Interview zum „Jugendwort des Jahres“

„Gommemode“, „Bre“ und „SIU“: Sprechen Jugendliche wirklich so?

Läuft nicht: „Jugendwort des Jahres“.

Die Abstimmung zum Jugendwort des Jahres 2022 läuft.

Welches Wort wird das Jugendwort des Jahres 2022? Darüber können jetzt wieder Jugendliche in Deutschland abstimmen. Der Langenscheidt-Verlag hat zehn Kandidaten aufgestellt – von „Gommemode“ (unendlich stark, unbesiegbar, Insider des Youtubers „GommeHD“) über „SIU(UUU)“ (Ausruf, wenn etwas unfassbar Gutes/Cooles passiert, inspiriert von Fußballprofi Cristiano Ronaldo) bis zu „Bre/Bro/Bruder“ (Kumpel, Freund/Freundin). Doch reden Jugendliche wirklich so? Eine Antwort darauf gibt Nils Uwe Bahlo vom Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Bahlo ist Experte für Jugendsprachforschung.

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Herr Bahlo, was halten Sie von den zehn Wörtern, die zur Auswahl stehen?

Einige der Wörter sind ganz authentisch und andere – so wie es immer ist – hat man noch nie gehört. Auffällig ist, dass einige Wiederholungstäter dabei sind. Gerade das Wort „wyld“ ist schon etwas in die Jahre gekommen. Damit versucht man vielleicht zu würdigen, dass einige Wörter immer wieder auftauchen, und rückt damit den Authentizitätscharakter oder den gruppenübergreifenden Charakter ins Zentrum.

Wenn Sie von Authentizität sprechen: Sind das Wörter, die Jugendliche wirklich benutzen?

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Das ist schwer zu sagen, weil man die Gruppe der Jugendlichen nicht in Gänze überblicken kann. Es gibt keine homogene Jugendgruppe, sondern es gibt immer Peergroup-spezifische Sprechweisen und auch ein spezifisches Vokabular. Es gibt sicherlich ein Repertoire an gemeinsamen Wörtern. „Wyld“ wird wahrscheinlich jeder Jugendliche schon einmal gehört haben. Das ist schon sehr authentisch. Viele Wörter, die dort aufgelistet sind, haben viele Jugendliche auch gar nicht erreicht.

Lassen sich die Wörter am ehesten einer bestimmten Jugendlichengruppe zuordnen?

Nein, das kann man nicht sagen. Das Lexikon jugendlicher Sprecherinnen und Sprecher speichert sich aus unterschiedlichen Domänen. Es gibt Wörter wie „wyld“, die haben viele Jugendliche erreicht und die sind gruppenübergreifend. Es gibt andere Bereiche, die sind nicht so präsent. Ein Jugendlicher ist aber nie nur in einer bestimmten Gruppe, sondern immer in mehreren. Daher ist es unglaublich schwierig, davon zu reden, dass es bestimmte Bereiche sind, denen die Wörter zuzuordnen sind, oder dass sie Rückschlüsse liefern auf bestimmte Jugendliche.

Einige Wörter sind eindeutig durch die sozialen Medien inspiriert, etwa „Smash“ vom Spiel „Smash or Pass“ ...

Genau, es gibt bestimmte Geberdomänen wie die sozialen Medien, die Musikindustrie, die Hobbys von Jugendlichen und das, was sie jeden Tag umgibt. Da sind die Jugendlichen sehr vielfältig. Selbst wenn ich Sprachwissenschaftler bin und alle denken, ich muss Goethe und Schiller lesen, kann es durchaus sein, dass ich mich in meiner Freizeit mit meinen Freunden beim Paintballspielen abschieße und wir da ein ganz anderes Vokabular verwenden. Früher ging man davon aus, dass sehr viel mehr Homogenität da ist, also dass etwa die Gymnasiasten die Anständigen sind, die anständig geradeaus sprechen können. Heute ist man weit weg von diesem Bildungsstandard oder von den Gruppierungen. Die Realität ist sehr heterogen und nicht so einfach in Schubladen zu stecken, wie wir es gerne hätten.

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Ein und derselbe Jugendliche kann also in verschiedenen Milieus unterschiedliche Jugendsprachen sprechen?

Vollkommen richtig. Das nennt sich Code-Switching. Jugendliche sind durchaus in der Lage zu erkennen, welche Situation gerade vorliegt und welcher Stil dort zu sprechen ist.

Würden Sie denn sagen, dass diese Jugendwortauswahl schon die Sprache der Jugendlichen repräsentiert?

Da sind einige Begriffe dabei, die auf jeden Fall in den großen Korpora fallen. Das scheint mir erst mal eine recht authentische Auswahl zu sein. Auch wenn es dann wieder darauf hinauslaufen kann, dass 80 Prozent der Jugendlichen sagen, sie hätten die Wörter noch nie gehört oder verwendeten sie nicht.

Wie können die Wörter authentisch sein, wenn 80 Prozent der Jugendlichen sagen, dass sie sie nicht kennen oder verwenden?

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Es gibt nicht die eine Jugendsprache, genauso wenig wie die eine Jugend existiert. Es gibt immer mehrere Jugendsprachen und verschiedene Spielarten der Sprache. Die Wörter können also auf eine Jugendgruppe zutreffen und auf andere nicht. Dann kann ich sagen: Das ist authentisch, weil ich als Kenner der Szene einen Blick habe, der mehrere Jugendgruppen umfasst. Jugendliche haben aber nicht den großen Gesamtblick, sondern betrachten ihren Mikrokosmos und dann sagen manche: „Das habe ich noch nie gehört“ oder vielleicht „Ja, habe ich gehört, verwende ich aber nicht“. Das Jugendsprachelexikon ist generell recht unwissenschaftlich, weil es keine Systematisierung gibt. Das, was auf eine kleine Jugendgruppe zutrifft, muss nicht auf die Gesamtheit zutreffen. Die Wissenschaft versucht, ein Stück weit zu abstrahieren und zu sagen: Was macht den Kern von Jugendsprache aus? Kann ich etwas über die Masse sagen oder eben nicht?

Sagt die Wahl des Jugendwortes also nichts über Jugendsprache aus?

Aus wissenschaftlicher Sicht sagt es nicht viel aus, weil es die Großgruppe Jugendlicher nicht gibt. Man fragt beim Jugendwort einfach Sprachwissen ab, das ist zumindest aus linguistischer Sicht sehr unwissenschaftlich. Aus einer anderen Perspektive hat diese Wortwahl aber etwas ganz Faszinierendes: Leute machen sich Gedanken über Sprache, und wenn dieses Wort gewählt wurde, wird in Unterrichtsstunden diskutiert, ob dieses Jugendwort realistisch ist. Das ist das, was wir schaffen wollen, dass wir Reflexionen anstellen über Sprache. Das ist ganz wunderbar. Letztendlich zeigt diese Wortwahl, dass sich die Gesellschaft dafür interessiert.

Haben Sie es in den letzten Jahren auch mal erlebt, dass viele gesagt haben, sie kannten das Wort nicht, es dann aber in den Sprachgebrauch gekommen ist?

Das habe ich so nicht wirklich erlebt. Auf jeden Fall nicht bei der Wortwahl Nummer eins. Es kann aber durchaus sein, dass das mediale Interesse ein Multiplikator für so ein Wort ist und dass solche Wörter dadurch weiter im Umlauf bleiben.

Sie hatten gesagt, dass es eigentlich nicht die jugendspezifischen Wörter gibt, sondern die Jugendsprachen sich aus verschiedenen Milieus speisen. Lässt sich trotzdem etwas dazu sagen, was Jugendsprachen im Kern ausmacht?

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Das ist die deutsche Sprache oder das deutsche Regelsystem. Jugendsprache orientiert sich eigenartigerweise sehr stark an diesem deutschen Regelsystem, und das seit Jahrhunderten. Die Lexikon von Jugendsprache ändert sich immer wieder, aber nicht die Art und Weise, wie sich dieses Lexikon bildet. Wenn man sich die Wörterbücher von 1749 – das sind die ersten, die wir haben – anguckt, stellt man fest, dass es die gleichen Geberdomänen wie heute sind. Es geht um Rauchen, Saufen, Duellieren, um Liebe, Sexualität, Musik und Hobbys. Das erste gemeinsame Merkmal von Jugendsprache ist immer, dass wir spezifische Geberdomänen haben. Es ist zudem eine Sprüchekultur vorhanden, so was wie „eine Fete schmeißen“ in den 60er- oder 70er-Jahren ist heute „Party machen“. Es gibt Bekräftigungsformeln, so was wie „Ich schwöre“. Dann haben wir unterschiedliche Bereiche aus Lehnssprachen: Früher war es Französisch, Griechisch, Latein, heute ist es Türkisch, Englisch, Arabisch. Der gemeinsame Kern ist, dass Sprache der Identitätsbildung, der Identifikation, der Distinktion von und zu Erwachsenen oder anderen Altersgruppen dient, der Provokation, des Spaßhabens, des Spielens mit Sprache und ganz einfach der Kommunikation auf Augenhöhe.

Sind das nicht alles Faktoren, die bei der „Erwachsenensprache“ auch eine Rolle spielen?

Ja. Genauso wie ein Kind laufen lernt, ist es bei Jugendsprache auch: Jugendliche probieren sich aus. Sie eifern den Erwachsenen nach. Das Paradoxe daran ist, dass sie versuchen, die erwachsene Sprache nachzumachen, sich gegenseitig zu provozieren, sich zu versöhnen, Sanktionen auszutesten. Auf diesem Weg, den perfekten Sprachgebrauch der Erwachsenen zu erwerben, verändern die Jugendlichen die Sprache ein Stück weit und damit wird das Ziel nie erreicht. Das ist das Paradoxe daran. Sie verändern die Sprache auf dem Weg zum perfekten Sprachbewusstsein. Das ist es, was eine aktive Sprachgemeinschaft auszeichnet. Veränderung, kein Stillstand. Sie passen das System der Umgebung und der Veränderung an.

Es wird immer wieder gesagt, dass die Jugendsprache durch die Nutzung von Social Media, Whatsapp und Co. „verlottert“. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt keine Studie, die zeigt, dass die Jugendlichen nicht mehr in der Lage sind, anständig zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Genauso wie Jugendliche auch mit ihren Eltern vernünftig reden können, wenn sie es denn erlernt haben, können sie auch ganz gut noch einen Aufsatz schreiben. Sie sind auch in der Lage zu switchen. Das gibt es auch im Schriftsprachebereich. Wenn man sagt, die Sprache verlottert, dann könnte man fragen: Wann war denn die Sprache mal in Ordnung? War das zu Nazi-Zeiten oder war das zu Goethe- und Schiller-Zeiten? Das, was wir heute als die große Zeit der Dichter und Denker in Deutschland bezeichnen, war vor 100 Jahren die große Katastrophe für die deutsche Sprache. Das war Schundliteratur, Goethe und Schiller hätten die deutsche Sprache verhunzt, hieß es. Erwachsene bewerten immer aus der eigenen Sprachbiografie heraus. Das, was mich zu einem mündigen, erwachsenen, klar denkenden Bürger gemacht hat, das sollen auch meine Kinder nachmachen. Aber das machen sie nicht. Und trotzdem dreht sich die Welt weiter.

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