Krimi im Ersten

Münchener „Tatort“ Kehraus: Wie man sich den Fasching – grandios – verdirbt

Die Spur einer Leiche im Münchener Faschingstreiben führt zu Silke Weinzierl (Nina Proll). Den Ermittlern Ivo Batic (Miroslav Nemec, rechts) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sagt sie jedoch, dass sie den Toten nicht kannte.

München befindet sich im Faschingstaumel. Sogar Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) ist als „Pilot“ unterwegs und hat ein paar „Bienen“ kennengelernt – als er mit dem eher faschingsmuffeligen Langzeitkollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu einem Toten gerufen wird.

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Die 70-jährige Leiche am Fuß einer Treppe hat gemäß ihrem Stempel auf der Hand eben noch in „Irmis Stüberl“ direkt um die Ecke gefeiert. In der Kneipe hat man den Mann noch mit einem anderen streiten sehen, der in Begleitung eines „Rotkäppchens“ war. Die Frau im Kostüm hört bürgerlich auf den Namen Silke Weinzierl (Nina Proll). Doch sie ist an diesem Abend eindeutig nicht mehr vernehmungsfähig. Batic und Leitmayr bringen ihre volltrunkene Märchenfigur in die Ausnüchterungszelle – und setzen die Arbeit am nächsten Morgen fort.

Doch auch ohne Alkohol ist die Zeugin nicht wirklich eine Hilfe, denn sie bestreitet, den Toten zu kennen. Als endlich ihre Bekanntschaft des Abends ausfindig gemacht wurde, gibt der Mann an, das „Rotkäppchen“ und nicht er hätte mit dem später Verblichenen gestritten. Der Verdacht liegt nahe, dass Batic‘ und Leitmayrs Zeugin erstens nicht die Wahrheit sagt und zweitens auch ihr eigenes Leben zu einer Art Märchen gemacht hat. Je tiefer die Kommissare in den Fall einsteigen, desto schillernder wird ihre Zeugin – oder auch Verdächtige?

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Wer Karneval ohne Masken sehen will, schaut „Tatort“

Selbst wenn sich Batic und Leitmayr in diesem vielleicht melancholischsten deutschen Faschingsfilm aller Zeiten zu Beginn in einem klassischen „Whodunit“-Fall zu bewegen scheinen – mit der Zeit wird es klar: Eigentlich verfolgt man mit dem „Tatort: Kehraus“ das fein geschriebene und superb gespielte Porträt einer Frau, deren Leben ein großer (Selbst)betrug zu sein scheint.

Silke hat arge Geldnöte. Immer träumt sie vom nächsten großen Geschäft, das ihr aber stets im letzten Moment zu entgleiten scheint, oder das Schicksal spielt ihr einen anderen üblen Streich. Zu ihrem halbwüchsigen Sohn hat sie wenig Kontakt. Der Junge entschied sich für die Stabilität eines bürgerlichen Lebens beim Vater und dessen neuer Familie. Dass Silke vom Luxus träumt und ihn genussvoll lebt, wenn sich auch nur für kurze Zeit die Chance dazu bietet, macht sie natürlich verdächtig. Könnte der Tote ihr „Opfer“ für ein besseres Leben gewesen sein?

Das Drehbuch von Stefan Betz, der einige Eberhofer-Krimis zum Drehbuch umformte, und Stefan Holtz („Die Ibiza-Affäre“, „Blood Red Sky“) könnte das Porträt einer Mörderin sein. Oder auch das einer Spielerin, die ihr Leben abseits bürgerlicher Sicherheitsnormen lebt und dafür einen Preis bezahlt. Wunderbar auch die Wendung, die Prolls Figur im letzten Drittel des Films erfährt. Dann, wenn wohl der letzte aktive Faschingsfan sich von diesem „Tatort“ (Regie: Christine Hartmann, „Charité, 3. Staffel) verabschiedet hat.

Die Handlung, so viel sei verraten, endet am Morgen des Aschermittwochs. Bösartig ist der Film auch deshalb, weil er am Sonntagabend vor Rosenmontag gesendet wird, also sozusagen auf dem gefühlten Höhepunkt des Karnevals, der auch 2022 wegen der Corona-Pandemie anders und vor allem zurückgenommener ist, als es die Feiernden in „Irmis Stüberl“ zu Beginn des Films vorführen. Im deutschen Fernsehfilm gibt es auch zwei Jahre nach Pandemiebeginn nach wie vor kaum Spuren des neuen Lebens, so skurril man das auch finden mag.

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Heimatlose Frauenfiguren scheinen im Kommen

„Kehraus“, der Titel des „Tatorts“, spielt nicht nur auf Gerhard Polts ebenso benannte, genial traurige Faschingskomödie von 1983 an. Ein Film, der übrigens am Rosenmontag, 28.2., um 22.45 Uhr noch einmal im BR-Fernsehen zu sehen ist. Kehraus steht als Begriff auch für ein Großreinemachen im Leben. Ein Akt, dem der Film ein balladenhaftes Denkmal setzt. Übrigens eines, das prall gefüllt mit Münchener Dialekt, melancholisch-bissigen Menschen und abgründig-bayerischem Humor ist. Dass beide Drehbuchautoren sowie die Regisseurin aus dem Großraum München stammen, half wohl dabei.

Die größte Leistung des Films bietet jedoch die Österreicherin Nina Proll in der Hauptrolle. So viel Ambivalenz innerhalb einer Figur hat man im Krimi-Drama vielleicht zuletzt bei Bryan Cranstons Walter White und der Serie“Breaking Bad“ gesehen. Oder im Drama ohne Krimi bei Frances McDormands Herumreisender in „Nomadland“. Die lebt im Auto und will sich im Leben nicht mehr binden. Auch Silke Weinzierl transportiert ihr gesamtes Hab und Gut im abgewetzten Kombi. Doch solange der Fasching tobt, hat das Rotkäppchen seine Heimatlosigkeit wohl kurz vergessen. Man muss auch mal abschalten können.

RND/Teleschau

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