Vermenschlichung von Tieren

Streicheln und streiten: Wenn die Liebe zwischen Tier und Mensch vor Gericht endet

Da ist die Welt noch in Ordnung. Aber was passiert, wenn Frauchen und Herrchen getrennte Wege gehen?

Da ist die Welt noch in Ordnung. Aber was passiert, wenn Frauchen und Herrchen getrennte Wege gehen?

23 Jahre Ehe, keine Kinder, dann war alles aus zwischen Paul Giarrusso und Diane Marolla. Das Paar einigte sich gütlich, der Hausstand wurde aufgeteilt und sogar für die Hunde fanden sie eine Möglichkeit: Einer gehörte offiziell ihm, einer ihr, aber sie wollten, dass wenigstens die Hunde einander hatten, wenn sich schon so viel änderte.

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Doch ein Jahr später fand sie, dass er sich nicht gut genug um die Hunde kümmerte. Und es begann ein langer, teurer Streit um zwei Vierbeiner. Zwei Jahre lang stritten sich die beiden vor Gericht, allein Giarrusso zahlte nach eigenen Angaben etwa 15.000 Euro. Dann hatte er erreicht, was er wollte: Er konnte die Hunde Marox und Winnie wieder in die Arme schließen. Der State Surpreme Court von Rhode Island erklärte nämlich: Die Hunde würden weiterhin hauptsächlich bei Giarrussos Ex-Frau leben, dienstags und mittwochs würden sie jedoch zu ihm kommen.

Früher bester Freund, heute Ersatz für Kinder oder Partner

Mit Haustieren ist es manchmal wie mit Kindern: Wenn sie einziehen, stellen sie die eigene Welt auf den Kopf. Wenn sie krank werden, muss man alles stehen und liegen lassen, sie zum Arzt bringen und versorgen. Und wenn sich Herrchen und Frauchen trennen, muss geklärt werden, wohin mit dem Hund, der Katze, der Schildkröte, dem Kind. In den USA führt das zu bisweilen skurrilen neuen Trends: zunehmende Sorgerechtsklagen vor Gerichten wegen der Haustiere. Und Firmen, die eine Art Elternzeit einführen, wenn sich Angestellte ein neues Haustier zulegen.

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Der beste Freund des Menschen ist der Hund – hieß es schon im 16. Jahrhundert in einem Sprichwort. Mehr denn je gilt diese Aussage für heute: Nicht nur, dass die Deutschen eine Rekordzahl Haustiere halten, sie gehören für viele schlicht zur Familie. Fast jeder zweite Haushalt hat ein Haustier, 5,6 Milliarden Euro geben die Deutschen jedes Jahr für ihre tierischen Begleiter aus. „Heimtiere sind für viele Menschen Familienmitglieder, für deren Gesundheit Tierhalter bereit sind, Geld auszugeben“, sagt Norbert Holthenrich, Präsident des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe in Deutschland, der „Süddeutschen Zeitung“. Vor allem die Ausgaben für Spielzeug, Leckerli und den Gehegeausbau hätten zugenommen.

Mehr als 90 Prozent der Deutschen gaben in einer Umfrage 2020 an, dass sie das Haustier als Familienmitglied sehen. Und wie das mit Familienmitgliedern so ist, führen äußere Umstände hin und wieder zu Herausforderungen.

US-Staaten führen Umgangsrecht für Tiere nach der Scheidung ein

Und so verwundert es nicht, dass Gerichte sich zunehmend damit beschäftigen müssen. In Großbritannien berichten Scheidungsanwälte dem „Guardian“, dass in bis zu 30 Prozent der Fälle Haustiere involviert seien, in den USA haben einige Staaten, darunter Alaska, Pennsylvania, Rhode Island, Illinois, Kalifornien und Washington, D.C., Gesetze eingeführt, wonach Haustiere im Falle einer Trennung oder Scheidung nicht als Sache gesehen werden, sondern als Familienmitglied – um das sich auch nach einer Trennung im Zuge einer Umgangsregelung beide Parteien kümmern können.

Es geht dabei nicht darum, wer das Tier offiziell besitzt, sondern darum, wer sich am besten um Hund, Katze und Gecko kümmern kann, wo die Bedingungen am besten sind, wo die Bindung am stärksten ist, berichtet das „Time“-Magazin. Und diese Bindung gibt es, nicht nur zwischen Mensch und Haustier, sondern auch von Hunden und Katzen gegenüber den Menschen, bei denen sie leben. „Die Bindung ist nicht bei jeder Tierart gleich“, sagt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund, „aber der Mensch ist ein wichtiger Bezugspunkt – bei Hunden ist der Mensch oft sogar wichtiger als andere Hunde“, sagt sie. Hunde würden bei Treffen mit Menschen das Bindungshormon Oxytocin ausschütten, das etwa auch Mütter nach der Geburt der Kinder bilden.

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Der Trennungshund ist das Äquivalent zum Scheidungskind

Deshalb, weiß auch die Expertin, spielen Tiere seit Jahren eine Rolle bei Trennungen und Scheidungen. „Es ist sinnvoll, zum Wohle des Tieres zu entscheiden. Am besten ist es, wenn sich beide Parteien einig sind und kein Gericht benötigt wird“, sagt sie. Dabei solle es am besten nicht darum gehen, wer das Tier angeschafft oder wer den Kaufvertrag unterzeichnet habe, sondern um Bindung, Zeit, Lebensumstände, Wohnort. „Das Tier sollte – wie auch das Kind – nicht zum Spielball werden.“ Wie es den Begriff Scheidungskind gibt, ist auch der Begriff Trennungshund inzwischen verbreitet. Dabei geht es darum, dem Hund nicht eine Bezugsperson zu entziehen. „Der Hund kann dann etwa zur Urlaubsbetreuung zum Ex, oder man kann sich für einen gemeinsamen Umgang entscheiden“, sagt Schmitz.

In Kentucky ging ein Streit 2001 gar so weit, dass eine Frau für 30 Tage ins Gefängnis musste. In der achtjährigen Ehe hatte es drei Hunde, zwei Katzen und ein Kaninchen gegeben, nach der Scheidung wurde um die Tiere gestritten. Während das Kaninchen starb, urteilte das Gericht, dass sie die Hunde, er die Katzen bekommen soll. Doch sie weigerte sich, die Katzen Beanie und Kacey herauszugeben, berichtete CBS News. Was wiederum zur besagten Haftstrafe führte.

Ein Paar, das gerade vor der Herausforderung steht, den Streit um den gemeinsamen Hund zu vermeiden, sind Ex-Bachelor Niko Griesert und seine Zweitplatzierte Michèle de Roos. Sie brachte zwei Katzen mit in die Beziehung, dann zog die griechische Straßenhündin Callia bei ihnen ein. Doch nach einem Jahr Beziehung war alles aus und de Roos ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen – mit Hund Callia. Allerdings, das machte sie direkt im Trennungsstatement klar, blieb sie in der Umgebung von Griesert. Und auch der möchte vorerst nicht zurück in seine Heimat Osnabrück – damit sich beide weiterhin um Callia kümmern können.

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Tierpsychologen plädieren für geteiltes Umgangsrecht

So harmonisch läuft es aber nicht immer. Auch in Deutschland wird seit Jahren um Hunde, Katzen und sogar Schildkröten gestritten. In Tierforen wird um Rat gebeten, wenn der Rosenkrieg um Bello eskaliert. Menschen erzählen, wie sie sich geeinigt haben: einmal Gassigehen pro Woche, Besuch alle zwei Wochenenden, die Ferien mal hier, mal da – quasi analog zu Regelungen bei Kindern. Tierpsychologin Denise Seidl sagte der „Hundezeitung“, dass Ortswechsel für Tiere mitunter schwierig sein könnten, aber gemeinsame Ausflüge und Besuche Haustieren oft guttun würden.

