Der schwere Weg in die Normalität im Flutgebiet: „Die Hürden sind hoch“

Am Ortsausgang des Örtchens Bliesheim stapelt sich der Müll, der aus den Wohnungen und Häusern des Ortes geholt wurde.

Am Ortsausgang des Örtchens Bliesheim stapelt sich der Müll, der aus den Wohnungen und Häusern des Ortes geholt wurde.

Bliesheim/Blessem. An der Brücke über die Erft am Sportzentrum in Bliesheim sind die Schäden der Flut noch immer sichtbar. Nur wenige Meter entfernt arbeiten Bewohnerinnen und Bewohner am Wiederaufbau des kleinen Örtchens.

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Als vor vier Wochen die Wassermassen durch den rund 3500 Einwohner großen Ortsteil von Erftstadt stürzten, zerstörten diese auch Tennisplätze und einen Großteil der Vereinsheime. Noch immer türmt sich dort ein meterhoher Müllberg, zu dem sich in den vergangenen Tagen und Wochen allerhand Schutt gesellt hat.

Derweil wird bei hochsommerlichen Temperaturen die Brücke selbst wieder befahrbar gemacht. Der Teer ist bald so weit. „Am Dienstag, pünktlich zum Ende der Sommerferien, können Autos und Busse hier wieder rüber”, sagt Frank Jüssen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er ist seit knapp vier Jahren Bliesheims ehrenamtlicher Bürgermeister – und war im vergangenen Monat mehr als sonst der wohl gefragteste Mann im Ort. „Mein Telefon steht nicht still. Meine kleine Tochter hat schon mehrfach gesagt: ‚Ich will nicht mehr, dass du Ortsbürgermeister bist.’ Eigentlich bin ich im Dauereinsatz.”

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Versicherung begutachtet Schäden

Beim Spaziergang durch die teils zerstörten Straßen klingelt immer wieder sein Telefon. Immer wieder sprechen ihn Bewohnerinnen und Bewohner an. Es geht um den weiteren Abtransport von Müll, der durch die Flut entstanden ist, und um andere Hilfe. „Am Samstag sollen erneut einige Container kommen”, antwortet Jüssen. Hin und wieder ist ein lockerer Plausch dabei – man kennt sich. Doch die Arbeit ist längst noch nicht erledigt, von Normalität nur in Teilen etwas zu sehen.

Viele Anwohnerinnen und Anwohner stecken, gemeinsam mit freiwilligen Helfern, noch immer mitten in den Aufräumarbeiten. Einer davon ist Marc Fuchs, dessen Schaden am Haus durch das Hochwasser mehr als 100.000 Euro beträgt. „Die Versicherung hat sich ein Bild gemacht, auch ein Gutachter war hier. Die neue Elektrik und Heizung werden übernommen, weitere Schäden wohl ebenfalls. Eine Hilfe von der Stadt haben wir auch schon bekommen. Aber natürlich hängen wir noch etwas in der Luft, was weitere finanzielle Unterstützung angeht”, sagt Fuchs.

Weihnachten im Katastrophengebiet

Wann sein Haus wieder bewohnbar ist, kann er schwer abschätzen, wagt aber eine vorsichtige Prognose: „Es ist ein kleiner Traum von mir, dass meine Familie und ich hier Weihnachten feiern können.” Ob das Wirklichkeit wird, hängt unter anderem davon ab, wie schnell die Spenden ankommen, wie gut die von Land und Bund versprochenen Milliardenhilfen die Betroffenen erreichen.

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Ortsbürgermeister Jüssen berichtet, dass bei einer Begutachtung gerade 65 schwer betroffene Gebäude ermittelt wurden, die aus verschiedenen Gründen nicht gegen Überschwemmung versichert waren. Die sehr großzügigen Geldspenden im deutlich sechsstelligen Euro-Bereich sind zwar üppig, aber längst nicht ausreichend. Weitere Gelder aus staatlicher Hand müssten also dringend ankommen. „Die bürokratischen Hürden im Verwaltungsapparat sind und waren sehr groß. Vieles musste ich selbst in die Hand nehmen, teilweise sogar außerhalb meiner eigenen Befugnisse tätig werden in dieser Notsituation”, sagt Jüssen.

Weiter Sperrzone in Blessem

Einige Kilometer weiter ist ebenfalls längst noch kein Ende der Not in Sicht. In Blessem haben vor allem die Bilder des Kraters, den die Flut am Ortsrand hat entstehen lassen, einen bleibenden Eindruck von der Hochwasserkatastrophe von Mitte Juli hinterlassen. Die Sperrzone wurde verringert, in der gelben Zone ist den Betroffenen zumindest zeitweise der Zutritt erlaubt. Doch unmittelbar um die Abbruchkante beim Kieswerk, wo Häuser und Grundstücke hinabgestürzt sind, gibt es die rote Zone. Zutritt verboten. Weiterhin Lebensgefahr.

In den umliegenden Straßen ist die Zerstörung noch deutlich zu sehen. Einige Meter von der Sperrzone entfernt liegt die Reitanlage von Reimund Hermann. Mittlerweile läuft der Betrieb dort wieder eingeschränkt. Nach Bildern und Videos, die Hermann auf seinem Handy zeigt, ist das kaum zu glauben. Dort ist zu sehen, wie das Wasser um die Anlage herum in hoher Geschwindigkeit vorbeirauscht. Der Krater ist Luftlinie nur 150 Meter entfernt. „Wir hatten unfassbares Glück”, schildert der Betreiber des Sportpferdehofs.

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Beeindruckt von Hilfsbereitschaft

Als die Flut kam, hatte Hermann noch rund 75 Pferde gerettet. Darunter auch die Pferde von den Nachbarhöfen, bei einem davon ist die Reithalle komplett zerstört worden. Er selbst hat am Höhepunkt der Katastrophe mitgeholfen. Doch beeindruckt ist Hermann von der Hilfsbereitschaft danach, die noch immer anhält. „Diese Eindrücke, diese Hilfe von so vielen Fremden, die reichen für ein ganzes Leben”, sagt er.

Schon jetzt gibt es einen regen Austausch zwischen den betroffenen Regionen, zu denen viele Gebiete der Eifel und besonders das Ahrtal gehören. „Die Hilfen und Spenden, die wir nicht brauchen und annehmen, leite ich direkt weiter”, betont Hermann. Diese Dankbarkeit zeigt sich auch in Bliesheim, wo Bürgermeister Frank Jüssen mit Blick auf die Solidarität der Helferinnen und Helfer, aber auch der eigenen Bürgerinnen und Bürger sagt: „Was hier geleistet wurde und noch geleistet wird, ist wirklich großartig.”

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