KZ-Überlebender im Mordprozess gegen SS‑Wachmann: „Sie haben die Hölle bewacht“

Der Angeklagte (links) mutmaßliche ehemalige KZ‑Wachmann sitzt im Gerichtssaal. Neben ihm steht sein Anwalt, Stefan Waterkamp. Der 100‑jährige Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen Beihilfe zur Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben.

Der Angeklagte (links) mutmaßliche ehemalige KZ‑Wachmann sitzt im Gerichtssaal. Neben ihm steht sein Anwalt, Stefan Waterkamp. Der 100‑jährige Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen Beihilfe zur Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben.

Er ist heute 92 Jahre alt und lebt in Haifa. Sein Name: Emil Farkas. Im Rahmen des Strafprozesses gegen den ehemaligen SS‑Wachmann Josef S. aus Brandenburg war der orthodoxe Jude, der als jugendlicher Lagerinsasse im KZ Sachsenhausen um sein Leben kämpfte, angereist, um jenem Mann gegenüberzutreten, dem vorgeworfen wird, zwischen 1942 und 1945 als SS-Rottenführer Beihilfe zum Mord an Tausenden Menschen geleistet zu haben.

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Der Angeklagte, Josef S., ist inzwischen 100 Jahre alt. Wie die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ) berichtet, waren die beiden Männer, die an diesem Donnerstag im Gerichtssaal lediglich fünf Meter trennten, vor 76 Jahren mutmaßlich am selben Ort. Farkas als Augen- und Zeitzeuge. S. als KZ‑Wachmann.

Der Holocaust-Überlebende richtet einen Appell an den auf der Anklagebank sitzenden 100‑Jährigen. Seine Worte werden von einem Dolmetscher übersetzt: „Ist Ihr dunkles Geheimnis so viel wert, dass Sie sich auch jetzt nicht entschuldigen für Ihren Beitrag an meinem persönlichen Leid? Seien Sie wenigstens jetzt mutig!“

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Doch wie die „MAZ“ berichtet, schweigt der Angeklagte. Auch die Worte von Emil Farkas, „Die Hölle haben Sie bewacht, Herr S., Sie haben mich bestimmt als Schuhläufer gesehen“, rufen keine erkennbare Regung bei ihm hervor.

„Sie waren Halbtote, keine Menschen mehr“

Ob sich beide Männer damals begegnet sind, wird in dem laufenden Mordprozess nicht aufzuklären sein. Am Donnerstag schilderte der Zeuge seinen Überlebenskampf ohne Freunde, denn die letzten drei Kameraden aus seiner Heimatstadt Zilina seien in Selbstmordabsicht in den Elektrozaun des KZ Sachsenhausen gelaufen. So wie viele Häftlinge, die vor Hunger und Kälte verzweifelt waren. Farkas: „Sie konnten ihr Leid nicht mehr ertragen, sie waren Halbtote, keine Menschen mehr.“

Für den Prozess waren 22 Verhandlungstage bis in den Januar hinein angesetzt. Laut Anklage geht es um mindestens 3518 Fälle der Beihilfe zum Mord im damaligen KZ Sachsenhausen nahe Berlin. Das Verfahren vor dem Landgericht Neuruppin wird aus organisatorischen Gründen in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel geführt.

RND/liz mit dpa

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