Fahrverbote drohen

Deutschlands führender Automobilexperte: „Ich würde keinen Diesel mehr kaufen“

Auspuff eines Skodas mit einem TDI Dieselmotor: Viele Märker würden momentan kein Dieselfahrzeug kaufen, wie eine Umfrage zeigt.

Lange Jahre war der Dieselmotor für die Hersteller der Heilsbringer vor allem auf den europäischen Märkten. Jetzt fristet er nur noch ein Nischendasein.

Es gibt ihn noch, den Dieselmotor. Allerdings fristet das einstige Prunkstück deutscher und europäischer Autobauer angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs der Elektroautos mittlerweile ein Schattendasein. „Ich würde heute keinen Diesel mehr kaufen“, sagt Deutschlands führender Automobilexperte Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, „denn langfristig ist der Antrieb im Pkw-Bereich tot.“ Tatsächlich befinden sich die Zulassungszahlen im freien Fall und immer mehr Marken nehmen bei vielen Modellreihen den Motor aus dem Programm. Trotzdem gibt es noch Nischen, in denen der Selbstzünder eine Existenzberechtigung hat.

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Zulassungszahlen gehen stark zurück

Lange Jahre war der Dieselmotor für die Hersteller der Heilsbringer vor allem auf den europäischen Märkten. Sparsamer und mit dem entsprechenden technischen Aufwand auch sauberer als vergleichbare Benzinmotoren, gingen die Autos weg wie die berühmten warmen Semmeln. Bis 2015 Volkswagen bei dem Versuch, den Diesel mit einer Lüge als Saubermann auf dem amerikanischen Markt zu etablieren, krachend scheiterte. Dem Image des Selbstzünders hat dieser bislang einmalige Unglücksfall in der Automobilgeschichte das Rückgrat gebrochen. Von dem Schaden hat er sich hierzulande nicht mehr erholt, obwohl er nach wie vor angeboten wird.

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Der Dieselskandal fiel zeitlich mit der beginnenden Neuausrichtung der Automobilindustrie zusammen. Die Forderungen nach mehr Klimaschutz, begleitende Maßnahmen wie die Einführung von Umweltzonen sowie die Erkenntnis, dass fossile Brennstoffe in ihrer Verfügbarkeit doch endlich sind, führten zur Abkehr von den Verbrennungsmaschinen, hin zu Elektromotoren. Die haben zwar auch ihre Probleme, doch ihr Potenzial ist zukunftsfähig.

Dass diese Entwicklung als ersten den Dieselmotor traf, hat vor allem technische Gründe: Um die anziehenden Grenzwerte für Klima- und Umweltschutz zu erreichen, wurde ein immer größer werdender Aufwand in der Abgasnachbehandlung notwendig. Der ist inzwischen so teuer, dass sich Investitionen für die Hersteller häufig nicht mehr lohnen. „80 Prozent der Neuwagen werden in Europa, in China und den USA abgesetzt“, sagt Bratzel, „hier geht der Hochlauf der Elektromobilität eindeutig auf Kosten der Verbrenner.“

Diesel verliert immer mehr an Bedeutung

In Deutschland sind die Zahlen niederschmetternd: Laut „Auto Bild“ lag der Dieselanteil bei den Neuzulassungen im Pkw-Bereich 2020 noch bei etwa 28 Prozent, im November 2021 betrug er gerade noch 15,8 Prozent. Den 31.252 Dieselautos standen schon da 40.270 Elektroautos gegenüber. Von 2015 bis heute haben die verschiedenen Hersteller bei mehr als 20 Modellreihen den Dieselantrieb gestrichen. „Der Diesel hat bereits massiv an Bedeutung verloren“, resümiert der Automobilexperte.

Noch mehr Ungemach droht von Seiten der Politik: Der EU-Kommission hat inzwischen beschlossen, neue Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Leitlinie ihrer Politik zu machen. Die WHO empfiehlt, die Stickstoffdioxid-Grenzwert von bisher 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft auf 10 Mikrogramm zu senken. Das könne in den Städten, in denen Autos die Hauptverursacher der Luftverschmutzung sind, millionenfach Leben retten. Bis das von den verschiedenen Ländern in Europa umgesetzt ist, kann es laut Bratzel „in den zwanziger Jahren noch relativ bunt“ zugehen.

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Doch es drohen restriktive Maßnahmen, wie beispielsweise massive Fahrverbote für Dieselautos: „Und auch das Dieselprivileg wird man killen.“ Unabhängig von diesen Entwicklungen gibt es aktuell noch immer Fälle, in denen ein Diesel Sinn macht. Beispielsweise bei den schweren Geländewagen. Das sind in der Regel Modelle, die weltweit vertrieben werden. Zwar werden auch hier schon alternative Antriebe wie ein Plug-in-Hybrid angeboten, doch wer im Herzen Afrikas oder im Himalaya unterwegs ist, wird es schwer haben, eine Ladesäule zu finden. Dieselkraftstoff ist dagegen auf der ganzen Welt zu haben. Ein zusätzliches Argument ist der Verbrauch – wer in einem schweren Geländewagen Benzin tankt oder einen zweiten (Elektro)-Motor mitschleppt, wird wesentlich häufiger an die Zapfsäule müssen als ein Dieselfahrer.

Diesel bei Wohnmobilen noch beliebt

Eine weitere Nische ist die Welt der Wohnmobile. Camper legen häufig lange Strecken zurück und benötigen deshalb Reichweite – die garantiert ihnen in der Regel ein Dieselmotor, der die meisten Campingmobile antreibt. Zwar gibt es auch hier inzwischen erste Anläufe, Elektromobilität zumindest einmal anzubieten, doch spricht aktuell noch immer mehr gegen als für den E-Antrieb. Zum einen fehlt es nach wie vor an einer gut funktionierenden Ladeinfrastruktur, zum anderen dürfte es bei den mittelgroßen und großen Modellen schnell zu Gewichtsproblemen kommen.

Solange es bei der Batterietechnologie noch keinen Durchbruch gibt, wird Reichweite durch große Akkus generiert. Die aber wiegen einige hundert Kilogramm. Die 3,5-Tonnengrenze, mit denen ein Wohnmobil noch mit einem Pkw-Führerschein gefahren werden darf, dürfte damit rasch erreicht und auch schon mit wenig Zuladung überschritten sein. Das heißt: Wer ein Wohnmobil fahren möchte, braucht dann den Führerschein C1 – den ersten Lkw-Führerschein. Stefan Bratzel hat noch einen Tipp: „Wer sich für solche Fahrzeuge interessiert, sollte statt eines Kaufs lieber ein Leasingmodell oder etwas ähnliches in Betracht ziehen.“ Denn in den nächsten Jahren werden nach seiner Überzeugung vor allem auch die Restwerte für Dieselfahrzeuge rapide sinken. Und eines schönen Tages sind sie unverkäuflich.

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