Zeitweise mehr als 100 Austritte täglich

Nach Gutachten zum Missbrauch: Zahl der Kirchenaustritte steigt deutlich

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus.

München. Seit Jahresbeginn sind deutlich mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als in den Jahren zuvor. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter größeren Kommunen in Deutschland ergeben. Tausende kehrten der Kirche den Rücken. Ein Grund dafür dürfte das Ende Januar vorgestellte Gutachten zu Missbrauchsfällen in der katholischen Erzdiözese München und Freising sein, das weltweit Schlagzeilen machte.

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Allein die Stadt München verzeichnete 9074 Kirchenaustritte bis zum 8. April, wie ein Sprecher des Kreisverwaltungsreferates mitteilte. Im Vergleichszeitraum 2021 waren es nur knapp 5000. Die jeweilige Konfession wurde dabei nicht erfasst.

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In der ersten Januarhälfte, also vor dem Gutachten, waren pro Arbeitstag in München etwa 80 Menschen aus der Kirche ausgetreten; nach dem 20. Januar, dem Tag der Vorstellung des Gutachtens, waren es dann zeitweise bis zu 160 Kirchenaustritte pro Arbeitstag – also etwa doppelt so viele.

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Die Stadt Augsburg meldete 1012 Austritte bis zum 8. April – rund 300 mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. In Regensburg, wo der spätere Papst Benedikt XVI. als Joseph Ratzinger einst an der Uni lehrte, lag die Zahl mit 1470 Austritten sogar mehr als doppelt so hoch wie 2021 (681).

In ganz Deutschland treten Menschen aus der Kirche aus

Doch nicht nur in Bayern traten die Menschen in den ersten drei Monaten des Jahres scharenweise aus der Kirche aus. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, sagte kürzlich bei der Frühjahrsvollversammlung im Wallfahrtsort Vierzehnheiligen, die Gläubigen kehrten ihrer Kirche „in Scharen“ den Rücken.

Die Tendenz ist deutschlandweit ähnlich: In Köln lag die Zahl der Kirchenaustritte im ersten Quartal dieses Jahres bei 5780, 2021 waren es in den ersten drei Monaten dagegen nur 3346. In Münster belief sich die Zahl der Kirchenaustritte nach Angaben des Amtsgerichts im ersten Quartal 2022 auf 1655 im Vergleich zu 896 im Vorjahreszeitraum.

In Städten in Baden-Württemberg fiel die Zahl der Kirchenaustritte in den ersten drei Monaten des Jahres mitunter doppelt so hoch aus wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. In der badischen Großstadt Freiburg erklärten bis April nach Angaben der Kommune 1183 Menschen ihren Austritt aus der Kirche. Im Vorjahr hatten 561 Menschen die Kirche verlassen. Der Großteil der Austritte in diesem Jahr in Freiburg entfiel mit 813 auf die katholische Kirche. Auch in Ludwigsburg, Ulm und Konstanz stiegen die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr.

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In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover kehrten in den ersten drei Monaten dieses Jahres bis zum 8. April 2140 Menschen ihrer Kirche den Rücken, darunter 782 Katholiken. Im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres waren es 1669 Menschen.

Auch in den beiden sächsischen Großstädten Dresden und Leipzig traten seit Jahresbeginn bereits deutlich mehr Menschen aus der Kirche aus als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 725 Kirchenaustritte waren es bis zum 8. April in Dresden – im Vergleich zu nur 69 im Vergleichszeitraum 2021. Das liegt nach Angaben der Stadt aber auch an einem damaligen Pandemie-Notbetrieb. In Leipzig traten seit Jahresanfang 853 Menschen aus der Kirche aus. 2021 waren es im gleichen Zeitraum 617.

Wahrscheinlichkeit für Rekordaustritt hoch

Die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) hatte am 20. Januar ein Gutachten im Auftrag des Erzbistums München und Freising vorgestellt. Die Gutachter gehen von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern, zugleich aber von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus – und davon, dass Münchner Erzbischöfe –darunter auch der spätere Papst Benedikt XVI. – sich im Umgang damit falsch verhalten hätten.

Der Religionspädagoge Ulrich Riegel, der eine vielbeachtete Studie über Kirchenaustritte im Bistum Essen leitete, rechnete schon Ende Februar mit einem neuen Austritts-Rekord in diesem Jahr. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch.“ Das Münchner Gutachten sei „viel klarer als die bisherigen, denn es hat konkrete Personen benannt“, sagte er. Und mit Ratzinger sei „eine Person unter den angesprochenen, der als Papa Emeritus eine größere öffentliche Wirkung entfaltet als etwa die Bischöfe von Köln und München“.

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Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zählte Ende 2021 nur noch rund 19,725 Millionen Mitglieder – ein Rückgang von 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz will die Zahlen für 2021 erst Ende Juni bekannt geben. Die Auswirkungen des Münchner Missbrauchsgutachtens werden dort aber noch nicht erfasst sein.

RND/dpa

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