Immer mehr schwarze Frauen in den USA bewaffnen sich

Schwarze Frauen üben an einem Schießstand in den USA.

Schwarze Frauen üben an einem Schießstand in den USA.

Taylor. Valerie Rupert hebt ihren rechten Arm. Sie zittert ein wenig, als sie ein Ziel aus Papier ins Visier nimmt, das für einen Dieb, einen Einbrecher oder gar einen Vergewaltiger steht. Die 67-jährige Großmutter aus Detroit drückt den Abzug. Ihr Schuss hallt zwischen den Wänden des Schießstands hin und her – vermischt sich mit dem Echo der Schüsse von anderen Frauen ihrer Trainingsgruppe.

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„Ich war etwas nervös, aber nachdem ich ein paar Mal geschossen hatte, hat es mir richtig Spaß gemacht“, sagt Rupert. Als eine von etwa 1000 Frauen, unter denen viele Schwarze sind, nimmt sie an einem kostenlosen Wochenendkurs an einem von zwei Schießständen im Großraum von Detroit teil. Rupert ist damit Teil eines Trends: Laut Experten und Lobbyisten wächst in den USA vor allem unter Afroamerikanern die Zahl derer, die sich zum eigenen Schutz eine Waffe zulegen.

Schießereien und Morde werden zur Normalität

Einer der Gründe dürfte die Häufung von Gewaltverbrechen sein – in großen wie in kleinen Städten werden Schießereien und Morde zunehmend zur Normalität. Eine Rolle spielt aber wohl auch die jüngste Eskalation ethnischer Konflikte: Viele Afroamerikaner wollen sich im Falle eines Übergriffs zumindest wehren können. Zusätzlich verschärft wurden die Ängste der Minderheit durch manche Ereignisse im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr.

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Im US-Staat Michigan, in dem auch Detroit liegt, hatten sich Hunderte konservative Aktivisten im April 2020 zu einem Protest gegen die demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer versammelt. Einige hatten dabei ganz offen Sturmgewehre getragen. Und einige – überwiegend weiße Anhänger des damaligen Präsidenten Donald Trump – waren am Ende gewaltsam in das Kapitol des Staates in der Stadt Lansing eingedrungen.

Die Bilder von schwer bewaffneten weißen Männern vor und in dem Regierungsgebäude sind Rupert noch immer in guter Erinnerung. „Sie sind mit all diesen Waffen zum Kapitol gegangen. Du musst gerüstet sein“, sagt die 67-Jährige. Und ähnlich denken offenbar auch viele andere. Laut des Waffenindustrieverbands National Shooting Sports Foundation kauften 2020 etwa 8,5 Millionen Amerikaner zum ersten Mal eine Waffe. Den Angaben zufolge stieg die Zahl der Waffenkäufe unter Afroamerikanern in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres um gut 58 Prozent.

Zunahme von weißer nationalistischer Gewalt

Der Waffenbesitz nehme tendenziell zu, wenn die Menschen das Vertrauen in die Regierung und in die Polizei verlören, sagt Daniel Webster, Professor an der Bloomberg School of Public Health und Leiter des Johns Hopkins Center for Gun Violence Prevention and Policy. „Wir haben eine solche Zunahme von weißer nationalistischer Gewalt erlebt“, sagt der Experte. Die Bedrohung durch solche Gruppen in Kombination mit schwindendem Vertrauen in die Polizei habe viele Schwarze veranlasst, sich selbst zu bewaffnen.

Insgesamt machen Afroamerikaner nach wie vor nur einen kleinen Teil der Waffenbesitzer in den USA aus. Nach Angaben der National Shooting Sports Foundation besteht diese Gruppe zu knapp 56 Prozent aus weißen Männern und zu 16 Prozent aus weißen Frauen, während schwarze Männer einen Anteil von 9,3 Prozent und schwarze Frauen einen Anteil von 5,4 Prozent ausmachen. Im Jahr 2020 sei es aber zu einer „tektonischen Verschiebung“ gekommen, sagt der Verbandssprecher Mark Oliva. Inzwischen würden auch immer mehr Afroamerikaner von ihrem Recht zum Tragen einer Waffe Gebrauch machen.

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Beth Alcazar, die Weiße ist, fing vor etwa zwei Jahrzehnten mit dem Schießen an. Damals sei es eine absolute Seltenheit gewesen, beim Übungsschießen einer schwarzen Frau zu begegnen, sagt sie. In den vergangenen fünf Jahren habe sich dies aber in zunehmendem Maße geändert, erklärt Alcazar, die heute zertifizierte Schießtrainerin in der Nähe von Birmingham im Staat Alabama ist. Inzwischen sehe sie bei fast jedem Besuch eines Schießstands auch schwarze Frauen.

Für viele schwarze Frauen gehe es darum, auf sich selbst aufpassen zu können, sagt Lavette Adams, die im Großraum Detroit bei den von der Lobbygruppe Legally Armed In Detroit finanzierten kostenlosen Wochenendkursen mitgemacht hat. „Gewalt gegen Frauen ist nichts Neues“, erklärt sie. Aber „Frauen, die sich schützen – das ist neu“.

Nicht nur Sorgen wegen der Kriminalität

Die Kurse gibt es bereits seit zehn Jahren – damals nahmen 50 Frauen an den Übungen teil. Im vergangenen Jahr hätten mehr als 1900 teilgenommen, sagt Rick Ector, Gründer von Legally Armed In Detroit. Ihm gehe es darum, Frauen, die besonders oft zu Opfern von Verbrechen würden, zu sensibilisieren und zu schulen.

Ameena Jumail hat sich für einen Kurs in dem Vorort Taylor angemeldet. Sie arbeite noch daran, ihre eigene Angst vor Waffen zu überwinden, sagt die 30-jährige Kindergärtnerin. Dass sie sich mit der Benutzung einer Waffe aber vertraut machen wolle, liege nicht nur an der Kriminalität. Sorgen würden ihr auch die weißen Nationalisten und deren Gebaren bereiten. „Während der Wahl 2016 war ich beunruhigt, auch während der Wahl 2020“, sagt Jumail.

Unabhängig von den Motivationen hat der Experte Webster allerdings seine Zweifel, ob die Frauen, die sich nun eine Waffen kauften, dadurch tatsächlich sicherer seien. „Wenn Sie eine geladene Schusswaffe bei sich haben, werden Sie in manchen Situationen anders reagieren“, sagt er. „Es wird Ihr Verhalten und Ihre Sichtweise verändern.“

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RND/AP

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