Neue Äpfel im Alten Land

Obstbauregion im Klimawandel: „Der Cox ist ein Klimaverlierer“

Der marmorierten Baumwanze muss beigekommen werden: Im Obstbauversuchszentrum in der Esteburg forscht man auch an den Auswirkungen des Klimawandels auf die Obstbauregion Altes Land. (Esteburg, historisches Gebaude, von 1609, Torhaus, Burggraben und Brücke).

Der marmorierten Baumwanze muss beigekommen werden: Im Obstbauversuchszentrum in der Esteburg forscht man auch an den Auswirkungen des Klimawandels auf die Obstbauregion Altes Land. (Esteburg, historisches Gebaude, von 1609, Torhaus, Burggraben und Brücke).

Die Durchschnittstemperaturen sind in der Obstbauregion Altes Land gestiegen. Umstellungen sind nötig, auch weil die Apfelblüte inzwischen früher einsetzt als zuvor. Zwar gehen mit dem Klimawandel auch Probleme einher, aber im Obstversuchszentrum Jork in der Esteburg sieht dessen Stellvertretender Leiter Matthias Görgens die Entwicklung sogar als Chance.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Herr Görgens, kann man den Apfelanbau im Alten Land als Instrument gegen den Klimawandel sehen?

Eine Apfelplantage besteht aus ungefähr 3000 Bäumen pro Hektar. Wie bei jeder anderen Pflanze wird auch beim Apfel Sauerstoff produziert und Kohlendioxid eingelagert. Und wenn wir dann mal davon ausgehen, dass wir hier 10.000 Hektar Apfelland haben von Cuxhaven bis Hamburg – 90 Prozent des Anbaus hier sind Äpfel –, dann ist das schon eine grüne Lunge südlich der Elbe.

Wie hat sich das Klima im Alten Land in der jüngeren Vergangenheit verändert?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Alle zehn Jahre steigt die Temperatur hier im Alten Land so in etwa um 0,4 Grad. Wenn wir zurückschauen, dann hatten wir vor 30 Jahren eine Durchschnittstemperatur von ungefähr 8,5 Grad und sind heute bei zehn Grad und mehr im Durchschnitt. Das ist viel, bezogen auf das Wachstum von Pflanzen. Vor 30 Jahren konnten wir hier beispielsweise den Braeburn nicht anbauen, weil der nicht reif wurde. Es war schlicht zu kalt für diese Apfelsorte. Seit 20 Jahren haben wir ihn im Anbau – ein sogenannter Klimagewinnler.

„Der Holsteiner Cox leidet unter den Extremtemperaturen“

Aber es gibt wahrscheinlich auch Äpfel, die rausfallen.

Genau. Da ist zum Beispiel der Lokalmatador, der Holsteiner Cox, der zwar nicht unter der gestiegenen Durchschnittstemperatur leidet, wohl aber unter den Extremtemperaturen.

Der wird dann weniger angebaut.

Der Cox ist ein Klimaverlierer. Was im Kommen sein könnte – was die Temperaturen anbelangt –, wäre dagegen die Birne. Wir bauen im Alten Land auch Birnen an – auf nicht mal 3 Prozent der Fläche. Das funktioniert durch die gestiegene Temperatur auch besser als vor 30 Jahren. Ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor in der Region ist dabei angesichts der immer trockener werdenden Jahre die ausreichende Verfügbarkeit von Wasser aus der Elbe und den Nebenflüssen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Über den Roten Boskoop findet man im Internet, dass er inzwischen vier Wochen früher blüht.

Es gibt an der Esteburg für den Standort Jork langjährige Aufzeichnungen über den Blühbeginn und alle phänologischen Stadien bis zum Apfel – also den Wandel des äußeren Erscheinungsbilds. Ich kann das ganz genau sagen: Seit 1970 hat sich die Boskoop-Blüte um drei Wochen nach vorne verschoben. Und eigentlich betrifft das auch alle anderen Sorten.

Das heißt auch: Mehr Frostgefahr, oder?

Die Gefahr wird größer, dass sich die Blüte mit den Blütenfrösten überschneidet, wobei der Blütenfrost nicht ganz so schnell nach vorne wandert. Zudem kommt da wieder der Standortvorteil Wasser ins Spiel. Die Pflanze bekommt eine Frostschutzberegnung. Es bildet sich ein Eispanzer um die Blüte, in dem es null Grad hat. Beim Frieren wird Wärme frei und das schützt die Blüte, auch wenn um sie herum acht Grad minus herrschen.

Bedeutet frühere Blüte auch frühere Ernte? Und kollidieren die Äpfel des Alten Lands dann mit den Apfelimporten von der Südhalbkugel?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wir ernten nicht drei Wochen früher, das verläuft sich im Verlauf des Jahres wieder, das (lacht) verwächst sich sozusagen.

Haben die klimabedingten Veränderungen beim Apfelwachstum auch Einfluss auf Farbe, Größe, Zuckergehalt des Apfels?

