Familie in Angst

True Crime und nichts als die Wahrheit? Auf Tatsachen basierende Thrillerserie „The Watcher“ bei Netflix

Rechen statt Heugabel: Pearl Winslow (Mia Farrow) und Sohn Jasper (Terry Kinney) sehen aus, als wären sie Grant Woods „American Gothic“-Gemälde von 1930 entsprungen. Szene aus der Netflix-Serie „The Watcher“.

Rechen statt Heugabel: Pearl Winslow (Mia Farrow) und Sohn Jasper (Terry Kinney) sehen aus, als wären sie Grant Woods „American Gothic“-Gemälde von 1930 entsprungen. Szene aus der Netflix-Serie „The Watcher“.

Wenn da ein Auto auf einer Landstraße fährt und im Hintergrund feenhaft schlierige Frauenchöre verwunschen säuseln, dann kann eine Schrifttafel noch so seriös behaupten, das Folgende basiere „auf einer wahren Geschichte“. Ganz eindeutig basiert zumindest der Auftakt zu Netflix’ neuer Thrillerserie „The Watcher“ auf Stanley Kubricks Horror­klassiker „Shining“, so eindeutig, dass man hinter der nächsten Kurve das böse Overlook-Hotel erwartet.

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Das neue Domizil der Brannocks ist erst mal kein bisschen unheimlich

Für Wohnverhältnisse ist das Haus, das dann sichtbar wird und das die Familie Brannock zu ihrem neuen Heim machen möchte, immerhin ähnlich überdimensional. In unseren Zeiten kommt einem da als Erstes das Wort Wohnraum­verschwendung in den Sinn, und dass in solch einem Prachtbau glatt 30 aus der Ukraine Geflüchtete bequem leben könnten, wo nun gerade mal vier Leutchen einziehen. Das Haus ist erst mal auch gar nicht unheimlich, sondern schön.

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Hier nun erhalten die neuen Nachbarn bald seltsame Briefe, die eine Männerstimme dem Publikum aus dem Off vorliest. Er sei der „Watcher“ und überwache das Haus. Ganz klar ist, dass er den neuen Bewohnern bei aller anfänglichen Höflichkeit nicht wohlgesonnen ist. Werde er erst die Namen der Kinder erfahren, dann, so erfahren die beunruhigten Eltern (Bobby Cannavale, Naomi Watts), werde es für diese zu unvorteilhaften Entwicklungen kommen. Was genau des Watchers Trachten und Motivation ist, bleibt im Dunkeln, wo die Geister gut munkeln. Und so wäre Ryan Murphys („American Horror Story“) und Ian Brennans („Glee“) neue Serie eigentlich der perfekte Nervenbeunruhiger zur diesjährigen Gruselkürbiszeit.

Die Geschichte von „The Watcher“ basiert auf tatsächlichen Ereignissen

Wäre er nur bei den „tatsächlichen Ereignissen“ geblieben (über die auch deutsche Medien berichteten). Kurz nach Halloween 2018 erschien die komplette Geschichte der Familie Broaddus (so der richtige Name), die sich anno 2014 in Westfield im US-Bundsstaat New Jersey abgespielt hatte, im „New York Magazine“. Derek und Maria Broaddus waren mit ihren drei Kindern frisch eingezogen, als sie drei anonyme Briefe erhielten. Der Schreiber hatte offenkundig so detaillierte Einblicke in das Leben der Familie, so als würde er mit ihr das Haus bewohnen. Und seine Absichten waren sinister, das konnte man aus spukigen Zeilen wie „Wissen Sie eigentlich, was in den Wänden von 657 Boulevard lebt?“, schließen.

Spuren wurden verfolgt, keine führte zu einem Ergebnis. Eine Untersuchung an einem Brief ergab, dass ein Umschlag mit dem Speichel einer weiblichen Person verschlossen wurde. Aber durchgeführte DNA-Tests ergaben nichts, der „Watcher“ wurde nie gefunden. An ein paar Stellschrauben gezogen hätte beim Beharren auf der Wahrheit aus „The Watcher“ der rangerste TV-Creepster der Saison 2022 werden können.

Viele Figuren wirken wie Bewohner der „Twilight Zone“

Dass das nicht so ganz funktioniert, liegt auch schon mal daran, dass Hauptcharakter Dean Brannock der Serie kein Sympathie­träger ist. Bobby Cannavale sieht aus, als käme er direkt aus seiner alten (hervorragenden) HBO-Gangsterserie „Boardwalk Empire“ herüber und verhält sich auch ähnlich rüpelhaft gegenüber den neuen Nachbarn. Nachbarn, die schon optisch – gelinde gesagt – höchst ungewöhnlich sind. Eine gretelhaft bezopfte ältliche Frau namens Pearl (Mia Farrow) wirkt wie eine Bewohnerin der „Twilight Zone“, ihr gehandicapter Sohn Jasper (Terry Kinney), der an den Onkel Fester der „Addams Family“ erinnert, versteckt sich im Lastenaufzug des Braddock-Hauses und erschreckt Söhnchen Carter (Luke David Blumm) fast zu Tode, woraufhin Papa Dean ihn am Schlafittchen packt und ratzfatz aus dem Haus wirft.

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Schatten vorm Haus: Der „Watcher“ bei der Arbeit.

Schatten vorm Haus: Der „Watcher“ bei der Arbeit.

