Staffel 4 startet bei Netflix

Ernster, unheimlicher und brutaler: „Stranger Things“ ist zurück

Das Böse ist immer und überall: Argyle (Eduardo Franco, v. l.), Jonathan (Chrlie Heaton, Elfie/Jane (Millie Bobby Brown), Will (Noah Schnapp) und Mike (Finn Wolfhard) bekommen es ein halbes Jahr nach Schließung des Höllentors mit einem weiteren Gast aus der Gegenwelt zu tun – Szene aus der vierten Staffel von „Stranger Things".

Eine Standuhr ist eine Standuhr. Hübsches Möbel für muckelige Wohnungen. Jeder mag sie. Außer sie wächst plötzlich aus einer Wand. Außer ihr Läuten erklingt im Wald aus einem Baumstamm heraus. Außer aus ihrem Zifferblatt krabbelt – Jeremias Gotthelf lässt grüßen – eine Brut schwarzer Spinnen. Außer ihr Klang ist das Mordsignal für ein Monstrum – eins aus der Welt unterhalb der Welt, deren Trennwand zu unserer in Hawkins, Indiana, besonders hauchdünn scheint. Und schon immer schien, wie uns die vierte Staffel von Netflix‘ Horrorserie „Stranger Things“ glauben lässt.

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Dabei war doch zuletzt alles gut gewesen in Hawkins. Das Portal zur Schattenwelt wurde in der letzten Folge von Staffel 3 verschlossen, die Armageddonmaschine der Sowjets in geheimen Schächten unter der Stadt wurde zerstört und das riesige Ungeheuer, ein Lehmklumpen im Tarantulalook, verlor im Augenblick, als der rotglühende Schlitz zur anderen Dimension verschwand, alle Kraft – wie ein Avatar, verlassen von seinem Besitzer. Ein hoher Preis wurde gezahlt, gewiss: Sheriff Jim Hopkins (David Harbour), der beste Freund (und vielleicht auch mehr) von Joyce Byers (Winona Ryder) und Ersatzvater von Elfi (Millie Bobby Brown) ging verloren. Aber Hawkins stand noch – abgesehen vielleicht von der frisch eingeweihten „Starcourt“-Mall. Worauf wir Genrefans aber wetten können: Das Böse steht noch einmal auf.

Die Helden sind getrennt, die Zweisamkeiten kriseln

Und die Heldenschar ist im Sommer 1986 geschwächt: Joyce, Elfie, Will (Noah Schnapp) und Jonathan (Charlie Heaton) sind nach Lenora in Kalifornien umgezogen. Dustin (Gaten Matarazzo) und Mike (Finn Wolfhard) hängen im „Hellfire Club“ ab und verlieren sich im Fantasy-Rollenspiel „Dungeons & Dragons“, Lucas (Caleb McLaughlin) macht die Basketball-Meisterschaft für die „Hawkins Tigers“ mit einem Korb in letzte Sekunde klar. Ein trauriger Held, denn Max‘ (Sadie Sink) Liebe zu ihm steckt in der Krise.

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Wie überhaupt alle Amouren auf Eis liegen, ange- oder zerbrochen sind. Auch der Beziehung von Mike und Elfie hat die 2200-Meilen-Distanz nicht gutgetan. Und dann hat Elfie im letzten Gefecht auch noch ihre Superkräfte eingebüßt.

Gaten Matarazzo sieht aus wie ein zu großer „kleiner Strolch“

„Stranger Things“ ist endlich wieder da. Ihre „Game of Thrones“-Staffel versprachen die Duffer-Brüder vorab. Was das bedeuten sollte, darüber wurde viel spekuliert: Mehr Realismus im Fantastischen? Der ist zweifelsohne festzustellen – reifere Helden, größerer Ernst. In den fast zwei Jahren seit Staffel 3 ist der Kinderquatschcomedyclub weitgehend passé, auch wenn Gaten Matarazzo mit Schildmütze immer noch aussieht wie ein zu großer von den „kleinen Strolchen“ und noch immer wonnig lispelt, als hätte er das Patent auf den Buchstaben „f“. Die „ST“-Crew sind die ganz eindeutige am ältesten aussehenden Highschooldebütanten der TV-Historie.

Es deutete sich schon mit dem allerletzten Bild der dritten Staffel an: Jim Hopper (David Harbour) ist nicht tot sondern Gefangener der Sowjets. Seine Wache Dimitri (Tom Wlaschiha, r.) macht ihm einen Vorschlag, den er nicht ablehnen kann.

Es deutete sich schon mit dem allerletzten Bild der dritten Staffel an: Jim Hopper (David Harbour) ist nicht tot sondern Gefangener der Sowjets. Seine Wache Dimitri (Tom Wlaschiha, r.) macht ihm einen Vorschlag, den er nicht ablehnen kann.

