Dekan über den Amoklauf in Heidelberg: „Täter war vollkommen unauffällig“

Kerzen und Blumen an einem Gebäude der Universität Heidelberg.

Kerzen und Blumen an einem Gebäude der Universität Heidelberg.

Heidelberg. In einem Gebäude der Fakultät für Biowissenschaften an der Uni Heidelberg erschoss am Montag ein 18-jähriger Erstsemesterstudent eine Studentin und dann sich selbst – drei weitere Menschen wurden teils schwer verletzt.

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Zwei Tage nach der Tat beginnt die Uni nun, den Vorfall zusammen mit ihren Studierenden systematisch aufzubereiten. Dazu sollen auch spezielle Ruheräume entstehen, wie der Leiter der betroffenen Fakultät, Joachim Wittbrodt, im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt.

Die Tat selbst stellt derweil auch die Uni vor ein großes Rätsel: Der 18-jährige Student sei völlig unauffällig gewesen.

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Herr Wittbrodt, der schreckliche Amoklauf liegt jetzt zwei Tage zurück. Wie gehen die Studierenden und das Lehrpersonal mit der Situation um?

Wir sind alle tief ergriffen. Der Vorfall hat uns ins Mark getroffen. Am ersten Tag war der Schock, gestern fing es an, einzusickern – und heute fängt es an, richtig wehzutun. Wenn man über den Campus läuft, sieht man all die niedergelegten Kerzen und Blumen, und die Studierenden, die das Bedürfnis haben, sich auszutauschen. Es liegt tiefes Entsetzen in der Luft, aber auch tiefe Trauer und das Gefühl der Hilflosigkeit.

Was tun die Uni und Ihr Fachbereich, um diese Hilflosigkeit einzufangen?

Wir bieten den nahe Betroffenen und Erstsemestern, aber auch allen anderen Studierenden Möglichkeiten an, am Campus zusammenzukommen und über das Geschehene zu sprechen. Leider geschieht dies während der Pandemie unter erschwerten Bedingungen. Viele Plätze der Zusammenkunft sind geschlossen.

Wir haben daher sogenannte „Inseln der Ruhe“ eingerichtet, die den Studierenden ab der kommenden Woche zur Verfügung stehen werden. Dabei handelt es sich um kleine, schön eingerichtete Seminarräume auf dem Campusgelände, die Ruhe vermitteln. Studierende haben hier die Möglichkeit, miteinander über das Erlebte zu sprechen, aber auch mit Seelsorgern und Psychologen. In diesen Räumen sollen Erstgespräche möglich sein. Ziel ist aber auch, diejenigen zu identifizieren, die eine tiefergehende Beratung brauchen, und diese auch zu gewährleisten.

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Finden derzeit überhaupt Lehrveranstaltungen in der Fakultät statt?

Die Lehrveranstaltungen für die Erstsemester sind erst einmal ausgesetzt. Stattdessen haben wir seit Dienstag offene Sprechstunden eingeführt, um mit den Studierenden über das Geschehene zu sprechen. Auch in anderen Fachbereichen ist der Alltag noch nicht zurückgekehrt. Jede Lehrveranstaltung beginnt mit einer Gedenkminute und der Möglichkeit zur Aussprache. Und manchmal dauert diese Aussprache auch mal die gesamte Lehrveranstaltung – da sind wir flexibel.

Falls doch gelehrt wird, ist dies aber keinesfalls prüfungsrelevant. Das Wichtigste ist, dass wir uns gemeinsam aufrappeln, bei den Händen fassen und wieder Boden unter die Füße kriegen.

Joachim Wittbrodt leitet die betroffene Fakultät für Biowissenschaften an der Uni Heidelberg.

Joachim Wittbrodt leitet die betroffene Fakultät für Biowissenschaften an der Uni Heidelberg.

Wie wird das Thema unter den Dozentinnen und Dozenten aufgearbeitet?

Wir sind alle ähnlich erschüttert wie die Studierenden. Und es war ganz wichtig, dies den Studierenden auch zu zeigen. Auch wir müssen das Geschehene verarbeiten und sehr viel miteinander sprechen. Die Kolleginnen und Kollegen, die direkt vor Ort und Ersthelfer waren, sind natürlich ganz besonders betroffen. Sie bekommen direkten Zugang zu professioneller Hilfe. Das ist auch ganz wichtig, um irgendwann mit der Freude zurückzukommen, für die wir hier eigentlich bekannt waren. Wir hatten mit unseren Studierenden und am Thema sehr viel Spaß und wir haben versucht, sie zu begeistern. Ich hoffe, dass diese Leichtigkeit irgendwann zurückkehren wird.

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Was geschieht mit dem Gebäude, in dem sich die Tat ereignet hat?

Das Haus ist derzeit für Studierende noch geschlossen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können es wieder betreten. Der Hörsaal bleibt aber definitiv für das gesamte Semester geschlossen und wird auch in dieser Form nicht mehr eröffnet. Sobald der Tatort von der Polizei wieder freigegeben und gereinigt ist, werden wir für direkt Betroffene Begehungen anbieten – natürlich unter professioneller psychologischer Betreuung. Danach wird der Hörsaal umfassend renoviert. Der Raum soll in seinem jetzigen Erscheinungsbild weder Studierenden noch Lehrenden Angst machen. Die schwierige Aufgabe wird sein, den Raum umzugestalten, ihn aber gleichzeitig als Gedenkort zu erhalten.

Wie kann man sich Ihren Fachbereich eigentlich vorstellen? Kennen sich Studierende und Dozenten untereinander?

Die regulären Vorlesungen sind tatsächlich eher anonym – in meiner Einführungsveranstaltung saßen beispielsweise 250 Studierende. Da kennt man sich natürlich nicht mit Namen oder die Gesichter der anderen. In den Praktika allerdings wird es dann schon sehr familiär. Insbesondere unter Corona-Bedingungen waren die Gruppen eher klein, die dann auch sehr eng und intensiv betreut werden. Nach dem ersten Semester kennt man also schon die Gesichter, und spätestens mit dem Bachelorabschluss und dem Masterstudium wird es richtig familiär.

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War Ihnen auch der Täter bekannt?

Nein, über ihn wissen wir nicht mehr als die Öffentlichkeit. Auch bei der Polizei haben wir nichts über ihn erfahren. Er hat erst im Herbst als Erstsemester-Student bei uns angefangen, viele Vorlesungen waren aber digital. Teilweise saßen 250 Menschen in den Vorlesungen, und viele hatten ihre Kameras nicht mal eingeschaltet. In den Vorlesungen ist er mir nicht aufgefallen. Auch von den Noten her war er vollkommen unauffällig.

Wie geht es nach der Trauerphase auf dem Campus weiter?

Wir wollen nicht ewig warten, bis wir wieder mit den Lehrveranstaltungen beginnen. Es ist auch wichtig, dass wir uns mit dem Geschehenen konfrontieren. Das wird sehr bald passieren. Ab nächste Woche soll es wieder Vorlesungen im Digitalen geben. Diejenigen, die sich stark genug fühlen, können dann auch wieder an Praktika teilnehmen. In der Woche drauf sollen die Praktika wieder regulär abgehalten werden. Aber auch in diesen Veranstaltungen soll es auch weiter um die Aufarbeitung des Erlebten gehen. Da ist jetzt Fingerspitzengefühl gefragt.

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