Das aggressive Seniorenpaar Mitch (Richard Kind) und Moe (Margo Matindale) von nebenan, die den Garten der Brannocks ungefragt betreten, um ihren auf der Grenze gepflanzten Rucola zu ernten, wird von Dean so schroff des Grundstücks verwiesen, dass man eine Ahnung davon bekommt, warum in Amerika so viele Seit-an-Seit-Geschichten in Schusswechseln enden.

Problem Nummer eins von True-Crime-Serien: Die Fantasie geht mit den Serienmachern durch

Der zuständige Detective glaubt an Spekulantentum, dass sich der „Watcher“, würde man das Haus zum Verkauf anbieten, offenbaren würde. Helfen könne eine Privatdetektivin (Noma Dumezweni), eine ehemalige Jazzsängerin, die das Geld braucht, weil sie zugleich eine an Leberkrebs erkrankte Alkoholikerin ist und sich um ihre erwachsene Tochter kümmern muss (Wer erfindet solche Figuren?). Keine Hilfe ist die Maklerin Karen (Jennifer Coolidge), zufällig eine alte Freundin Nora Brannocks (Naomi Watts): „Ihr solltet raus da, raus da, raus da, raus da, raus!“, zischt sie wie eine hängengebliebene Vinylplatte.

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Und mit „Ihr solltet um 500.000 Dollar runtergehen“ bringt sie sich sogleich selbst in „Watch“-Verdacht. Es stehen Schatten vor dem Haus, es huschen Schatten durchs Haus, es fallen Schüsse in der Nacht, es gibt Tote. Und ewig heult die Alarmanlage. Ein Vorbesitzer erzählt den Braddocks alte Horrorstorys um das Anwesen – von geheimen Tunnels, Suiziden und Satanisten in roten Roben nebenan, die Babys schlachten und ihr Blut trinken. Ufftata! Wahrheit, wo bist du nur?

Wird jemand tot weggetragen, misstraut man seinem Ableben

Und. Und. Und. So viele Twists hat diese Fiktionalisierung der „wahren Geschichte“, dass sich Chubby Checker, gerade 81 gewordener King of Twist, weigern würde, je wieder sein „Let’s Twist Again“ zu singen. Zwar ist jeder im Verdacht, der „Watcher“ zu sein (und wird hier wer tot vom Feld getragen, misstraut man sofort seinem Ableben). Statt aber echt wirkende Personen zu erschaffen, wie es Meister des Grauens wie Ray Bradbury oder Stephen King zu tun pflegen, sind die Figuren kaum mehr als Schablonen.

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In ihrer letzten True-Crime-Produktion für Netflix, der im September gestarteten, überaus erfolgreichen Serienmörderserie „Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ (nicht die ersten Fiktionalisierung des Falls) gelang es Murphy und Brennan – auch dank exquisit aufspielender Darsteller wie Evan Peters, Richard Jenkins und Molly Ringwald – im Publikum das beklemmende Gefühl aufsteigen zu lassen, man wisse nie wirklich, was der Nächste hinter seiner Tür treibt. Schon die erste Folge hat Szenen, die man nie mehr vergisst.

Problem Nummer zwei von True-Crime-Serien: die Gefühle der Betroffenen

Diese weit gelungenere Serie brachte freilich ein weiteres (häufigeres) Problem von True-Crime-Serien und -Filmen aufs Tapet. Sie wollen unterhalten: Bei dem auf ein möglichst großes Publikum zielenden Umgang mit echten Bluttaten, bleiben die Gefühle der oft traumatisierten Überlebenden und Hinterbliebenen zu wenig berücksichtigt. Rita Isbell, Schwester des 1991 von Jeffrey Dahmer ermordeten Errol Lindsey, war geradezu schockiert von der Echtheit ihrer Darstellung durch die Schauspielerin DaShawn Barnes in „Dahmer“.

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„Es hat mich gestört – vor allem als ich mich selbst sah, als ich meinen Namen über den Bildschirm laufen sah und als diese Frau Wort für Wort exakt das sagte, was ich damals sagte“, sagte Isbell dem Magazin „Insider“. „Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich geglaubt, dass ich es bin. Ihre Haare waren wie meine, sie hatte die gleichen Kleider an. So fühlte es sich an, als würde ich alles noch einmal erleben. Es brachte all die Gefühle zurück, das, was ich damals empfunden habe.“

Die Familie Broaddus hatte sich von Netflix Veränderungen erbeten

Isbell sagte, Ryan Murphy habe sie nie kontaktiert. „Ich finde, Netflix hätte uns fragen sollen, ob es uns etwas ausmacht oder wie wir zu der Verfilmung stehen.“ Ob genug Distanz zwischen fiktionalisierten Charakteren und lebenden Personen geschaffen wird, wenn man den Namen Broaddus in Brannock verwandelt, steht zu bezweifeln. Die Broadduses, die noch heute in der Nähe ihres alten Wohnorts leben, hatten sich das von Netflix gewünscht, auch dass die Schauspieler ihnen nicht ähnlich sehen. Sie wollten auch möglichst wenig an der Produktion beteiligt sein und sich auch die fertige Serie nicht anschauen.

Seit 2014 der Podcast „Serial“ zu einem Sensationserfolg wurde, ist aus True Crime eine äußerst kraftvolle Industrie geworden. Die das Motto des rein fiktionalen Spider-Man beherzigen sollten: „Aus großer Kraft wächst große Verantwortung.“

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„The Watcher“, Miniserie, sieben Episoden, von Ryan Murphy und Ian Brennan, mit Naomi Watts, Bobby Cannavale, Isabel Gravitt, Jennifer Coolidge, Mia Farrow, Noma Dumezweni (streambar bei Netflix).

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