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Während die Gerichte in den USA häufig das Tierwohl einbinden – und etwa testen, wie das Haustier auf den klagenden Menschen reagiert (ob er ihm oder ihr etwa direkt entgegenrennt), ist das in Kanada und Deutschland noch anders. In beiden Ländern gelten Tiere erst einmal als Sache, berichtet auch CBC. Hier entscheidet, wer rechtmäßiger Besitzer ist, darüber, wo das Tier nach einer Trennung verbleiben darf. Nur wenn der Besitzstatus unklar ist, weil etwa beide den Kaufvertrag unterschrieben haben, geht es auch um das Tierwohl – denn immerhin werden Haustiere inzwischen als „fühlende Wesen“ angesehen. Auch in Spanien zeigt sich diese Entwicklung: Laut einem Bericht von Reuters soll das Tierwohl bei möglichen Trennungen und Scheidungen der Menschen eine größere Rolle spielen.

Hunde und Katzen: von Nutztieren zu Kinderersatz

Dann spielen die Umstände eine Rolle. So gibt es zahlreiche Gerichtsurteile aus den vergangenen 25 Jahren, in denen sich Deutsche um die Tiere stritten. Während Haustiere im deutschen Recht bisweilen auch getrennt werden, damit beide Menschen eines behalten können, ist man in Kanada dazu übergegangen, die äußeren Umstände zu betrachten.

Auch in Deutschland nimmt das zu. Bereits 1996 entschied das Amtsgericht Bad Mergentheim, dass der Hund, um den es im konkreten Streitfall ging, zwar in seinem bisherigen Zuhause verbleiben solle, allerdings ein „stundenweises Zusammensein“ mit dem Ex-Mann, der auf Umgang geklagt hatte, aus tierpsychologischer Sicht sinnvoll sei – immerhin sei auch er Bezugsperson des Hundes. Allerdings ist das keine Garantie: In Hamm hat das Oberlandesgericht 2010 entschieden, dass es keinen Anspruch auf Umgangsrecht gibt.

Über Jahrhunderte hat sich die Beziehung von Menschen und Haustieren entwickelt. Während sie früher als Nutztiere galten – Hunde etwa als Aufpasser, Katzen als Rattenfänger –, wurde das Verhältnis mit den Jahren inniger. Die Tiere zogen ins Haus, waren immer häufiger um die Menschen herum, der Nutzen wurde unwichtiger, die Bindung, die Nähe wurde mehr. „Aus Nutztieren wurden Begleittiere“, sagt Schmitz vom Tierschutzbund.

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Die Zahl der Haustiere nimmt in Deutschland zu – und auch die Ausgaben, die Deutsche für die Vierbeiner aufbringen.

Die Zahl der Haustiere nimmt in Deutschland zu – und auch die Ausgaben, die Deutsche für die Vierbeiner aufbringen.

Tierschutzbund kritisiert Vermenschlichung von Tieren

30,9 Prozent der Deutschen gaben in einer Umfrage 2020 an, dass ihr Haustier für sie an erster Stelle steht. Und bei einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Mintel ging es sogar noch weiter: 75 Prozent gaben an, dass sie ihr Haustier wie ihr eigenes Kind behandeln. Expertinnen und Experten sehen verschiedene Gründe für diese Entwicklung, etwa die Zunahme von Einpersonenhaushalten und die geringere Geburtenrate. „Haustiere sind zu einem Ersatz für menschliche Gesellschaft geworden“, sagte Analyst Katya Witham bei Vorstellung der Mintel-Studie.

In den vergangenen Jahren hat das aber auch negative Aspekte mit sich gebracht, etwa die Vermenschlichung von Tieren. „Mein Hund ist ein Familienmitglied, ich liebe ihn mehr als andere“, sagt sie, „aber er ist ein tierisches, kein menschliches Familienmitglied.“ Doch immer häufiger ersetzen Tiere Partnerinnen und Partner oder gar Kinder. Die Hunde bekommen Kleidchen angezogen, die Katzen Nahrungsmittel für Menschen, die Kaninchen einen Instagram-Channel, die Tiere liegen auf Plüschsofas, statt im Freien zu toben. Hunderte und Tausende Euro werden ausgegeben, für Leckerlis, Spielzeug, Kleidung, Friseur, Globuli.