Die Sonne hat Einfluss auf die Zuckerbildung. Der Zuckergehalt, ein Indikator für den Geschmack, ist in diesem Jahr erfreulich hoch. Diese unsagbar hohen Durchschnittstemperaturen haben aber auch die Reife der Äpfel beschleunigt. Dann geht das manchmal ganz schnell und der Erntezeitpunkt ist da. Dann müssen viele Millionen Äpfel ganz plötzlich gleichzeitig vom Baum.

Und die dürfen nicht fallen, sondern müssen alle vorsichtig gepflückt werden.

Ja. Da braucht es in solchen Jahren gutes Erntemanagement.

Schädlinge – „Ganz neu ist die marmorierte Baumwanze“

Bringt der Klimawandel auch neue Schädlinge ins Alte Land?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das ist eine große Herausforderung für uns. Die Schaderregersituation ändert sich im Alten Land alle fünf Jahre. Seit 2006 haben wir uns mit dem Klimawandel dezidiert auseinandergesetzt und der erste Schaderreger, der damals Einzug hielt, war der Apfelwickler, der durch die gestiegenen Temperaturen vom Süden in Richtung Norden gewandert ist. Vor 30 Jahren kannten die Obstbauern den hier nur aus dem Lehrbuch. Ganz neu ist die marmorierte Baumwanze. Am 16. September 2022 wurde erstmals ein Exemplar dieser Art bei uns im Alten Land gefunden. Die sticht den Apfel an und macht ihn für die Vermarktung unbrauchbar.

Wie verhindert man das?

Ehrlich – das wissen wir noch nicht. Das ist erst acht Wochen her. Jetzt sind wir gefragt, eine Bekämpfungsmöglichkeit zu finden – vorzugsweise einen Nützling, den wir ausbringen können. Damit der die Baumwanze – in welchem Stadium auch immer – abtötet. Weil der Schaderreger im Süden schon länger auftritt, sind wir im Gespräch mit Kollegen dort, um eine Bekämpfungsstrategie aufzubauen.

Ein potenzieller Nützling aus dem Süden müsste auch im Alten Land überleben können.

Die angewandte Forschung beginnt – unsere Pflanzenschutzabteilung setzt sich jetzt mit dem Tier und seinen Lebenszyklen auseinander.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Greift man einstweilen zu Pflanzenschutzmitteln?

Wichtig ist: Habe ich überhaupt ein Mittel, das wirkt, und hat dieses Mittel eine Zulassung? Da kann man nicht einfach schnell irgendwas aus dem Schrank holen und loslegen. Man muss Wirkstoffe prüfen und über die zuständigen Ministerien eine Zulassung beantragen. Das kann dauern.

Und dann könnte so ein Insekt eine Ernte ruinieren?

Ja, durchaus. Ich habe das gesehen, als ich privat in Südtirol war. Der Gastwirt, bei dem wir untergebracht waren, hatte auch einen Obsthof und der hat uns das gezeigt. Das ist dann nicht flächendeckend, aber wo Nester sind, ist das schon verheerend.

„Mit dem Klimawandel können wir gut umgehen“

Im Alten Land können jetzt angeblich auch schon Aprikosen und Pfirsiche angebaut werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Hier und da gibt es Anlagen – aber das ist verschwindend gering. Wenn wir jetzt von 10.000 Hektar Gesamtanbaugebiet reden, dann entfallen 0,5 Prozent auf exotische Baumobstarten wie Pfirsich, Aprikose oder die Nektarine. Die leiden sehr unter dem kalten Frühjahr. Ob diesbezüglich im Verlauf des Klimawandels ein Durchbruch kommt, kann man jetzt noch nicht sagen.

Ananas geht weiterhin nicht.

Nein.

Das Stream-Team

Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. – jeden Monat neu.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Blicken Sie in der Obstbauversuchsanstalt eher mit Sorge oder mit wissenschaftlicher Neugier auf den Klimawandel im Alten Land?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wir sehen das sogar als Chance für diese Region. Der Klimawandel hat hier nicht die krassen Auswirkungen wie im Süden. Wir haben die Wasserverfügbarkeit, wenn es im Sommer heiß wird, können wir das Obst klimatisierend beregnen. Wir sind in Forschung und Beratung gut aufgestellt. Was wir noch bräuchten, ist mehr Woman- und Manpower, um im Bereich von Diagnostik und neuen Schaderregern noch besser werden zu können. Da müssen wir investieren.

Die Zukunft des Apfelanbaus im Alten Land bleibt also trotz Klimawandel unproblematisch?

Eine Bedrohung durch Klimawandel sehe ich nicht. Damit können wir gut umgehen.

Dr. Matthias Görgens (60) ist Stellvertretender Leiter des Obstbauversuchszentrums Jork in der Esteburg. Er machte eine Ausbildung zum Gärtner, bevor er in Hannover zwischen 1985 und 1991 Gartenbauwissenschaften studierte. Görgens promovierte 2003 an der Humboldt-Universität Berlin. An dem Kompetenzzentrum für den norddeutschen Gartenbau ist er seit 1991 tätig, er leitet dort die Abteilung Betriebswirtschaft und Aus- und Weiterbildung.

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen