Kleiderordnung in Indonesien

Mode als Instrument der Unterdrückung

Millionen von Frauen und Mädchen in Indonesien sind inzwischen gezwungen, den Jilbab oder Hijab zu tragen, Kleidungsstücke, die in Kombination mit einem langen Rock und einem langärmligen Hemd die Haare und den Körper von Frauen weitestgehend bedecken.

Millionen von Frauen und Mädchen in Indonesien sind inzwischen gezwungen, den Jilbab oder Hijab zu tragen, Kleidungsstücke, die in Kombination mit einem langen Rock und einem langärmligen Hemd die Haare und den Körper von Frauen weitestgehend bedecken.

Wer an Indonesien denkt, dem schweben meist die idyllischen Bilder aus Bali und Lombok vor Augen, wo sich leicht bekleidete Touristen am Strand räkeln. Doch die hinduistische Enklave ist keineswegs typisch für das südostasiatische Land, in dem die größte muslimische Bevölkerung der Welt lebt. Etwa 230 Millionen der rund 280 Millionen Indonesier bekennen sich zum muslimischen Glauben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Einige Regionen wie die Provinz Aceh im Norden von Sumatra, wo das islamische Recht, die Scharia, gilt, sind dafür bekannt, dass sie mit strenger Hand gegen vermeintlich unsittliches Benehmen vorgehen. 2017 meldeten internationale Medien, wie zwei homosexuelle Männer zu jeweils 85 Stockhieben verurteilt wurden. 2019 zeigten Bilder, wie gleichgeschlechtliche Paare ausgepeitscht oder mit Stöcken geschlagen wurden, weil sie außerehelichen Sex hatten. Auch auf Alkohol und Glücksspiele stehen ähnlich harte Strafen.

Bei falscher Kleidung drohen Sanktionen

Die harschen Regeln schränken inzwischen immer mehr auch die Rechte von Frauen ein und greifen zudem rasant auf andere Teile des Inselstaates über, der lange Zeit als eher gemäßigtes muslimisches Land galt. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch gibt es inzwischen mehr als 60 Dekrete im Land, die sich mit der Kleidung von Frauen beschäftigen. Aceh hat beispielsweise bereits 2004 eine Kleiderordnung verhängt – inspiriert von der Scharia.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Millionen von Frauen und Mädchen sind inzwischen gezwungen, den Jilbab oder Hijab zu tragen, Kleidungsstücke, die in Kombination mit einem langen Rock und einem langärmligen Hemd die Haare und den Körper von Frauen weitestgehend bedecken. „Die Beamten, die die Dekrete erlassen haben, behaupten, dass der Jilbab für muslimische Frauen obligatorisch ist, um intime Körperteile zu bedecken, zu denen nach Ansicht der Beamten Haare, Arme und Beine gehören“, hieß es vonseiten der Menschenrechtsorganisation. Manchmal gehe es auch darum, die Körperform der Frau zu verbergen. „Frauen und Mädchen sind sozialem Druck ausgesetzt“, schrieben die Aktivisten. Sollten die Frauen sich nicht an die Vorschriften halten, würden ihnen Sanktionen drohen.

Als Verbrecher abgestempelt

Im Rahmen einer Umfrage hat Human Rights Watch im vergangenen Jahr die Zeugenaussagen von mehr als 100 Frauen dokumentiert, die gemobbt, bedroht oder diskriminiert wurden, weil sie sich weigerten, den Jilbab zu tragen. In mindestens 24 der 34 Provinzen des Landes mussten Mädchen, die sich nicht an die Kleiderordnungen hielten, ihre Schule verlassen. Die Studentin Widiya Hastuti berichtete, wie über ihre Eltern hergezogen wurde, da sie als Kind manchmal ihren Jilbab auszog und Shorts trug, wenn sie ihr Zuhause verließ. „Einige meiner Cousins nannten mich eine Verbrecherin“, erinnerte sie sich.

Ähnliches berichtete auch die Dozentin Siti Rokhani von der Insel Sumatra. Ihre Tochter habe ihre Schuluniform ohne Jilbab getragen. Dafür sei sie gemobbt worden, als unmoralisch bezeichnet und mit Verachtung betrachtet worden. Auch Lehrerinnen, Ärztinnen, Schulleiterinnen und Universitätsdozentinnen haben bereits ihre Arbeitsstellen verloren oder fühlten sich dazu genötigt zu kündigen, weil sie sich nicht so kleiden wollten, wie die Dekrete es vorschrieben.

Morddrohung über Facebook

Drohungen und Mobbing finden auch in sozialen Medien statt. In zwei Fällen dokumentierte Human Rights Watch beispielsweise Gewaltandrohungen über Facebook. Drohungen wurden zudem über Messaging-Apps wie Whatsapp gesendet. Zubaidah Djohar, eine Dichterin und die Absolventin eines islamischen Internats in West-Sumatra, erhielt im Internet Morddrohungen, nachdem sie in eine theologische Diskussion über den Jilbab involviert war.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Vonseiten der Regierung in Jakarta reagiert man bisher mit Schweigen auf die lokalen Exekutivverordnungen. Dabei würden die Dekrete „echten Schaden“ anrichten, wie Elaine Pearson von Human Rights Watch sagte. „Präsident Joko Widodo sollte diskriminierende, rechtsverletzende Dekrete auf Provinz- und Kommunalebene, die die Rechte von Frauen und Mädchen einschränken, unverzüglich aufheben“, forderte die Menschenrechtsaktivistin. Nur die Zentralregierung hätte dazu letztendlich die Macht.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen