Krawalle in Belgien

Ausschreitungen nach WM-Spiel: Was geschah da in Brüssel?

In Brüssel ist es am Sonntag nach dem WM-Sieg Marokkos gegen Belgien zu Ausschreitungen gekommen.

In Brüssel ist es am Sonntag nach dem WM-Sieg Marokkos gegen Belgien zu Ausschreitungen gekommen.

Hannover. E-Scooter brennen auf den Straßen, Autos liegen auf dem Kopf, Gegenstände fliegen durch die Luft – während die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas versucht, die Eskalation einzudämmen. Ein Bild der Zerstörung ist auf den Fotos und Videos zu sehen, die sich in den sozialen Netzwerken verbreiten. Anwohnerinnen und Anwohner löschen Brände und räumen auf. Und über all dem hängen die silbernen, funkelnden Bögen – die Weihnachtsbeleuchtung der Stadt Brüssel.

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In der belgischen Hauptstadt ist es am Sonntag zu massiven Ausschreitungen gekommen. Auslöser war das WM‑Spiel Marokko gegen Belgien, das mit einem 2:0 für die Marokkaner endete. Marokkanische Fans feierten daraufhin in den Straßen den Sieg, wie belgische Medien übereinstimmend berichten – die Feiern schlugen wenig später in Gewalt und Zerstörung um. Neben Brüssel waren demnach auch Antwerpen, Lüttich sowie einige niederländische Städte betroffen.

Was ist da passiert? Und wie konnte die Lage so eskalieren?

Heftige Ausschreitungen und Krawalle in Brüssel nach WM-Spiel gegen Marokko

Nach dem 2:0-Sieg von Marokko gegen Belgien kam es in Brüssel zu Ausschreitungen und Krawallen.

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Rechte machen Stimmung gegen „Multikulti“

Genau damit beschäftigt sich am Tag nach dem Chaos Belgiens Politik und Sicherheitskräfte. Die Polizei werde „in den kommenden Tagen alles tun, um die Randalierer zu identifizieren“, sagte Innenministerin Annelies Verlinden von den Christdemokraten CD&V der belgischen Zeitung „De Morgen“. Die Ausschreitungen seien inakzeptabel und hätten nichts mit Fußball zu tun. Die Polizei sei „gut vorbereitet“, aber es gebe kaum Hand­habe gegen „eine Gruppe von Schurken, die nur darauf aus sind, einen Aufruhr zu verursachen“.

Auch Brüssels Bürgermeister Philippe Close verurteilte die Ausschreitungen „aufs Schärfste“, wie er auf Twitter schrieb. Die Polizei habe „fest eingegriffen“, um „die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten“. „Ich habe die Polizei gebeten, die Unruhestifter administrativ zu verhaften“, fügte er hinzu.

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Insbesondere das politisch rechte Lager begleitete die Ausschreitungen am Sonntag intensiv in den sozialen Netzwerken und verbreitete am laufenden Band Bilder der Ereignisse – stets verbunden mit einer Botschaft: Belgien habe ein „Marokkaner-Problem“. Ein entsprechender Hashtag wurde vielfach verbreitet. Tom Van Grieken, Vorsitzender der rechten Partei Vlaams Belang, twitterte: „40 Jahre wegschauen hat nicht geholfen. Nach 3 (!) Generationen betrachten sie dies immer noch nicht als ihr Land.“ In anderen Tweets bezeichnete er die Randalierer als „Abschaum“ – die „multikulturelle Gesellschaft“ sei „komplett gescheitert“. Laut Parteichef Chris Janssens habe an diesem Sonntag nur einer das Spiel gewonnen: seine Partei Vlaams Belang.

Kritik kam aber auch von marokkanischstämmigen Politikerinnen und Politikern, wie der Co‑Präsidentin der grünen Partei Ecolo, Rajae Maouane. „Wahre Unterstützer feiern Siege mit Freude und Respekt, nicht mit Gewalt und Verfall“, schrieb sie auf Twitter.

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Marokkaner fühlen sich benachteiligt

Die Generalabrechnung mit der marokkanischen Community kommt nicht von ungefähr. Marokkanerinnen und Marokkaner gelten traditionell als eine der größten Migrantengruppen des Landes. Das geht zurück auf die 1960er-Jahre, als es im Land eine riesige Nachfrage nach Bergleuten und Arbeitern anderer Branchen gab. Marokkaner zogen daraufhin zu Tausenden nach Belgien – heute wird die Gemeinschaft im Land auf 400.000 bis eine halbe Million Einwohnerinnen und Einwohner geschätzt.

Was in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert wurde, ist die offenbar jahrzehntelang verschleppte Integration der Menschen und ihrer Familien. Eine Forschungsgruppe der Freien Universität Brussel (VUB) und der Universität Libre de Bruxelles (ULB) hatte 2015 herausgefunden, dass sich insbesondere die in Belgien geborenen Marokkanerinnen und Marokkaner der zweiten und dritten Generation benachteiligt fühlen.

Ihnen würden nicht die gleichen Chancen eingeräumt wie ihren Mitmenschen, heißt es in der Studie. Würden sie höhere Diplome oder Ausbildungen anstreben oder abschließen, stießen sie mehr und mehr auf Diskrimi­nierung und Ablehnung und fänden damit nur schwerlich Arbeitsstellen mit entsprechender Entlohnung. Dies wiederum sorge für Enttäuschung und resultiere in einer „reaktiven ethnischen Identitätsfindung“, eine radikale Rückbesinnung auf heimische und religiöse Werte.

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Gescheiterte Integration immer wieder im Fokus

Debattiert wurde die Problematik zuletzt großflächig im Jahre 2015. Brüssels Stadtteil Molenbeek war seiner­zeit von Medien als die „belgische Brutstätte“ des Terrorismus bezeichnet worden. Die Ermittlungen nach dem Terroranschlag vom 13. November in Paris führten nach Molenbeek. Salah Abdeslam, ein isla­mistischer französischer Terrorist marokkanischer Abstammung, war hier geboren und aufgewachsen. Er gilt als einer der Hauptverdächtigen des Anschlags und wurde im Juni dieses Jahres zu

Die Jugendarbeitslosigkeit im Stadtteil ist hoch, sie liegt bei etwa 30 bis 40 Prozent. In den vergangenen Jahren hatten sich zudem insbesondere Jugendgruppen in mehreren Brüsseler Quartieren immer wieder Scharmützel mit der belgischen Polizei geliefert. Immer wieder kam es zu Krawallen und Straftaten.

Migrantische Bürgerinnen und Bürger hatten in den vergangenen Jahren aber auch immer wieder betont, dass die überwiegende Mehrheit in den Vierteln der Stadt ganz friedlich nebeneinanderlebe. Der Stadtteil Molenbeek kämpft bereits seit Jahren mit verschiedenen Aktionen um ein besseres Image.

Belgische Mannschaft ohne Marokkaner

Im Fußball scheint das Zusammenleben ganz gut zu klappen. Belgien und Marokko haben im Sport enge Verbindungen: Im marokkanischen Kader etwa haben die Spieler Ilias Chair, Anass Zaroury, Selim Amallah und Bilal El Khannous allesamt belgische Wurzeln – die beiden Letztgenannten wiederum spielen in der belgischen Liga bei Standard Lüttich und Genk.

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Abseits des Profisports allerdings haben junge Migranten offenbar mit ganz ähnlichen Nachteilen zu kämpfen wie im Alltag. Nur die wenigsten von ihnen schaffen den Sprung von den Jugendmannschaften in die belgische Liga. „Es liegt an den fehlenden Möglichkeiten. Es gibt Rassismus“, sagte Mounim Bennis, ein Buchhalter mit belgisch-marokkanischer Herkunft im Vorfeld des WM‑Spiels Marokko gegen Belgien der britischen BBC. Im Nachbarland, den Niederlanden, sei das anders. Da gebe es in jedem Profiverein „zwei bis drei Spieler mit mit marokkanischen Wurzeln“.

Im belgischen WM‑Kader spielt in diesem Jahr kein einziger Spieler mit marokkanischen Wurzeln. Trainer Roberto Martinez hatte den ehemaligen Tottenham-Flügelspieler Nacer Chadli im Vorfeld aussortiert.

Proteste nach WM-Qualifikation 2017

Auch im Fußballsport nahmen die Spannungen in den vergangenen Jahren spürbar zu. Bereits im November 2017 war es in Brüssel und anderen Städten zu Ausschreitungen gekommen, als sich die marokkanische Nationalmannschaft mit einem 2:0-Auswärtssieg für die Fußball‑WM 2018 in Russland qualifizierte.

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Auch seinerzeit wurden Autos beschädigt oder abgebrannt, Geschäfte geplündert und Steine auf Einsatz­kräfte geworfen. Erst am Abend kehrte allmählich Ruhe ein. Die Ausschreitungen wurden seinerzeit ähnlich scharf verurteilt wie nach dem Fall am Sonntag.

