Film „She Said“ erzählt Geschichte

Als das große Schweigen endete: Der Fall Weinstein erhält neue Brisanz

Sie lassen nicht locker: Die „New York Times“-Reporterinnen Megan Twohey (Carey Mulligan, links) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) in einer Szene des Films „She Said“.

Sie lassen nicht locker: Die „New York Times“-Reporterinnen Megan Twohey (Carey Mulligan, links) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) in einer Szene des Films „She Said“.

Bei der Oscarverleihung vor neun Jahren wollte Moderator Seth MacFarlane besonders witzig sein. Und so wandte er sich 2013 an die fünf nominierten Neben­darstellerinnen mit der Bemerkung „Herzlichen Glückwunsch, ihr fünf Damen müsst nicht länger so tun, als würdet ihr euch zu Harvey Weinstein hingezogen fühlen“.

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Ob Amy Adams, Sally Field, Helen Hunt, Jacki Weaver und Anne Hathaway (Letztere gewann den Oscar) das witzig fanden? Die versammelte Hollywood­prominenz im Saal jedenfalls lachte mit.

Was zweierlei beweist: Bereits 2013 muss es ein offenes Geheimnis gewesen sein, dass der Miramax-Studiochef Weinstein gefährlich für Frauen in seiner Umgebung war. Und: Niemand sah sich nach diesem zweifelhaften Scherz des Moderators veranlasst, der Sache nachzugehen.

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Es sollte noch mehr als vier Jahre dauern, bis am 5. Oktober 2017 in der „New York Times“ der Artikel der beiden Investigativ­­reporterinnen erschien, der das Schweigen um Weinstein beendete. Der Text von Jodi Kantor und Megan Twohey begann so: „Vor zwei Jahrzehnten lud der Hollywood­produzent Harvey Weinstein Ashley Judd in das Peninsula Beverly Hills Hotel ein, wo die junge Schauspielerin ein geschäftliches Frühstück erwartete. Stattdessen ließ er sie auf sein Zimmer schicken, wo er im Bademantel erschien und sie fragte, ob er sie massieren oder ob sie ihm beim Duschen zusehen könne ...“

Gut fünf Jahre ist das jetzt her. Mehr als 80 Frauen meldeten sich auf den Artikel und beschuldigten Weinstein sexueller Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung. Der ehemalige Studiochef ist inzwischen zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Und dabei dürfte es nicht bleiben. Momentan steht er wieder vor Gericht.

Eine globale Bewegung

Aus dem Fall Weinstein ist längst eine globale Bewegung geworden. Mitte Oktober 2017 richtete die Schauspielerin Alyssa Milano den Hashtag #MeToo ein: „Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe #MeToo als Antwort auf diesen Tweet.“ Einen Tag später hatten sich bereits mehr als eine halbe Million Reaktionen angesammelt.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern seitdem verändert hat – nicht nur in der US-Filmbranche. Mehr als 200 prominente Männer haben nach Recherchen der „New York Times“ mittlerweile ihre Jobs verloren. Viele Prozesse laufen noch. Vor Kurzem wurde der Schauspieler Kevin Spacey von sexuellen Übergriffen freigesprochen. Jedenfalls vorerst. Wegen weiterer Anschuldigungen muss er sich noch verantworten.

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Das spektakulärste Verfahren in Deutschland war zweifellos jenes gegen den Regisseur Dieter Wedel. Er starb vor der Eröffnung des Hauptprozesses im Sommer dieses Jahres.

Machtstrukturen aufbrechen

In Hollywood wird daran gearbeitet, die Arbeitsbedingungen für Frauen strukturell zu verbessern. Inzwischen gibt es Richtlinien für das Verhalten am Set, Anlaufstellen und Fonds für Opfer sexueller Belästigungen – und auch einen „Intimacy Coordinator“. Seine Aufgabe: In Sexszenen soll er darauf achten, dass sich die Beteiligten wohlfühlen und niemand zu Schaden kommt. In Deutschland gelten mittlerweile ähnliche Regeln. Hier wie dort wird ebenso die Schere bei der Bezahlung von Männern und Frauen gebrandmarkt.

Die Machtstrukturen am Arbeitsplatz sollen aufgebrochen werden, wozu der flammende Appell Frances McDormands bei ihrer Oscarrede 2018 beitrug: Sie verwies auf eine Vertragsklausel, „Inclusion Rider“ genannt, wonach die Besetzung vor und hinter der Kamera möglichst ausgewogen sein soll.

Prozess gegen Harvey Weinstein in Los Angeles hat begonnen

Harvey Weinstein wird im Rollstuhl ins Gericht geschoben. Anklage und Verteidigung halten in Los Angeles ihre Eröffnungs­plädoyers.

Das Missverhältnis der Aufmerksamkeit ist allerdings immer noch groß: Hollywood­celebrities werden gehört, wenn sie über sexuelle Belästigungen oder Benachteiligungen etwas zu sagen haben. Aber was ist mit Reinigungs­kräften, Versicherungs­angestellten oder Journalistinnen?

