Unheimlicher Zeitreisender

Häuser machen Mörder: die Mysteryserie „Shining Girls“ bei Apple TV+

Das hier ist ein Waschsalon – aber nicht mehr lange: Journalist Dan (Wagner Moura, l.) und Kollegin Kirby (Elisabeth Moss) in der sich stets verändernden Wirklichkeit der Serie „Shining Girls".

Wenn man zu Hause eine Tür hätte, durch die man nicht in ein anderes Zimmer gelangen könnte, sondern in eine andere Zeit, dann würde man erst mal in den 30. September 1955 hineinspazieren und James Deans Autoschlüssel zu seinem Porsche Spyder „Little Bastard“ klauen und wegwerfen. Und dann am 8. Dezember 1980 in New York den Platz von John Lennons Chauffeur einnehmen und ihn und Yoko Ono in den Innenhof des Dakota Buildings fahren, statt davor zu halten. Man würde Gutes tun und Gute bewahren, so wie der Englischlehrer Jake Epping in Stephen Kings Roman „Das Attentat“ (verfilmt als Serie mit James Franco) – er verhinderte die Ermordung von Präsident John F. Kennedy.

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Oder vielleicht würde man das doch nicht tun. Denn bei Zeitreisen soll man ja eigentlich nie auch nur das Geringste verändern. Das weiß der Science-Fiction-Fan spätestens seit in Ray Bradburys Erzählung „Ferner Donner“ (1958) ein Großwildjäger auf Dinosauriersafari versehentlich auf einen prähistorischen Schmetterling trat. Die Rückkehr jenes Mr. Eckels in seine Gegenwart war ähnlich ernüchternd wie die des Kennedy-Retters Epping im King-Buch. Die Welt war keineswegs eine bessere geworden.

Ein Zeitreisender mit bizarren Vorlieben

Der Zeitreisende, der in der neuen Thrillerserie „Shining Girls“ bei Apple TV+ ein „Portalhaus“ in andere Jahrzehnte findet, tut nun ausschließlich Böses. Er gelangt aus dem Chicago der wilden Zwanziger bis in die frühen Neunzigerjahre und ermordet auf seinen Reisen Frauen. Er hinterlässt zur Verwirrung möglicher Verfolger Dinge in den Körpern der Toten, die er aus späteren Dekaden mitgebracht hat.

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Eine typische Filmpsychopathenmarotte (wir erinnern uns an Buffalo Bills Schmetterlingsfimmel in „Das Schweigen der Lämmer“), an der sich jeder Kriminologe den Kopf zerbrechen muss. Denn Zeitreisen gibt es ja offiziell nicht – alles Science-Fiction. Im Schutze dieses Wissens verfolgt Killer Curtis auf seinen Mordtrips stillvergnügt die vergebliche Suche der Polizei nach ihm in den Zeitungen.

Die einzige Überlebende tut sich mit einem Journalisten zusammen

Zu Beginn der ersten Folge von „Shining Girls“ erleben wir, wie der Killer in den späten Fünfzigerjahren dem kleinen Mädchen Sharon einen Spielzeugpegasus aus den Achtzigern schenkt. Sie überlebt Jahrzehnte später als einziges Opfer Curtis‘ Angriff und hat sich 1992 unter dem Pseudonym Kirby eine neue Existenz als Archivangestellte bei der renommierten Tageszeitung „Chicago Sun-Times“ aufgebaut hat. Als in einem U-Bahn-Schacht eine Tote mit Curtis‘ „Signatur“ aufgefunden wird, macht Kirby sich mit dem Journalisten Dan Velazquez (Wagner Moura – bekannt als Pablo Escobar aus „Narcos“) auf eine völlig unmögliche Jagd.

Ein Mörder reist durch die Jahrzehnte: Curtis, gespielt von Jamie Bell.

Ein Mörder reist durch die Jahrzehnte: Curtis, gespielt von Jamie Bell.

