Unternehmen am Pranger

Prozessauftakt zum Air-France-Absturz vor über 13 Jahren

Ein Wrackteil der abgestürzten Air-France-Maschine AF 447 wird am 8. Juni 2009 von einem Rettungsteam der brasilianischen Marine im Atlantik geborgen. 13 Jahre nach dem tödlichen Absturz eines Airbus zwischen Rio de Janeiro und Paris werden das Unternehmen Air France und der Hersteller Airbus wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht gerufen.

Ein Wrackteil der abgestürzten Air-France-Maschine AF 447 wird am 8. Juni 2009 von einem Rettungsteam der brasilianischen Marine im Atlantik geborgen. 13 Jahre nach dem tödlichen Absturz eines Airbus zwischen Rio de Janeiro und Paris werden das Unternehmen Air France und der Hersteller Airbus wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht gerufen.

Es waren vier fatale Minuten im Cockpit des Flugs AF 447 von Rio de Janeiro nach Paris in der Nacht des 31. Mai 2009, in denen das Todesurteil aller Insassen besiegelt wurde. Durch eine Vereisung der sogenannten Pitot-Sonden lieferten diese plötzlich keine Informationen mehr über die aktuelle Geschwindigkeit des Airbus, der eine Gewitterzone durchflog. Weil einer der Co-Piloten – fälschlicherweise, wie man heute weiß – davon ausging, dass die Maschine absank, versuchte er, sie nach oben zu ziehen.

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Daraufhin setzten schrille Warnmeldungen ein. „Stall – stall – stall“ hallte es in der Pilotenkabine, um auf den Strömungsabriss hinzuweisen. „Ich verstehe nicht, was passiert“, rief der Co-Pilot noch in Panik. „Ich habe keine Kontrolle mehr über das Flugzeug.“ Zu diesem Zeitpunkt fiel dieses bereits ab und stürzte aus 11.000 Metern Höhe in den Atlantik, vor der Küste Brasiliens.

28 Deutsche unter den Opfern

Alle 216 Passagiere aus 32 verschiedenen Ländern, unter ihnen 28 Deutsche, sowie die zwölf Crewmitglieder starben. Nach fünf Tagen konnten die ersten Leichen geborgen werden. Zwei Jahre später wurde das Wrack mit den Flugschreibern in 4000 Metern Meerestiefe gefunden. Es folgten jahrelange Ermittlungen, die dazu dienten, die Ursache der Katastrophe herauszufinden, und ein juristisches Tauziehen um die mögliche Schuld des Flugzeugbauers Airbus sowie der Luftfahrtgesellschaft Air France.

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Nach einer Einstellung des Verfahrens 2019 revidierte ein Berufungsgericht diese Entscheidung und machte den Weg für einen Prozess gegen die beiden Unternehmen frei. Dieser begann gestern in Paris. Bis zum Urteil am 8. Dezember wird es viel um technische Details gehen, aber auch um allgemeine Fragen der Verantwortlichkeit. Denn Probleme mit den Pitot-Sonden waren längst bekannt gewesen.

Hersteller Thales warnte vor der frühzeitigen Abnutzung

Schon 2004 warnte der Hersteller Thales vor der frühzeitigen Abnutzung, welche zu Eisbildung mit möglicherweise „katastrophalen“ Folgen führen könne. In den 15 Monaten vor dem Unglück gab es 16 Berichte über so ausgelöste gefährliche Situationen bei anderen Flügen. Doch im Gegensatz zu den Luftfahrtgesellschaften Air Caraibes und XL Airways verzichtete Air France auf den Austausch der fehlerhaften Sonden.

Dem Unternehmen wird darüber hinaus vorgeworfen, die Piloten nicht auf eine durch sie ausgelöste Extremsituation ausgebildet und vorbereitet zu haben. Airbus wiederum wird beschuldigt, die Störungen unterschätzt und die Luftfahrtgesellschaften nicht ausreichend informiert zu haben.

Strafen in Höhe von 225.000 Euro drohen

Beiden Konzernen drohen Strafen in Höhe von 225.000 Euro. Um die Entschädigungen der Opferfamilien wird es nicht gehen, die laut französischen Medienberichten weitgehend abgeschlossen sind. Vor allem aber steht das Image von Air France und Airbus als eine der sichersten Fluggesellschaften beziehungsweise als verlässlicher Flugzeugbauer auf dem Spiel. Beide weisen die Verantwortung von sich. Ihre Verteidigung sieht die Schuld bei den Piloten, die Fehler gemacht hätten, und den Flugbehörden, die es an Vorgaben mangeln ließen.

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Es scheint, dass jeder versucht, den Schwarzen Peter von sich wegzuschieben.

Sébsastien Busy, Anwalt mehrerer Hinterbliebener

Tatsächlich hatte der damalige Generaldirektor von Air Caraibes im September 2008 die französische Generaldirektion für zivile Luftfahrt auf die „Schwere der Vorfälle“ durch die Pitot-Sonden hingewiesen – ein Monat später kam die Antwort, man habe das Problem an die Europäische Agentur für Luftsicherheit Easa weitergeleitet. Diese ist juristisch immun. „Es scheint, dass jeder versucht, den Schwarzen Peter von sich wegzuschieben“, sagte Sébsastien Busy, Anwalt mehrerer Hinterbliebenen, im Vorfeld des Prozesses.

411 Parteien treten als Nebenkläger auf. Die Vorsitzende der Hinterbliebenenvereinigung „AF 447 – gegenseitiger Beistand und Solidarität“, Danièle Lamy, die ihren Sohn Eric bei dem Unfall verloren hat, sagte, der Prozess werde schwer, sei aber unverzichtbar für die Familien: „Es ist extrem wichtig, dass ein Urteil die Verantwortlichen bestraft.“

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