Dürrekatastrophe in Italien

Der Wasserkrieg am Gardasee

Blick auf den Gardasee (Archivfoto).

Rom. Auf den ersten Blick ist am Gardasee nichts von der landesweiten Dürrekrise zu bemerken: Auf dem flächenmäßig größten See Italiens kreuzen Segelboote, Windsurfer und Touristendampfer, in den Badeanstalten der Ferienorte erfrischen sich Einheimische sowie Touristinnen und Touristen bei strahlendem Sonnenschein mit einem Sprung ins Wasser. Doch das Ferienidyll trügt: Um das Wasser des Sees ist hinter den Kulissen ein erbitterter Streit wegen der Abflussmenge entbrannt. Denn mit seinen 50 Kubikkilometern Fassungsvermögen ist der Gardasee zugleich auch das größte Wasserreservoir Oberitaliens. Und sein Wasser wird in der aktuellen Dürre so dringend gebraucht wie noch nie.

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Südlich des Gardasees, in der Po-Ebene, wird die Lage nämlich mit jedem Tag kritischer. Im Piemont hat es seit 110 Tagen nicht mehr geregnet, in der Lombardei, im Veneto und in der Emilia-Romagna sieht es auch nicht viel besser aus. Die Folge: Bei der Messstation von Pontelagoscuro wenige Dutzend Kilometer oberhalb des Po-Deltas flossen am Montag noch 180 Kubikmeter pro Sekunde in Richtung Adria – „il grande fiume“, der größte Fluss Italiens, ist zu einem Rinnsal verkümmert. Vor einer Woche betrug die Wassermenge noch 300 Kubikmeter pro Sekunde, normal wären in dieser Jahreszeit 1500 bis 2000 Kubikmeter. Weil der Pegel des Po inzwischen tiefer liegt als der Meeresspiegel, fließt Salzwasser im Flusslauf 21 Kilometer bis ins Landesinnere. Vor einer Woche waren es noch zehn Kilometer gewesen.

Streit um Erhöhung der Abflussmenge

Um dem Po, seiner Fauna und den Landwirtinnen und Landwirten, die mit seinem Wasser die Felder bewässern, zu Hilfe zu kommen, hat die Regulierungs­behörde für das Po-Becken bei Peschiera del Garda vor zehn Tagen eine Öffnung der Schleusen angeordnet, um die Abflussmenge zuerst um zehn und dann um 30 Kubikmeter pro Sekunde zu erhöhen. Solche Maßnahmen sind nach nationalen Gesetz für derartige Krisen­situationen vorgesehen. Die Erhöhung der Abflussmenge schien vertretbar, da der See immerhin noch zu über 60 Prozent gefüllt ist. In den Seen des Piemonts und der Lombardei ist die Lage weitaus kritischer: Der Lago Maggiore und der Comer See nähern sich ihren historischen Tiefstständen, viele Zuflüsse sind ganz oder beinahe ausgetrocknet.

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Das ausgetrocknete Flussbett des Po.

Das ausgetrocknete Flussbett des Po.

Wegen der erhöhten Abflussmenge sinkt jetzt aber auch der Pegel des Gardasees mit bedenklicher Geschwindigkeit – die Anliegergemeinden schlagen Alarm und sagen „Basta“. „Wir müssen unsere Schifffahrt und die Fische schützen und gleichzeitig sicherstellen, dass die Bauern rund um den See auch im August noch ihre Kulturen bewässern können“, betont Pierlucio Ceresa, Geschäftsführer des Gemeinde­verbands Garda. Der See habe zwar noch Reserven, aber dennoch handle es sich um einen der tiefsten Pegelstände der letzten Jahre. Vor allem aber, betont Ceresa, bringe der um 30 Kubikmeter pro Sekunde erhöhte Abfluss dem Po nichts: „Der Fluss bräuchte im jetzigen Zeitpunkt mindestens 500 zusätzliche Kubikmeter pro Sekunde. Das Einzige, was wir mit dieser Maßnahme erreichen, besteht darin, dass nach dem Po auch noch der Gardasee krank wird.“

Landwirte befürchten „Katastrophe“

Meuccio Berselli, Leiter der überregionalen Regulierungs­behörde für den Po, sieht dies anders – und er fordert „Kollegialität und Zusammenarbeit“. Solidarisch zeigten sich in diesen Tagen die Stromversorger Enel, Edison und A2A, die zugesagt haben, in den kommenden zehn Tagen insgesamt fünf Millionen Kubikmeter aus ihren Stauseen abzulassen, um den Landwirten rund um den Po zu helfen. „Aber danach sind die Reserven zu Ende, denn auch diese Wasserspeicher sind nur noch zur Hälfte gefüllt“, betont Berselli. Nur noch wenige Tage kann auch der Lago Maggiore seinen Beitrag leisten: Sein Pegel liegt bereits heute unter dem Wert, bei dem ein erhöhter Abfluss noch vertretbar ist. Mit anderen Worten: Die Notmaßnahmen sind weitgehend ausgeschöpft – jetzt würde nur noch Regen helfen.

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Die Wetterprognosen geben freilich wenig Anlass zu Optimismus: Für die nächsten mindestens 15 Tage ist weiterhin überdurchschnittlich warmes und trockenes Wetter angesagt. Und die beiden heißesten und trockensten Monate des Jahres, der Juli und der August, stehen erst noch bevor. Schon jetzt leiden die Landwirtinnen und Landwirte, allen voran die Reisproduzenten. „Wenn es nicht sehr bald regnen wird, gibt es hier eine Katastrophe“, betont Paolo Carrà, Präsident der Reisbauern von Novara, Biella und Vercelli im Piemont. Er erinnert daran, dass in der Po-Ebene über 50 Prozent des in der EU angebauten Reises wachsen; allein im Piemont produzieren 4000 Reisbetriebe jährlich 800.000 Tonnen oder 27 Prozent der gesamten EU-Produktion. Carrà rechnet wegen der Dürre mit Ernteausfällen von 50 bis 70 Prozent.

 

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