Im US-Bundesstaat Colorado dürfen Hunde sogar offiziell Trauzeugen sein. In der Schweiz klagt Anwalt Antoine Goetschel im Namen von Affen, Fischen und anderen Tieren – und kämpft dafür, dass diesen Tieren Grundrechte, so etwas wie Menschenrechte, zugestanden werden. Das sieht Schmitz kritisch: „Man muss schon noch das Tier sehen, mit seinen eigenen tierischen Bedürfnissen.“

US-Firmen ködern Angestellte mit Elternzeit für Tiere

Eines der wichtigsten tierischen Bedürfnisse: Zeit. Während der Corona-Pandemie verbrachten viele Menschen viel Zeit zu Hause, arbeiteten dort, verbrachten ihre Freizeit dort. Und schafften sich Tiere an. Doch Tiere brauchen ihr ganzes Leben lang Zeit. Deshalb sieht Lea Schmitz vom Tierschutzbund den neuesten Trend aus den USA auch kritisch: Dort gewähren erste Firmen „Pawternity Leave“ † Paw steht für Pfote, Paternity Leave nennt sich die Elternzeit. Elternzeit für den Vierbeiner also.

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In Großbritannien sorgte ein Fall vor rund einem Jahr für Aufsehen. Der Chef einer Firma fragte auf seinem Linked-in-Profil, ob er einem Angestellten solch eine Elternzeit auf zunächst unbestimmte Zeit gewähren solle. Die Mehrheit von Tausenden Userinnen und Usern stimmte dagegen. Weltweit wurde über den Fall berichtet, unter anderem von der „New York Post“ und „The Independent“. Die Mehrheit der Firmen in Großbritannien und den USA gibt keine solche Elternzeit, doch in den Staaten locken immer mehr Firmen damit. „Eine traditionelle Familie ist nicht für jeden etwas. Wir müssen sicherstellen, dass wir die Familien unserer Angestellten pflegen, egal ob es sich dabei um tierische oder menschliche Familien handelt“, sagte etwa Miranda Dietz, Managerin bei der Bierbrauerei BrewDogs aus Ohio, dem „Chicago Tribune“.

Während die normale Elternzeit je nach Land einige Monate dauert, sind es bei der „Pawternity Leave“ hingegen eher Tage oder Wochen. Bis zu zwei Wochen gibt es etwa bei der IT-Firma mParticle, wenn Angestellte nicht nur irgendein Haustier aufnehmen, sondern eines aus dem Tierheim, berichtet „ABC7″. Einige Firmen haben das Modell bereits ausgeweitet: Freie, bezahlte Tage gibt es dann auch, wenn ein Haustier stirbt.

Lieber flexible Arbeitgeber als einmalige „Pawternity Leave“

Dass es flächendeckend zu einem solchen Angebot kommt und „Pawternity Leave“ auch Deutschland erreicht, glaubt Lea Schmitz nicht. Grundsätzlich sei die Idee nicht schlecht, allerdings müsse man auch aufpassen, dass sich Menschen nicht für ein paar freie Tage ein Tier anschaffen. „Ein Haustier aufzunehmen bedarf einer langfristigen Planung“, sagt Schmitz und verweist darauf, dass ohnehin viele Menschen in den ersten Tagen Urlaub nehmen, wenn ein neues Haustier einzieht.

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Zwar sei die Eingewöhnung intensiv, doch auch später bräuchten Tiere viel Zeit. „Sinnvoller ist es da, nicht nur zu Beginn eine Elternzeit zu haben, sondern flexible Lösungen mit dem Arbeitgeber zu finden.“ Arbeitgeber, die Verständnis hätten, etwa, wenn der oder die Angestellte wegen eines kranken Tieres zum Arzt oder tageweise ins Homeoffice wechseln müsse, die erlauben, dass der Hund mit ins Büro kommt, würden eher dazu beitragen, dass sich Tierhaltung und Job vereinbaren ließen. „Ob das realistisch ist, weiß ich nicht“, sagt sie, „aber es wäre eine Wunschvorstellung.“

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