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Sterben überraschend wichtige Leute wie in „GoT“? Letzteres scheint zumindest in den ersten der neun fast spielfilmlangen Episoden (sieben erscheinen im Mai, die zwei restlichen im Juli) noch nicht die Hauptübereinstimmung der beiden Serien zu sein. Eher ist es sogar eine Rückkehrstaffel als eine des Abschieds. Dass mit Jim Hopper noch zu rechnen ist, deutete etwa das aller letzte Bild der dritten Staffel an.

Ist es dann die Gewalt, die schon so explizit dargeboten wird wie in den Fantasylanden Westeros und Essos? Zimperlich waren die Duffers mit ihrer Serie, die den Streamingdienst Netflix in Deutschland im Juli 2016 richtig in Schwung brachte, vorher auch nicht gewesen. Als der russische Kleiderschrank Grigori (Andrey Ivchenko), ein Typ von Schwarzeneggerscher Terminator-Physis, in die Maschine gezerrt wurde – wir erinnern uns? – das war schon ziemlich derbes Schaschlik mit Blutsoße. Mehr Splatter war selten im TV.

Die Lovecraft-artige Gegenwelt wird diesmal besser ausgeleuchtet

Eher geht es diesmal aber „creepy“ zu. Der Horror des neuesten Widersachers (oder der neuesten Inkarnation des Bösen) zielt mehr auf Gänsehaut als auf Schocks, erinnert an den unsichtbaren Zugriff von Traummörder Freddie Krueger in den „Elm Street“-Filmen (und tatsächlich hat Klingenfingerdarsteller Robert Englund hier eine Rolle übernommen). Die Lovecraft-ähnliche Gegenwelt wird als Ort von Dämonen, Bestien, Chaos und Wahnsinn besser ausgeleuchtet als bisher und wirkt umso unangenehmer.

Ähnlich wie in Stephen Kings „Es“ müssen die Bekämpfer des Bösen feststellen, dass der Widersacher schon 1959 in Hawkins aktiv war. „Es würde mich nicht wundern, wenn die Schattenwelt hier schon vor den Dinosauriern war“, mutmaßt Dustin. Einen Reim auf deren Präsenz gerade unter Hawkins wollen sie sich machen, den Rhythmus des Unheils begreifen. Und dazu müssen sie zu einem besonders abgeschieden verwahrten Insassen einer Nervenheilanstalt vordringen. FBI-Novizin Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ lässt grüßen.

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Unterhalb seines übernatürlichen Brimboriums ist „Stranger Things“ mehr denn je ein Coming-of-Age-Drama um Außenseiter, die den Weg nach innen in die Gesellschaft nicht finden können, sich nicht mit den dort herrschenden Kräften gemein machen wollen. Max trägt den Tod ihres Bruders und das Trailer-Park-Getto, in dem sie lebt, als Knoten aus Schuld und Wut in sich. Und Elfie, die ihre Kindheit in einem Labor zur Züchtung junger Superhelden verbrachte, wird mit ihren Defiziten in der Schule in Lenora das Mobbingopfer der gesamten Klasse. Stark verhöhnt schwach im Kollektiv – ein Shitstorm in analogen Zeiten.

In denen eine dritte, eine zukünftige Welt durch die jenes Sommers von 1986 schimmert. Ein Unschuldiger wird als Satanist diffamiert, eine Lüge zur Wahrheit gemacht, und wenn der Mob, mit Bibelstellen stimuliert (waren die Achtzigerjahre-Eltern Amerikas nicht unglaublich borniert?) zum Lynchen eines Jungen aufgepeitscht, in die Nacht strömt, erinnert er unweigerlich an die Meute von 2021, die sich vom abgewählten Präsidenten zum – gescheiterten – Staatsstreich aufwiegeln ließ.

Warum sehen die Portale zum Bösen immer wie eine Vagina aus?

Nie war „Stranger Things“ druckvoller, doppelbödiger, erschreckender, vibrierender, besser als in (der vorletzten) Staffel 4. Die Gebrüder Duffer lassen keine Wünsche, dafür viele Fragen offen. Warum die Portale zum Bösen immer aussehen wie eine glühende Vagina, würde man allerdings schon mal gerne von ihnen wissen. Und ob sie Dustin in zwei Jahren zur letzten Staffel immer noch in Schülerklamotten stopfen wollen. Die Standuhr tickt …

„Stranger Things“, vierte Staffel, sieben Episoden (zwei weitere im Juli), von Matt und Ross Duffer, mit Millie Bobby Brown, Winona Ryder, Sadie Sink, Gaten Matarazzo, Finn Wolfhard, Natalia Dyer, Joe Keery (streambar bei Netflix)

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