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Im Auftrag Hollywoods

An die Anfänge der #MeToo-Bewegung wird nun noch einmal erinnert: Die deutsche Regisseurin Maria Schrader („Unorthodox“) hat im Auftrag Hollywoods den Spielfilm „She Said“ gedreht, der von den Recherchen der beiden „New York Times“-Reporterinnen Kantor und Twohey (gespielt von Zoe Kazan und Carey Mulligan) erzählt. Die US-Filmindustrie lagert die Geschichte nach Europa aus, wohl aus der Erkenntnis, in der Sache befangen zu sein. Drehbuchautorin ist die Britin Rebecca Lenkiewicz. Sie hat das gleichnamige Buch der „New York Times“-Journalistinnen bearbeitet, die 2018 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden.

Hollywood ist mit dem Film etwas Erstaunliches geglückt: Die US-Kino­industrie verwandelt die Anfänge der #MeToo-Debatte in ein Heldinnen­stück. Die Reinwaschung in eigener Sache hat begonnen.

Dabei hatte die US-Filmindustrie im Weinstein-Fall auf ganzer Linie versagt. Sie servierte dem Hollywood­mächtigen Frauen vor dem Frühstück und nach dem Abendessen auf dem Hotelzimmer, egal, ob Schauspiel­debütantinnen, Miramax-Angestellte oder Models. In Schraders Film ist Weinstein nur von hinten zu sehen.

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Allen aber dürfte klar sein, dass die Sache noch lange nicht zu Ende ist. Regisseurin Schrader stochert in einer immer noch prall gefüllten Eiterbeule. Weinstein sitzt gerade in einem weiteren Prozess in Los Angeles auf der Anklagebank. Er versuchte, den Film für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

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Seine Anwälte ließ er argumentieren, die Geschworenen seien durch den Film „She Said“ befangen, der bereits beim Filmfestival in New York Premiere hatte. Die Rechtsprechung aufhalten konnte er nicht. Er muss sich in elf Anklage­punkten, darunter Vergewaltigung, verantworten. Es geht um Vorwürfe von fünf Frauen in einem Zeitraum von 2004 bis 2013.

Ashley Judd spielt sich selbst

Allerdings ermahnte Richterin Lisa Lench die Jury in Los Angeles, sich nicht den Trailer des Mitte des Monats in den USA anlaufenden Films im Internet anzuschauen. Sollten die Geschworenen das also tatsächlich bislang noch nicht getan haben: Jetzt dürfte die Versuchung umso größer sein. Es lohnt sich.

Die schon im „New York Times“-Artikel zitierte Ashley Judd spielt sich in dem Film selbst. Sie wehrte sich damals gegen Weinsteins sexuelle Übergriffe – und musste die Konsequenzen tragen. Beispielhaft wird an Judd das Muster des Vielfachtäters Weinstein deutlich.

Später wollte Regisseur Peter Jackson Judd für seine „Herr der Ringe“-Trilogie besetzen. Die Weinstein-Brüder warnten vor einer Zusammenarbeit mit der angeblich schwierigen Schauspielerin. Jackson spricht heute von einer „Schmutzkampagne“ gegen Judd (und auch gegen deren Kollegin Mira Sorvino).

Weinstein förderte berufliche Karrieren für erfüllte sexuelle Gunst­bezeugungen, und er zerstörte jene von Frauen, die sich ihm verweigerten. Judd hatte mit einer Schadensersatz­­klage gegen Weinstein zumindest teilweise Erfolg.

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In dem Kinofilm wird deutlich, wie Weinstein das Schweigen seiner Opfer sicherte: Er zahlte Abfindungen oder ließ Vertraulichkeits­erklärungen unterzeichnen. Letztere machten die Recherchen für die „New York Times“ zu einem schier endlosen Geduldsspiel. Niemand wollte sich zitieren lassen.

Nicht im Film zu sehen ist Gwyneth Paltrow, sie spielt im Film aber durchaus als Quelle für die Journalistinnen eine wichtige Rolle. Einmal sitzen die beiden an Paltrows Swimmingpool und warten auf die Gastgeberin.

Paltrow war damals Brad Pitts Partnerin, der wiederum nun mit seiner Firma Plan B zu den Produzenten des Films gehört. Er soll damals Weinstein gedroht haben, diesen umzubringen, sollte er noch einmal seine Freundin bedrängen. In die Öffentlichkeit ging auch Pitt nicht.

Seth MacFarlane, der nur bedingt witzige Oscarmoderator von 2013, versuchte nach den Enthüllungen seinen Gag als mutige Tat anzupreisen: „Als ich 2013 die Oscarverleihung moderierte, konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihm einen harten Schlag zu versetzen. Das kam aus einem Gefühl der Abscheu und Wut heraus.“

Weinstein ließ sich durch so viel Gratismut nicht beeindrucken. Er bedrängte und vergewaltigte weiter Frauen, die ihm zu nahekamen.

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