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Kirby, gespielt von Elisabeth Moss („The Handmaid‘s Tale“), muss sich ständig in einer Kladde Notizen machen. Denn immer wieder erfährt sie jähe Veränderungen ihrer Wirklichkeit, die ihrem bisherigen Leben widersprechen und die zartere Gemüter in den Wahnsinn treiben würden.

Immer wieder wird Kirbys Leben auf den Kopf gestellt

Plötzlich sitzt da ein Unbekannter an ihrem Arbeitsplatz und behauptet, das sei nie anders gewesen. Plötzlich ist ihr Apartment von einem Fremden bewohnt und eine Etage höher wartet ein Arbeitskollege namens Marcus (Chris Chalk), mit dem sie, das verrät ihr ein Hochzeitsfoto auf der Anrichte, ganz offensichtlich verheiratet ist. Aus einem Waschsalon wird im Handumdrehen eine Bar. Und so weiter.

Der fehl geschlagene Angriff des Zeitreisenden hat scheinbar den Plan der Zeit durcheinandergebracht. Den Serienmörder zu fassen und dadurch alles wieder ins Lot zu bringen, ist nicht einfach, denn Kirby kennt nur seine Stimme. Curtis wusste nichts von seinem „Patzer“: „Ich habe dich umgebracht“, sagt er fassungslos. „Du solltest nicht hier sein.“

Jamie „Billy Elliot“ Bell spielt den Serienmörder

Showrunnerin Silka Luisa konzentriert sich bei der Verfilmung des von der Kritik überwiegend positiv besprochenen Thrillers der südafrikanischen Autorin Lauren Beukes auf die Tätersuche, wobei Curtis – anders als im Buch – nach einem unheimlichen ersten Auftritt weniger Bildschirmzeit hat als seine Verfolger. Jamie Bell spielt ihn als einen auf den ersten Blick freundlichen Typ, lachend, zugewandt, scheinbar normal – und mit nur einer kleinen Bemerkung wird er dann richtig „creepy“.

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Allerhand Veränderungen haben die Serienmacher – unter den Produzenten ist Leonardo DiCaprio – bis ins Personal und in die Motive der Handelnden hinein an der Vorlage vorgenommen. Bis in der sechsten Episode (von insgesamt acht) Curtis‘ Vergangenheit bis in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs hinein beleuchtet wird, ähnelt die beklemmende Mysteryatmosphäre jener in Richard Price‘ Stephen-King-Serie „The Outsider“ über einen mörderischen Gestaltwandler.

Der Einbruch des Übernatürlichen in eine rationale Welt wird hier wie dort möglichst realistisch gehandhabt. Die Bilder sind dunkel, die Musik wird zu einer Drohkulisse in Klängen, alles ist komplex und spannend.

Die Zeit wendet sich gegen den Zeitreisenden

Die Erklärung für die Verwandlung eines Verliebten in einen Frauenhasser ist freilich klischeehaft. Zurückweisung und Kränkung sind seit jeher der Stoff, aus dem im Kino oder Streaming die Frauenmörder sind. Der Showdown ist dann wieder gelungen. Der Spieß wird aufregend langsam umgedreht und schließlich wendet sich auch die Zeit selbst gegen den Zeitreisenden. Auf andere Weise als sie sich in „Der Anschlag“ wehrte.

Das eigentlich Böse ist das Haus. Das schon immer an seinem unseligen Ort stand, einer Schnittstelle zur „Twilight Zone“, schon als die Gegend in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine Bebauung gerodet wurde. Äußerlich ist es ein kaum bedrohlicher zweistöckiger Steinbau. Innen aber ist es so „spukig“ wie das schwarze Haus über dem Bates-Motel in Hitchcocks „Psycho“ (1960). Und es ist so manipulierend und die üblen Charaktereigenschaften seiner Bewohnenden „verstärkend“ wie das Overlook-Hotel in „Shining“ (1980).

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Man sollte sich für „Shining Girls“ ein wenig Zeit nehmen.

„Shining Girls“, Serie, acht Episoden, von Silka Luisa, mit Elisabeth Moss, Wagner Moura, Jamie Bell, Phillipa Soo (ab 29. April bei Apple TV+)

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