Extrembergsteigerin Brette Harrington: „Soloklettern ist so ähnlich wie Meditieren“

Die Extrembergsteigerin Brette Harrington.

Die Bergsteigerin Brette Harrington, Jahrgang 1992, wuchs im kalifornischen Lake Tahoe auf und hat die Universität British Columbia in Kanada absolviert. Marc-André Leclerc war ihr Partner im Leben und beim Klettern.

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Brette Harrington, was bedeuten Ihnen die Berge?

Ich bin in den Bergen aufgewachsen, ich liebe sie. Ich fühle mich dort zu Hause. Für mich ist es wichtig, mit den Bergen in Interaktion zu treten – beinahe so, wie auch Tiere das tun. Draußen in der Wildnis zu sein ist für mich wichtig.

Wann hat Ihre Karriere als Bergsteigerin begonnen?

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Aufgewachsen bin ich mit dem Skifahren in Lake Tahoe. Als ich fünf oder sechs war, bin ich die ersten Slalomrennen gefahren, und das hat mich in die Berge gebracht. Mit 16 habe ich mit dem Klettern losgelegt. Und dann bin ich auch schon nach Squamish im kanadischen British Columbia gegangen, dem kanadischen Kletter-Eldorado. Und dort begegnete ich 2012 Marc-André.

Hat sich durch Marc-André Leclerc die Bedeutung des Kletterns für Sie geändert?

Auf jeden Fall. Er half mir wie ein Mentor, eine bessere Kletterin zu werden. Er war von seinen technischen Fähigkeiten her besser als jeder andere, den ich kannte. Er hat mich herausgefordert, genau so, wie er auch an sich selbst extrem hohe Anforderungen stellte. Durch ihn habe ich gelernt, meine Gedanken und auch meine Furcht zu kontrollieren. Seine mentale Stärke war beeindruckend. Er hat über nichts mehr nachgedacht als übers Bergsteigen. Seine ganze Energie wendete er dafür auf. So wurde er zum Klettergenie.

Sie beide wurden ein Paar, und bei jedem Ausflug in die Berge bestand die Gefahr abzustürzen: Wie sind Sie damit umgegangen?

Von Anfang an haben wir darüber geredet. Durch ihn habe ich das Klettern ganz allein ohne Seil gelernt, genannt Free Solo. Die Berge lassen dir nicht immer genug Zeit, die Entscheidung zu treffen, die du treffen möchtest. Wenn du in eine Gefahrenzone gerätst, musst du schnell sein. Und ohne Seil bist du schneller.

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Haben Sie nach seinem Tod in Alaska 2018 je darüber nachgedacht, mit dem Klettern aufzuhören?

Niemals. Das genaue Gegenteil war der Fall. Das Klettern wurde noch wichtiger für mich. Marc-André hatte dem Klettern sein Leben gewidmet und mich so sehr inspiriert. Ich hätte das Gefühl gehabt, einen Teil von ihm auszulöschen, wenn ich aufgehört hätte. Das wäre für mich das Schlimmste gewesen. Wir hatten in den Bergen gemeinsam so viel erlebt. Ich hätte das Gefühl gehabt, alles zu verlieren.

Brette Harrington und Marc-André Leclerc.

Brette Harrington und Marc-André Leclerc.

Ist Ihre Furcht gewachsen durch seinen Absturz?

Angst habe ich in einer sehr rationalen Weise immer gespürt. Aber ich bin mir heute noch mehr bewusst, welche Auswirkungen es auf andere hat, wenn etwas Tragisches passiert.

Gibt es Momente an einer Wand, in denen Sie nicht wissen, wie Sie den nächsten Meter bewältigen sollen?

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Solche Situationen gibt es immer wieder. Wenn ich einen höheren Schwierigkeitsgrad austeste, dann weiß ich oft nicht weiter. Aber dann bin ich durch ein Seil gesichert und lasse mich fallen – und versuche es erneut auf anderem Weg. Das funktioniert ein bisschen wie bei einem Puzzle. Wenn ich ohne Seil unterwegs bin, bleibt mir der Rückweg.

Was ist so faszinierend am Free-Solo-Klettern?

Vor allem der mentale Aspekt: Man lässt sich dabei auf ein Abenteuer ein, das mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Man schöpft seine geistigen Fähigkeiten aus – ebenso wie seine technischen. Du bist in jedem Moment ganz und gar darauf angewiesen, allein klarzukommen. Wenn Marc-André solo unterwegs war, dann hat ihn das glücklicher als alles andere gemacht. Voller Energie kehrte er zurück.

Können Sie verstehen, dass manche sagen, es sei verrückt, Free Solo zu klettern?

