Bewegende Schilderungen

Flutnacht im Ahrtal: „Zahl der Notrufe war nicht mehr beherrschbar“

Die verheerenden Überflutungen im Ahrtal. (Archivfoto)

Die verheerenden Überflutungen im Ahrtal. (Archivfoto)

Mainz. Die Integrierte Leitstelle Koblenz hat in der Flutnacht im Sommer 2021 nicht mehr alle Notrufe aus dem Ahrtal direkt angenommen. „Wir mussten die Notrufe irgendwann priorisieren“, sagte die Koblenzer Bürgermeisterin Ulrike Mohrs (CDU) am Freitag im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe im Mainzer Landtag. Die Leitstelle war in der Nacht Mitte Juli außer für den Kreis Ahrweiler auch für die Kreise Mayen-Koblenz, Cochem-Zell und die Stadt Koblenz zuständig.

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Um das Modulare Warnsystem Mowas auszulösen, hätten der Leitstelle die dringend notwendigen Handlungsanweisungen für die Bevölkerung und die genaue Ortskenntnis gefehlt. Zudem sei die Integrierte Leitstelle nicht dazu berechtigt, nur der Kreis oder die Verbandsgemeinden könnten diese Warnung herausgeben. Über das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelte Warnsystem können Behörden und Medien Warnmeldungen herausgeben.

„Die Vielzahl der Anrufe war einfach nicht mehr beherrschbar“, begründete der damalige Abteilungsleiter der Integrierten Leitstelle, Christian Märkert, seine Entscheidung zur Priorisierung der Notrufe. Das habe bedeutet, dass die Gespräche zunächst kürzer geführt und weniger dokumentiert worden seien. Irgendwann hätten auch nur noch die Adressen von Anrufern in Not aufgenommen werden können. Im Ahrtal seien bereits alle verfügbaren Kräfte unterwegs gewesen. Bei medizinischen Notfällen in den anderen beiden Kreisen und der Stadt Koblenz „hätten wir aber noch Hilfe hinschicken können“.

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Leitstelle „an ihre Grenzen und darüber gekommen“

Die Kollegen in der mit 16 Plätzen voll belegten Leitstelle seien alle „an ihre Grenzen und darüber gekommen“. Die Entscheidung, die Anrufe zu priorisieren, würde er heute wieder treffen, sagte Märkert. „Die Alternative wäre gewesen, dass keiner mehr ans Telefon geht.“

„So einen Einsatz hat noch keiner in der Bundesrepublik Deutschland erlebt“, sagte der 42-Jährige sichtlich mitgenommen. „So was hat man nicht trainiert und selbst wenn, sind das ganz andere Szenarien, als das, was da passiert ist.“ Die Dimension der Sturzflut sei einfach nicht vorstellbar gewesen.

135 Menschen kamen dabei ums Leben, davon 134 im Ahrtal. Hunderte Menschen wurden verletzt, Tausende Häuser und Infrastruktur auf Jahre zerstört. Viele Menschen leben immer noch in Ausweichquartieren.

„Eine Leitstelle ist für so viele Notrufe in so kurzer Zeit in dieser Schlagzahl nicht konzipiert“, sagte der Amtsleiter für Brand- und Katastrophenschutz der Stadt Koblenz, Meik Maxeiner.

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Der Gedanke, Mowas auszulösen, sei ihm zwar gekommen, sagte Märkert. Es hätten aber die notwendigen Informationen dafür gefehlt, insbesondere die Handlungsanweisungen für die Bevölkerung. „Eine Warnung kann auch verschlimmbessernd sein.“ Die technische Einsatzleitung im Ahrtal, die Mowas hätte auslösen können, sei irgendwann nicht mehr erreichbar gewesen.

„Eine Warnung kann auch verschlimmbessernd sein“

Er habe Bürgermeisterin Mohrs gebeten, den damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) anzurufen, auch um ihn darüber zu informieren, was in der Leitstelle los sei. „Das Gespräch war aber sehr kurz“, berichtete Märkert. Mohrs berichtete, sie habe Pföhler nach 0.30 Uhr auf dem Handy angerufen und ihn aufgefordert, „alles von der Ahr wegzuschaffen“. Er habe aber sehr kurz reagiert, und geantwortet: „Was meinen Sie, was wir machen?“. Wo Pföhler zu diesem Zeitpunkt gewesen sei, wisse sie nicht, antwortete die CDU-Politikerin auf Nachfrage. Pföhler soll am 8. Juli vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen möglicher Versäumnisse in der Flutnacht.

Mohrs berichtete, als sie in der Nacht kurz vor Mitternacht in die Leitstelle gekommen sei, sei ihr gesagt worden, es könnten nicht mehr alle Anrufe angenommen werden. Die 16 Disponenten - sieben mehr als normalerweise - hätten alle ständig telefoniert. Dabei hätten sie auch Anwohnern an der Ahr erklärt, wie sie die Ziegel von ihren Dächern abbekämen, um sich vor den Wassermassen aus ihren Häusern dorthin zu retten.

„Wir haben aber nicht aufgehört, Notrufe anzunehmen“, betonte Mohrs. In der Nacht seien allein mehr als 5100 Notrufe aus dem Kreis Ahrweiler angenommen worden. Darunter seien Anrufer gewesen, die davon berichtet hätten, dass ihr Nachbarhaus plötzlich weggeschwommen sei und Menschen angeschwommen kamen. Aus den Notrufen seien mehr als 3000 Feuerwehreinsätze ausgelöst worden - ein Drittel der gesamten Einsätze eines normalen Jahres. „Ich habe in der Nacht nur leichenblasse oder hochrote Gesichter und Köpfe gesehen.“

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RND/dpa

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