegt ihr Bruder Sherlock (Henry Cavill – der gerade seinen Ausstieg aus Netflix‘ Fantasyserie „The Witcher“ bekanntgab) buchstäblich entgegen – betrunken aus einem Lokal geworfen, in einem Fall von Großbetrug ermittelnd. Als sie anderntags auf einer Parkbank die erste Recherche Revue passieren lässt, kommt auch der „love interest“ des ersten Films des Wegs, der schöne Junglord Tewkesbury (Louis Partridge). Er habe ihr geschrieben. Sie habe nicht geantwortet. Großer Seufzer. Der Pfeil ist vorbereitet in Amors Köcher. Da muss diesmal einfach was laufen.

Die Fälle der Geschwister Holmes kreuzen sich

Zunächst läuft Blut. Enola findet im Jack-the-Ripper-Stadtteil Whitechapel eine Sterbende, kann dem zwielichtigen Superintendent Grayle (David Thewlis) gerade noch entkommen, der sie unter Mordverdacht stellen will – außer, Enola verrate ihm das Versteck der angeblich wegen Diebstahl und Erpressung gesuchten Sarah. Sie flitzt über brüchige Ziegeldächer, baumelt an altersschwachen Dachrinnen und landet schließlich direkt hinter Sherlocks viktorianischer Flipchart.

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„Er tanzt mir auf der Nase herum“, klagt der Bruder über jemanden, der ihn inkognito auf dubiose Überweisungen von und auf Staatskonten hinweist. Im Zentrum von fünf Londoner Banken, die Sherlock mit Argwohn betrachtet liegt – die Streichholzfabrik. Etwas Großes ist im Gange und die verschollene Sarah Chapman entpuppt sich mehr und mehr als eine in Lebensgefahr befindliche, wenn nicht bereits tote Schlüsselfigur. Die Fälle der Geschwister Holmes kreuzen sich.

Der zweite Film der „Enola“-Reihe nach den Büchern von Nancy Springer ist ähnlich bezaubernd und munter wie der erste – nur ist er etwas lang geraten und es ist nicht mehr ganz so überraschend, wenn Regisseur und Ko-Autor Harry Bradbeer seine Heldin wiederholt die vierte Wand zum Publikum für ein bisschen Tratsch oder Tacheles einreißen lässt oder lästige Erklärbär-Momente mit Daumenkinosequenzen Esprit verleiht. Der Mix aus Komödie, Krimispannung und vergnüglichen Actionszenen ist mehr vom Selben, ungemein unterhaltsam und ein durchaus solides zweites Standbein für „Stranger Things“-Star Millie Bobby Brown, die sich hier deutlich weiblicher geben darf als in der Sci-fi-Horror-Serie, mit der sie berühmt wurde. Und auch Helena Bonham Carter bekommt als Mama Holmes und „Bombenlegerin“ einen furiosen Auftritt.

Den „Streik der Streichholzmädchen“ gab es wirklich

Wieder wird sozialer Fortschritt verhandelt. Ging es im ersten Film um eine knapp erreichte Wahlrechtsreform, mit der Landarbeiter ihr Stimmrecht bekamen, so kommen im zweiten Pionierinnen in Sachen Gleichberechtigung zum Zuge. Die Sarah Chapman, nach der Enola sucht, gab es wirklich, sie war bei einer Streichholzfabrik angestellt, die „Bryant & May“ hieß und eine der Anführerinnen im „Streik der Streichholzmädchen“ von 1888, mit dem „Enola Holmes 2″ endet.

Es ging bei dem Arbeitskampf um die harten 14-Stunden-Schichten bei Niedrigstlohn und völliger Rechtlosigkeit der Frauen. Die im Film geschilderte Vertuschung der durch weißen Phosphor verursachten schweren Kieferschäden (20 % Todesrate) ist fiktional. Chapmans Arbeitgeber wussten um den sogenannten „phossy jaw“. Wenn eine Arbeiterin über das Symptom Zahnschmerzen klagte, wurde sie vor die Entscheidung gestellt, sich die Zähne ziehen oder entlassen zu werden. Was nicht minder niederträchtig ist. Nach dem „Matchgirls Strike“ verbesserten sich die Arbeitsbedingungen. So fanden die Mahlzeiten der Matchgirls fortan in einem anderen Raum statt – so dass das Essen nicht mehr in Kontakt mit weißem Phosphor kommen konnte. Dessen Verwendung dann allerdings erst 1910 per Gesetz verboten wurde.

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So weit sind wir im Holmes-Land noch nicht. Dort fließt anno 1888 auch ein wenig von Sir Arthur Conan Doyles Büchern und Geschichten ein. So tritt ein berühmter Gegenspieler aus den Schatten. Und Enola befolgt den Rat ihrer Mutter – „Mit jemand anderem an deiner Seite wärst du überwältigend“ – auch gleich noch für Sherlock mit.

Einmal dürfen Sie raten, wer in der Woche darauf bei ihm in der Baker Street 221 b klingelt.

„Enola Holmes 2″, Film, 148 Minuten, Regie: Harry Bradbeer, mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill, Louis Partridge, David Thewlis, Helena Bonham Carter, Serranna Su-Ling Bliss (ab 4. November bei Netflix)

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