Bandenkrieg statt Bullerbü: Ausgerechnet Schweden verzeichnet immer mehr Morde mit Schusswaffen

Polizisten ermitteln an einem Tatort in Malmö.

Polizisten ermitteln an einem Tatort in Malmö.

Stockholm. Es war ein sonniger Vormittag in Malmö. Die Straße war belebt, als sich ein Mann einer jungen Passantin näherte. Direkt vor ihr richtete er eine Waffe auf sie und drückte mehrmals ab. Die Augenzeugin Marylin Petterson versuchte noch, der auf den Boden zusammengesunkenen Frau mit einer Herzdruckmassage zu helfen. „Es war wie eine Hinrichtung. Alles war voll mit Blut. Sie hielt ihr Baby noch in einem Arm“, erinnerte sie sich. Der Vater habe hilflos in einem Hauseingang gesessen und geweint.

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Im Krankenhaus verstarb die junge Mutter. Das zwei Monate alte Kind und der früher kriminelle Vater, an dem sich der Schütze offenbar rächen wollte, blieben unversehrt.

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Trauriger Rekord

Dieser brutale Mord hat Schweden in jüngster Vergangenheit erschüttert. Die Liste ähnlicher Taten ist lang. So lang, dass der einst so friedliche Wohlfahrtsstaat mit sehr niedriger Kriminalitätsrate inzwischen die meisten Schusswaffenmorde in Europa zu verzeichnen hat. 42 Menschen starben im nur rund zehn Millionen Einwohner zählenden Schweden im Jahr 2019.

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Den traurigen Rekord belegt ein neuer Bericht des staatlichen schwedischen Nationalrats für Kriminalprävention (Bra). Der Rat hat 22 europäische Länder für den Zeitraum 2000 bis 2019 verglichen. „Eine Steigerung wie bei uns sieht man nirgendwo anders. In den letzten 20 Jahren hat sich Schweden vom Schlusslicht zur Spitze bei Schusswaffenmorden bewegt“, so Klara Hradilova-Selin von Bra. Seit 2010 hat sich die Zahl von Schusswaffenmorden im Vergleich zu anderen Mordformen von 21 auf 39 Prozent fast verdoppelt.

Noch im Jahr 2000 bis 2003 waren es nur zwei Morde pro eine Million Einwohner. Damit war Schweden eines der Schlusslichter unter 22 europäischen Nationen, laut Bra, das sich in seinem Bericht auch auf Daten der WHO und Eurostat stützt, die nur bis 2017 reichen. In der Periode 2014 bis 2017 verdoppelten sich die Schusswaffenmorde in Schweden auf fast vier pro eine Million Einwohner. Nur Kroation übertraf den schwedischen Wert unter den 22 europäischen Ländern.

Die Mordstatistik in Deutschland lag 2020 bei rund drei Fällen pro einer Million Einwohner. Das sind aber nicht allein Schusswaffenmorde, laut Bundeskriminalamt.

Todesopfer oft Kriminelle

Bei acht von zehn Schießereien mit Todesopfern waren Kriminelle betroffen, also ein bestimmtes Milieu. Doch manchmal eben auch nicht, wie das Beispiel einer zwölfjährigen Stockholmerin zeigt. Das Mädchen wurde in einem Schnellrestaurant aus einem fahrenden Auto heraus von einer Kugel tödlich getroffen. Die Schützen wollten eigentlich zwei Bandenmitglieder erschießen, die nahe dem Kind saßen.

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Laut einer Studie von 2018 sollen die Schießereien damit zusammenhängen, dass es viele kleine Banden mit hitzigen jungen Männern gebe, die in den nicht abgesteckten Revieren untereinander konkurrieren. Von 1996 bis 2015 wurden demnach in Schweden zehnmal so viele junge Männer bis zum Alter von 29 erschossen als beispielsweise in Deutschland.

Um die Frage, warum die Bandenkriminalität so ausgeartet ist, ist ein politischer Streit entbrannt. „Das ist ein komplettes Missgeschick dieser und vorheriger Regierungen“, meint der Chef der stimmenstarken Rechtsextremen, Jimmie Akesson. Er macht die Einwanderung von ethnischen Nichteuropäern für die Kriminalität verantwortlich. Einwanderer seien unmoralischer und rücksichtsloser als der Rest der Bevölkerung, behauptet er in der Zeitung „Aftonbladet“.

Mehr Polizisten und härtere Strafen

Differenzierter sieht das die rot-grüne Regierung. Sie macht vor allem Armut, fehlende Integration und Perspektivlosigkeit in den Einwanderergettos für die Bereitschaft junger Männer, in kriminelle Banden einzutreten, verantwortlich. Die Regierung will nun den durch massive Kürzungen eingebrochenen schwedischen Wohlfahrtsstaat sanieren. Dazu gehört es auch, das Sozialwesen und die Schulen in den Gettos zu stärken.

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Zudem setzt Innenminister Mikael Damberg auf mehr Polizisten und härtere Strafen. „In gewissen Teilen Schwedens war der Staat einfach nicht anwesend, die Polizei zu schwach und Kriminelle wurden nicht behelligt“, gibt er zu.

Besonderes Aufsehen erregten im Herbst rivalisierende Banden in den Vororten von Göteborg und Stockholm, die sich dort Schießereien auf offener Straße lieferten. Um dem mehr entgegenzusetzen, wird auch die Debatte geführt, ob verurteilte Personen mit Bandenzugehörigkeit doppelt so hohe Strafen erhalten sollten wie Einzeltäter.

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