Zurück in die Renaissance

So schön, eine Schuftin zu sein – Samantha Morton ist „The Serpent Queen“

Herrscherin für ihre Kinder: Samantha Morton spielt Katharina von Medici in der Starzplay-Serie „The Serpent Queen“ (Start am 11. September).

Herrscherin für ihre Kinder: Samantha Morton spielt Katharina von Medici in der Starzplay-Serie „The Serpent Queen“ (Start am 11. September).

„Sag mir, was du anders gemacht hättest“, ist die Frage, die als eine Art Motto über der Historienserie „The Serpent Queen“ schwebt. Die Königinmutter Katharina von Medici sagt diesen Satz zu Rahima, ihrer schwarzen Bediensteten, die sie zu ihrer neuen Vertrauten erwählt hat, vor der sie die Geschichte ihres Lebens ausbreitet und die sie gegen lüsterne Wachen und neidische Dienerschaft in Schutz nehmen wird. In acht knapp einstündigen Episoden hat sich Autor Justin Haythe („The Lone Ranger“, „A Cure for Wellness“) dem Leben jener berühmten heimlichen Herrscherin Frankreichs gewidmet. Die Renaissance erwacht beim Streamingdienst Starzplay.

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Für Samantha Morton, zuletzt schon machtbewusst als glatzköpfige Gangchefin Alpha in der Zombieserie „The Walking Dead“, ist das eine Paraderolle. Ihr schmallippiges Lächeln lässt das Blut jedes noch so hartgesottenen Gegenübers in den Adern gefrieren. Wenn sie im ultrakurzen Vorspann auf dem giftgrün samtenen Thron Platz nimmt, schlängeln sich Vipern aus ihrer schwarz-violetten Robe. Und als sie Rahima zur Eröffnung der Vertraulichkeiten eine Orange schenkt, hat diese Angst, vergiftet zu werden. „Du hast zu viel Geschichten gehört“, sagt Katharina, bevor sie mit süffisantem Grinsen selbst von dem Obst kostet.

Ein Papst als Onkel erspart das Armenhaus

Geschichten gibt es bis heute viele über Katharina von Medici (1519–1589). Sie war Mitglied der über Jahrhunderte wohl machtvollsten florentinischen Dynastie. In ihrem Geburtsjahr starben unglücklicherweise beide Eltern. Der Umstand, den amtierenden Papst zum Oheim zu haben, ließ die Vollwaise allerdings in ein Sicherheitsnetz fallen. Clemens VII. – in der Serie gespielt von Charles Dance (sein Auftritt erinnert an seinen cäsarischen Tywin Lennister aus „Game of Thrones“) sorgte für eine standesgemäße Ausbildung und fädelte auch die Ehe mit Henri, dem Sohn des französischen Königs Franz I., ein.

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Als Henri nach dem frühen Tod des Dauphins Thronfolger wurde, machte das Katharina zur Königin, die dann, als auch ihr Gemahl früh starb, als Schattenregentin für ihre minderjährigen Söhne gewaltigen politischen Einfluss auf die europäische Politik ihrer Zeit nahm.

Bodyshaming und die Folgen

Onkel Papst ist freilich erst mal nicht nett zu der jungen Nichte, die in den ersten drei Folgen der auf Leonie Friedas 2003 erschienener Biografie „Catherine de Medici: Renaissance Queen of France“ basierenden Serie eindrucksvoll von der 22-jährigen britischen Schauspielerin Liv Hill („Three Gils“) gespielt wird. Während dem Stellvertreter Christi auf Erden ein Abszess am Hinterteil behandelt wird, spottet er über das eher plumpe Äußere der Verwandten. Ob des ruchlosen „bodyshaming“ spuckt Katharina dem Heiligen Vater hinterrücks in den Wein.

„Was, wenn ich nicht verheiratet werden möchte?“, fragt sie. „Es ist egal, was du willst“, entgegnet Clemens ihr. Weibliche Renitenz war in der Renaissance eher kleingeschrieben. Privatsphäre auch. Die Jungfernschaft der Braut, Voraussetzung für eine Vermählung, wird coram publico gecheckt.

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Katharinas ungeliebte Schwiegertochter: Maria Stuart (Victoria Clarke, Mitte) und ihre vier Zofen, die ebenfalls Maria heißen.

Katharinas ungeliebte Schwiegertochter: Maria Stuart (Victoria Clarke, Mitte) und ihre vier Zofen, die ebenfalls Maria heißen.

