70 Jahre im Amt

Die weltweite Trauer um die Queen zeigt: Sie war die letzte Konstante

Trauer in Australien: Auf dem Opernhaus in Sydney ist ein Porträt der kürzlich verstorbenen Königin Elizabeth II. zu sehen.

Trauer in Australien: Auf dem Opernhaus in Sydney ist ein Porträt der kürzlich verstorbenen Königin Elizabeth II. zu sehen.

Hannover. Die britische Nachrichtenagentur Press Association (PA) bezeichnete ihn dieser Tage als „royalen Superfan“ – und machte den ­67-Jährigen über die Landesgrenzen hinaus bekannt: John Loughrey, an dessen Mütze lauter Anstecknadeln mit dem Bild der Königin hängen, machte sich unmittelbar nach Bekanntwerden des Todes von Queen Elizabeth II. auf zum Buckingham Palace. Zehn Tage wolle er dort in seinem roten Zelt campen, erklärte er PA, bis zum Staatsbegräbnis an diesem Montag. „Ich bin im Schockzustand“, wurde er zitiert. „Ich dachte, sie wird 100.“

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Loughrey, ein Engländer wie viele andere? Er war tatsächlich bei Weitem nicht der Einzige, den es in den vergangenen Tagen zum Buckingham Palace zog.

Bereits am ersten Trauerwochenende verkündete eine Moderatorin im BBC-Frühstücksfernsehen den dringenden Appell der königlichen Parkverwaltung: All jene, die zum Palast strömen, mögen, bitte, bitte, keine weiteren Paddington-Bären und Marmeladensandwiches mehr ablegen. „Es gibt dort bereits ausreichend.“ Seitdem die Queen zu ihrem 70-jährigen Thronjubiläum in einem kurzen Film mit dem Kinderbuchbären an einem Tisch saß und über Marmeladenbrote philosophierte, gehören beide für viele untrennbar zusammen.

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Zum Zeitpunkt des Bärenappells betrug die Wartezeit vor dem Palast bereits mehrere Stunden. Die Schlange reichte quer durch den St. James’s Park, der den Buckingham Palace mit dem St. James’s Palace verbindet. Allein rund 10.000 Polizisten sind seit Tagen im Einsatz, um die Massen zu lenken. Bereits seit Anfang dieser Woche postierten sich die Ersten vor Westminster Hall, um einen letzten Blick auf den Sarg werfen zu können. Der aber befand sich zu dieser Zeit noch in Schottland.

Das Erstaunlichste bei alldem: Die Menschen, die zum Palast und nach Westminster strömten, waren nicht nur Britinnen und Briten, wie „Royal Superfan“ Loughrey – es waren Stimmen auf Deutsch zu hören, auch auf Französisch, Chinesisch und in vielen anderen Sprachen. Es scheint, als verabschiede sich derzeit in London die ganze Welt von der Queen. „Das Herz der Welt ist gebrochen“, steht auf einem Zettel im Blumenmeer vor dem Palast. Eine Teenagerin schwärmt vor einer Fernsehkamera von der Queen: „Sie war so eine wunderbare Frau“, als wäre sie nach dem Konzert einer angesagten Popgröße befragt worden.

Während manche beim Kurznachrichtendienst Twitter mit dem Tod der Queen – einmal mehr – das Ende der Monarchie nahen sehen, wird sie in der realen Welt gefeiert wie eine Art generationenübergreifende Heilsbringerin. 44 Prozent der befragten Britinnen und Briten erklärten in dieser Woche in einer YouGov-Umfrage, sie hätten angesichts der Nachricht vom Tod Elizabeths II. geweint. Wie kann eine 96-jährige Vertreterin des elitären Establishments solch einen Status erreichen?

Vielleicht geht es schlicht um ihre Bekanntheit

Vielleicht ist der Kern des Ganzen der kleinste gemeinsame Nenner: die schlichte Bekanntheit, die Queen Elizabeth II. ihr Leben lang genoss. Sie saß 70 Jahre auf dem Thron – weitaus länger, als der größte Teil der derzeit lebenden Menschen überhaupt auf der Welt ist. Kurz vor ihrem Tod etwa hatte die Königin in der vergangenen Woche noch Liz Truss mit der Bildung einer neuen Regierung in Westminster beauftragt. Als Truss 1975 geboren wurde, war die Queen bereits 22 Jahre im Amt. Und Truss erlebt nun mit 47 Jahren erstmals ein neues Staatsoberhaupt in ihrem Land.

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Die breite Masse der heute lebende Menschen ist geboren worden in eine Welt, in der sich immer wieder vieles veränderte. Der Eiserne Vorhang fiel, es gab Energiekrisen, Atomunfälle, der Mond wurde bereist, das Farbfernsehen kam, das Internet ebenso und vieles andere. Kriege wurden begonnen, und die meisten auch wieder beendet. Auch schöne Ereignisse erlebten die meisten, und ganz viel Alltägliches. Nur eines änderte sich 70 Jahre lang nie: der Name der britischen Königin.

Welcher internationale Politiker war jemals so lange im Amt, dass es sich gelohnt hätte, dessen Konterfei auf eine Münze zu prägen? Briten, Australier und andere Nationen aber zahlten über Jahrzehnte beharrlich mit Münzen oder Scheinen, auf denen die immer selbe Person abgebildet war: die Queen. Kann es mehr Kontinuität geben? Selbst in der erzkonservativen katholischen Kirche wechselte während ihrer Regentschaft öfter der Papst. Die Queen erlebte in den vergangenen 70 Jahren insgesamt sieben von ihnen.

Viel ist in diesen Tagen zu lesen von der Königin als einer Art „Großmutter der Nation“. Für die Britinnen und Briten war Elizabeth II. vielleicht nie wirklich greifbar, ein bisschen wie die Großmutter, die sehr weit weg wohnte. Einmal im Jahr tauchte sie im Fernsehen auf und richtete kluge Worte an die Nation.

Viele blickten kontinuierlich zu ihr auf

Sie führte ein Leben, das sich von dem aller anderen im Land deutlich unterschieden haben wird. Und doch blickten viele kontinuierlich zu ihr auf. Nicht etwa, weil sie jeder um ebendieses Leben beneidet hätte. Es war mehr das Bewusstsein, eine Art von Verlässlichkeit an der Spitze des Landes zu haben – sicherlich auch im Wissen, dass ebendiese Spitze an sich längst keine wirkliche politische Bedeutung mehr hatte. Sie war einfach nur da. Und das reichte vielen.

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Sie war die Konstante im Leben, nach der sich alle auf eine gewisse Art sehnen. „Kontinuität“ ist in vielen Bereichen des Lebens ein teils inflationär genutztes Wort. Wer googelt, findet es in der Politik, bei Vereinen und Verbänden, in der Kirche und andernorts. Kontinuität ist für viele etwas Positives. Auch der Queen gedenken viele in diesen Tagen nicht als jener Frau, die etwa beim Grubenunglück von Aberfan 1966 keine sehr geschickte Rolle abgab, genauso wenig unmittelbar nach dem Tod Dianas 1997, als sie sehr lange damit zögerte, öffentlich Trauer zu zeigen. Sie gedenken ihr als jener Frau, die einfach immer da war. Selbst in schlechten Phasen.

Auch wenn sie von Amts wegen nie in die Politik hätte eingreifen können und dies auch nicht tat, genügte den Britinnen und Briten die Überzeugung: Komme was wolle, dort im Palast sitzt jemand, die schon aufpassen wird. Zugleich sahen auch britische Politikerinnen und Politiker die Queen nie als Konkurrenz. „Sie wurde immer als unpolitisch betrachtet“, erläuterte der britische Historiker Ed Owens kürzlich anlässlich ihres 70-jährigen Thronjubiläums. „Bei früheren britischen Königen war dies anders.“

Kaum jemand stellte infrage, dass die Queen nie demokratisch gewählt worden war. Der royale Zauber genügte vielen, um solche eigentlich seit Langem nicht mehr zeitgemäßen Strukturen nicht zu hinterfragen.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Königin nicht nur die Großmutter der Britinnen und Briten gewesen zu sein scheint, sondern die vieler weiterer Menschen, fast überall in aller Welt. Der ARD-„Brennpunkt“ zum Tod der Königin in der vergangenen Woche hatte einen Marktanteil von 22,6 Prozent. Mehr als sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sahen ihn – das ist fast so viel wie bei einem durchschnittlichen „Tatort“ oder vielen Fußballländerspielen. Nicht jeder mag derzeit mit Blumen zum Bu­ckingham-Palast reisen; doch viele interessieren sich für die Queen, und sei es vom heimischen Sofa aus.

Gästeliste ist ein Who’s who der Politik

Das zeigt auch die Gästeliste der Trauerfeier an diesem Montag. Sie liest sich wie ein einzigartiges Who’s who der internationalen Politik und der europäischen Königsfamilien. US-Präsident Joe Biden hat sein Kommen zugesagt. Die Premierministerin Neuseelands kommt, Jacinda Ardern. Europas Staatschefs reisen nach London, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der den Tod der Queen zuvor als „das Ende einer Epoche“ bezeichnet hatte. Und selbst das japanische Kaiserpaar reist nach London – eigentlich nehmen die Monarchen des asiatischen Staates aus Tradition nicht an Beerdigungen teil, nicht mal im eigenen Land.

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Eine einzigartige Trauerfeier für eine einzigartige Frau? Erst kürzlich standen Moskauer Schlange, um sich vom verstorbenen früheren sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow zu verabschieden, der den Eisernen Vorhang zu Fall gebracht hatte. Es waren bei Weitem nicht so viele wie in London, und Gorbatschow polarisiert im eigenen Land bis heute. Doch auch er war trotz des von ihm eingeläuteten Wandels eine Art Konstante. Viele wünschen sich angesichts des Ukraine-Krieges seine Politik von früher zurück.

Superfan: John Loughrey trägt eine Mütze mit Ansteckern, die die Queen zeigen.

Superfan: John Loughrey trägt eine Mütze mit Ansteckern, die die Queen zeigen.

Manche erinnern sich auch noch an die Trauer um Papst Johannes Paul II., der 2005 nach 26 Jahren auf dem Heiligen Stuhl starb. Schon damals war es für eine Generation ungewohnt, sich nach dieser langen Zeit plötzlich an ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche gewöhnen zu sollen. Johannes Paul II. stand für die Öffnung zwischen Ost und West. Auch er war, so schien es damals vielen, einfach immer da.

„Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung“, heißt es beim griechischen Philosophen Heraklit. Vielleicht klammerten sich so viele an die Vorstellung, im Buckingham-Palast sitzt immer dieselbe Person, weil sich sonst einfach alles im Leben ständig ändert.

Einstweilen greift der eine oder andere nun vielleicht erst mal auf eine Lebensweisheit von Paddington Bear zurück: „Ein weiser Bär hat stets ein Marmeladensandwich unter seinem Hut versteckt – nur für den Notfall.“

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