Das Aufeinandertreffen Belgiens und Marokkos am Sonntag war das erste seit 1994, als Belgien bei der WM in den USA Marokko mit einem 1:0 besiegte. Dass die Revanche nicht ganz ohne Randale auskommen dürfte, hatten belgische Sicherheitskräfte offenbar bereits im Vorfeld geahnt. Zusammenstöße zwischen Fans und der Polizei wie nach der WM‑Qualifikation Marokkos 2017 wolle man vermeiden, so die Behörden im Vorfeld gegenüber der BBC – sei es in Brüssel oder anderswo.

Steine und Flaschen gegen Tränengas

Geklappt hat das nicht: Die ersten Feiern beginnen am Sonntag gegen 15 Uhr in der Nähe des Südbahnhofs und am Boulevard Anspach. Jugendliche singen das Siegeslied, trommeln auf Djembén, Dutzende von Fahnen und Smartphones werden gehisst, um den Sieg zu feiern und sichtbar zu machen. Von Gewalt ist zu dieser Zeit noch nichts zu sehen, wie die belgische Zeitung „De Standaard“ dokumentiert.

Erst später werden die Feiern intensiver. Jugendliche zünden Bengalos, machen Moshpits in den Straßen, immer mehr junge Leute strömen aus den Seitenstraßen an die Orte des Geschehens. Randale gibt es auch in Molenbeek, Schaarbeek und Anderlecht. Die Polizei reagiert und bildet strategische Mauern, um die Massen vom Zentrum der Hauptstadt fernzuhalten. Diese wiederum binden sich Schals vors Gesicht, zünden Feuer­werkskörper, beginnen mit Flaschen zu werfen.

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Von da an eskaliert die Situation. Die belgische Polizei reagiert mit einem Wasserwerfer und Tränengas. Die feiernde Masse ändert in Sekundenschnelle die Richtung, verteilt sich über die Seitenstraßen. Autos werden angezündet und auf den Kopf gestellt, Ampeln zerschmettert, Werbetafeln zerstört, mehrere E‑Scooter gehen in Flammen auf, ein Feuerwehrfahrzeug wird beschädigt. Wie die belgische Zeitung „De Morgen“ berichtet, wird auch ein Kamerateam des beglischen Senders VRT angegriffen. Ein Journalist von RTBF wird durch einen Feuerwerkskörper im Gesicht verletzt. Der Bürgermeister von Brüssel, Philippe Close, rät Fußballfans ab, in die Innenstadt zu kommen.

Anwohner räumen auf

Die Straßen der Hauptstadt gleichen nach der Randale einem Schlachtfeld. Aus den Häusern strömen Anwohnerinnen und Anwohner. Auf Videos ist zu sehen, wie sie Feuer löschen und die Straßen aufräumen, nachdem die Masse wie mit einer Abrissbirne durch sie hindurchgezogen ist.

Warum das alles? „De Standaard“ fragt einen jungen Mann namens Mohammed: „Wir wollen feiern, aber wir dürfen nicht“, sagt er. „Die Polizei will uns aufhalten. Das erzeugt Spannung.“ Anwohnerinnen und Anwohner haben dafür nur wenig Verständnis. „Die sind verrückt“, zitiert die Zeitung jemanden.

Nicht nur in Brüssel, auch in anderen Regionen Belgiens kommt es am Sonntag zu Zwischenfällen. Betroffen sind auch Antwerpen in Lüttich sowie die niederländischen Städte Rotterdam, Den Haag und Amsterdam. Gegen halb acht am Abend kehrt in Brüssel allmählich Ruhe ein.

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Dutzende Festnahmen

Einen Tag nach den Ausschreitungen sind nun Polizei und Politik mit der Aufarbeitung beschäftigt. Für das politisch rechte Lager scheint der Fall ein gefundenes Fressen. Tom Van Grieken von Vlaams Belang legte den Randalierern umgehend auf Twitter die Ausreise aus Belgien ans Herz.

Politikerinnen und Politiker anderer Parteien betonten, dass die überwiegende Mehrheit friedlich gefeiert habe und dass das auch in Zukunft so sein werde. Rechte Parteien würden nun die Ausschreitungen nutzen, um Stimmung gegen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung zu machen, so ein häufiger Vorwurf.

Die belgische Polizei hat am Sonntag rund ein Dutzend Personen vorläufig festgenommen. Der Rest der Randalierer soll nun ermittelt werden.

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