Gedenktag für verstorbene Kinder: Kerzen für die Sternenkinder

Mit einer Kerze wird am heutigen Sonntag verstorbenen Kindern sowie Tot- und Stillgeburten gedacht (Symbolfoto).

Mit einer Kerze wird am heutigen Sonntag verstorbenen Kindern sowie Tot- und Stillgeburten gedacht (Symbolfoto).

Bargteheide. An diesem Sonntag werden um 19 Uhr weltweit Kerzen für verstorbene Kinder, sogenannte Sternenkinder, entzündet. Sehr früh verstorbene Kinder und Fehlgeburten sind derweil immer noch ein großes Tabuthema. Den Verlust und die Trauer zu verarbeiten ist für Betroffene oft schwer.

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Kinder, die vor oder kurz nach der Geburt versterben, werden meist als „Sternenkinder“, manchmal auch als Engels- oder Schmetterlingskinder bezeichnet. Die Begriffe deuten auf einen religiösen Ursprung hin, nämlich dass verstorbene Kinder „in den Himmel kommen“. Ursprünglich waren mit dem Begriff „Sternenkinder“ Neugeborene gemeint, die unter 500 Gramm wogen und nicht als Person im Geburtsregister oder Sterberegister verzeichnet werden konnten. Da sie die gesetzlichen Mindestanforderungen zur Eintragung im Register als Person nicht erreichten, wurden sie auch statistisch nicht erfasst. Für die betroffenen Eltern war es so, als hätte es ihr Kind nie gegeben.

2009 richtete ein hessisches Ehepaar eine von 40.000 Bürgern unterzeichnete Petition für „Sternenkinder“ zur Änderung der Personenstandsgesetze an den Bundestag. Die Petition sorgte für großes öffentliches Interesse und eine umfassende Berichterstattung in den Medien. 2013 beschloss der Bundestag schließlich einstimmig eine Änderung des Personenstandsrechts. Seitdem können Eltern die Geburt ihres Kindes beim Standesamt anzeigen und ihrem Kind damit offiziell eine Existenz geben, völlig unabhängig vom Gewicht.

Das Bestattungsrecht ist allerdings Ländersache. In den meisten Bundesländern dürfen Eltern ihre „Sternenkindern“ unter 500 Gramm transportieren, aufbewahren und beisetzen wie sie möchten, da sie noch nicht bestattungspflichtig sind. In jedem Fall muss ein tot geborenes Kind unter 500 Gramm „ethisch entsorgt“ werden und darf nicht im Klinikabfall landen. Meistens wird es tief gefroren, bis die nächste Sammelbeisetzung der Klinik auf dem Friedhof stattfindet.

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Eine Betroffene berichtet

Es war ein Schock: Bei einer Routine-Untersuchung in der elften Schwangerschaftswoche erfuhr Jenny Lühmann aus Bargteheide (Kreis Stormarn), dass das Herz ihres Babys nicht mehr schlug. Wenige Tage später, im April 2016, wurde das Kinder der heute 32-Jährigen im Hamburger Marienkrankenhaus abgesaugt.

„Mir war wichtig, dass mein Baby nicht auf dem Müll landet“, sagt Jenny Lühmann. Infos über mögliche Bestattungsformen mussten sich die verwaisten Eltern aber mühsam zusammensammeln. Mit ihrer Trauer fühlten sie sich von den Ärzten allein gelassen. Letztlich wurde ihnen eine Sammelbestattung auf dem Öjendorfer Friedhof in Hamburg angeboten, allerdings erst in einem halben Jahr. „Wir brauchten aber zeitnah einen Ort zum Trauern“, so die gelernte Physiotherapeutin.

Schließlich bestatteten sie ihr Kind auf dem Bargteheider Friedhof. Am Grab war Jenny Lühmann erschrocken über die Größe des Sarges - obwohl es der kleinste war, den der Bestatter hatte. „Vorher wusste ich auch gar nicht, wie ich unser Kind darin betten sollte“, so Lühmann. Eine Freundin nähte ihr schließlich einen Stern mit einem Fach, in die der Bestatter die Leibesfrucht hineinlegen konnte.

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Ein gutes Jahr später begann Jenny Lühmann, für früh verstorbene Kinder und Frühchen Kleidung und Deckchen zu nähen. Erst schickte sie ihre Sachen einem bundesweiten Verein zur Verteilung. 2019 gründete sie mit ihrer Freundin Lena Brunßen ihren eigenen. „Sternenkinder Bargteheide e.V.“ gehören 50 Frauen an, die nähen, stricken, häkeln und basteln. Bodys, Windeln und Socken fertigen die Frauen in der Regel für Kinder ab der 20. Schwangerschaftswoche. Für die ganz früh Verstorbenen sind es Einschlagdecken und Bettchen. Auch Kerzen, Karten mit tröstenden Versen, Kuscheltiere für Geschwisterkinder und kleine Kisten zur Bestattung gehören zum Programm.

Finanzierung über Spenden

Über Ebay-Kleinanzeigen, Facebook und Instagram macht Lühmann Werbung. Auch Kliniken können bei ihr bestellen. „Es ist oft entwürdigend, wie Eltern ihre toten Kinder im Krankenhaus betrauern müssen und mit nach Hause bekommen. Etwa in Nierenschalen oder nackt eingewickelt in Spucktücher“, sagt Lühmann.

In diesem Jahr verschickte sie bereit 140 Pakete an Eltern. Die meisten enthielten Frühchenkleidung. Krankenhäuser bestellten nur zehn Pakete. Dabei ist das Angebot für alle umsonst. Der Verein finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge.

„Ich würde mir wünschen, dass Frauenärzte und Kliniken sich gut ausstatten, auch mit Infomaterial“, sagt Lühmann. Tod in der Schwangerschaft sei immer noch häufig ein Tabuthema und eine Trauerbegleitung der Eltern finde kaum statt. Dabei sei doch jedes Kind eine Erinnerung wert, egal wie klein es war.

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Jenny Lühmann hat ihre Trauer inzwischen verarbeitet. Mit ihrem Ehemann hat sie zwei Kinder (acht und vier). Dennoch fühlt sie sich als Mutter dreier Kinder. Am 12. Dezember, dem Weltgedenktag für verstorbene Kinder, wird sie mit ihrer Familie eine Kerze ins Fenster stellen.

RND/epd

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