Und so beginnt der Women‘s-lib-Weg von einer Gelenkten zur Lenkerin: Katharina sammelt allmählich Loyalitäten (voran die des Schwiegervaters, der in ihr Frankreichs Rettung sieht und sie auf dem Totenbett ins Regierungskonzil beruft), sie muss Nebenbuhlerinnen überwinden, ihr Schicksal vom Glück abhängig machen, Kinder zu gebären, und Toleranz üben gegenüber der Mätresse ihres Manns (Ludivine Sagnier), der zeitlebens dessen ganze Liebe gehört, während er für die Gattin nur Anteile des royalen Samenoutputs übrig hat.

Stärke erwächst aus den Lehren von Demütigungen und Rückschlägen. Bis Katharina schließlich dazu bereit ist, Menschen für die Macht über die Klinge springen zu lassen – Freund wie Gegenspieler. Der Dauphin stirbt an Pilzen, das Lehrbuch über giftige und ungiftige Arten schiebt Katharina ihrem ahnungslosen Schneider unter, der seine Gliedmaßen alsbald an vier Pferde gekettet sieht.

Jungkönigin am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die Serie hat Temperament und Witz, der sich zum einen aus einer mit überaus gegenwärtigen Flüchen gespickten Sprache speist, zum anderen aus Haythes schwarzem Brithumor und seiner Neigung, Figuren ins Karikatureske zu überzeichnen. Die Bourbonen-Brüder Antoine und Louis (Nicholas Burns, Danny Kirrane) erscheinen als Laurel und Hardy ihrer Epoche. Colm Meaney ist als Katharinas Schwiegervater Franz I. ein prustender, stets dem Augenblickgefühl verpflichteter Emo-Absolutist. Und ihre Schwiegertochter Maria Stuart (Antonia Clarke) eine sich mit einem Quartett gleichnamiger Zofen umgebende Jungkönigin am Rande des Nervenzusammenbruchs.

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Das nicht immer penibel Historische bereitet durchaus einiges Vergnügen. TV-Auguren, die eine von Popmusik durchwirkte Serie à la Baz Luhrmans „Romeo + Julia“ erwartet hatten, bekommen immerhin je einen kongenial eingepassten Song zum Episodenkehraus – starke Frauenstimmen von Patti Smith („Gloria“) bis zur vom „Rolling Stone“ in dessen aktueller Ausgabe als „queerer Heldin des Pop“ ausgerufenen King Princess („There She Goes Again“).

Katharina war nicht an allem schuld

Der Ruf als Meisterin der Intrige machte Katharina von Medici zum Vorbild für böse Königinnen der Märchen. Zum einen resultiert ihr schlechter Leumund aber aus den damals durchaus nicht unüblichen, bis zur Gewaltanwendung reichenden „Notwendigkeiten“, sich in einem patriarchalischen Herrschaftssystem zu behaupten. Zum anderen speiste er sich wohl auch aus Unterstellungen gegenüber einer ungeliebten Fremden, einer Italienerin, die in Frankreich gefälligst keine Strippen ziehen sollte. Auch für die Bartholomäusnacht, in der am 24. August 1572 Hugenotten, französische Protestanten, zu Tausenden umgebracht wurden, wurde Katarina (mit)verantwortlich gemacht. Heutiges Historikerurteil: eher nicht schuldig.

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Wie Haythe dieses Massaker sieht, bleibt einer ob der Unterhaltsamkeit der zunächst als „Miniserie“ deklarierten Produktion durchaus möglichen zweiten Staffel vorbehalten. Mit der Krönung von Karl IX. endet vorerst eine Geschichte, während derer man Zeuge erlesener Ränke und unsäglicher Verbrechen der heimlichen Herrscherin wurde. Als Schlange unter Löwen hat sich Katharina zum Gipfel der Macht in Frankreich durchgebissen. Ihrem zehnjährigen Sohn setzt sie die Krone denn auch nicht etwa auf den kleinen Blondschopf, sondern hält sie über seinem Kopf fest in den eigenen Händen. Sie tue dies alles „für Frankreich“ sagt sie an einer Stelle. „Für die Freiheit“ (vermutlich die eigene), sagt sie ein anderes Mal.

Wobei ihr ihre Missetaten auch nicht sonderlich zu missfallen scheinen. Als sie dem frisch verwitweten Nervenbündel Maria Stuart eine gefälschte Einladung von Elisabeth I. von England zukommen lässt, offenbart sie sich der „Postbotin“ Rahima gegenüber als boshafte Schicksalsspielerin: „It feels good to be bad, doesn‘t it?“ – es ist so schön, eine Schuftin zu sein.

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„The Serpent Queen“, erste Staffel, acht Episoden, mit Samantha Morton, Liv Hill, Sennia Nahuna, Ludivine Sagnier, Colm Meaney, Antonia Clarke (Starzplay, streambar ab 11. September)

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