Unbedingt. Nur ein gewisser Prozent von Kletterern will das – und ist dazu auch in der Lage. Nur die sollten es tun, die sich ihrer Sache absolut sicher sind. Die Vorbereitung dauert Jahre. Man muss beim Soloklettern vor allem seinem eigenen Kopf vertrauen können. Das ist so ähnlich wie beim Meditieren: Auch da braucht es lange, um ein bestimmtes Level zu erreichen.

Warum wollen Alpinisten immer höhere Level erreichen?

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Ist das nicht eine ganz normale menschliche Eigenschaft? Wir alle wollen immer besser werden und Dinge noch einmal anders erfahren. Das gehört doch zum Leben dazu. Klettern ist da nur eines von vielen Beispielen. Ich spüre jedes Jahre, dass ich im Fels- oder auch im Eisklettern dazulerne. Und dann kann ich mich auch kreativer in den Bergen bewegen.

Klettern ist teuer – die Flüge um die halbe Welt, die Ausrüstung, die Hotels: Wie finanzieren Sie Ihre alpinen Abenteuer?

Ich arbeite für ein bekanntes Outdoorunternehmen und gehöre zu dessen Athletenteam. Die Firma ist mein Hauptsponsor und hat ein bestimmtes Budget für Kletterer zur Verfügung. Wenn ich also zum Beispiel nach Patagonien will, stelle ich einen Antrag – und der wird akzeptiert oder eben nicht.

Ist das Klettern heute vor allem eine kommerzielle Angelegenheit?

Es ist unglaublich populär geworden, eine Trendsportart. Aber es sind immer noch wenige Leute, die wirkliche Entdeckungen in den Bergen suchen.

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Würde es Sie reizen, einmal in Ihrem Leben alle Achttausender zu erklimmen?

Das Höhenklettern ist eine Belastung für den ganzen Körper. Da oben bist du so sehr damit beschäftigt, mit der dünnen Luft klarzukommen, dass deine Klettertechnik darunter leidet. Ich bewundere jemanden wie den Nepalesen Nirmal Purja, aber für mich ist das nichts. Mir ist die Technik wichtiger als die Höhe.

Hat der Massenandrang etwa auf den Mount Everest noch etwas mit Alpinismus zu tun?

Das ist kein Bergsteigen mehr, das ist ein Geschäft, eine Industrie. Dabei geht es darum, sich den Weg auf einen Gipfel zu erkaufen. Das Traurige ist, dass viele Menschen diese Bilder vor Augen haben, wenn sie an Alpinismus denken.

Wenn Ihr Partner Marc-André Leclerc noch lebte, wie würde er wohl mit Sponsoren und Social Media umgehen?

Ich glaube, er wäre ein erfolgreicher Kletterer. Er würde mit Sponsoren arbeiten, aber er würde die Berge immer noch auf seine Weise erforschen.

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Sind überhaupt noch genug Berge zum Erforschen übrig?

Aber sicher doch. Allein hier in Kanada sind noch endlos viele unbestiegene Gipfel. An manche kommt man allerdings nur schwer ran. Und außerdem: Es gibt so viele verschiedene Wege, die auf einen einzigen Gipfel führen. Im vorigen Sommer habe ich einen Berg auf gleich drei Routen erklettert.

Gibt es einen Moment für einen Bergsteiger, mit dem Klettern aufzuhören?

Ja, aber da geht es weniger ums Alter. Routen lassen sich für jede Altersgruppe finden. Das Wichtigste ist, dass ein Alpinist auf seine innere Stimme hört. Eine Freundin von mir ist am El Capitan im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien abgestürzt und seitdem gelähmt. Sie wusste, dass sie an diesem Tag da gar nicht hinwollte, aber sie fühlte sich verpflichtet, mit den anderen mitzugehen.

Ist der Film „Der Alpinist“ eine Art Vermächtnis für Marc-André Leclerc?

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Gewiss. So viele seiner Solotouren sind darin eingefangen. Der Film zeigt, wie Marc seine Zeichen in der Geschichte des Alpinismus gesetzt hat. Und so viele der Erinnerungen, die ich bislang allein mit mir trug, kann ich nun mit anderen teilen.

Es gibt eine berührende Szene in dem Film, da liegt Marc-André knapp unterhalb des Torre-Egger-Gipfels in Patagonien in seinem winzigen Zelt auf einem Felsvorsprung und gesteht, dass er Sie liebt. Wie nahe geht Ihnen diese Szene knapp vier Jahre nach seinem Tod?

Das war ein Video, das er mir geschickt hatte. Die Szene ist traurig und wunderschön zugleich. Und sie erinnert mich jedes Mal wieder daran, wie besonders die Zeit mit Marc war.

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