Diplomat sagt aus

Afghanistan-Untersuchungsausschuss: Wie der Westen den Krieg verloren hat

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren nach ihrer Machtübernahme mit wehender Fahne des Islamischen Emirats Afghanistan durch Kabul (Archiv).

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren nach ihrer Machtübernahme mit wehender Fahne des Islamischen Emirats Afghanistan durch Kabul (Archiv).

Berlin. Fast 20 Jahre währte der internationale Einsatz in Afghanistan. Beinahe ebenso lange verschlossen die jeweiligen Bundesregierungen die Augen vor der alarmierenden Entwicklung in dem Land. Warnungen von Experten vor der Gefahr eines Scheiterns wurden in Berlin lange als Schwarzmalerei abgetan. Als die Taliban schon längst wieder erstarkt waren, weigerte sich die Bundesregierung immer noch, den eskalierenden Konflikt als „Krieg“ zu bezeichnen. Die Entwicklung ist bekannt: Irgendwann musste auch die Bundesregierung einräumen, dass in Afghanistan Krieg herrschte – ein Krieg, den die Taliban gewonnen haben.

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Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags, der am Donnerstag deutsche Diplomaten befragte, befasst sich mit den letzten rund eineinhalb Jahren des Afghanistan-Debakels: Vom Doha-Abkommen zwischen den USA und den Taliban im Februar 2020 bis zum Ende des Mandats zur militärischen Evakuierung aus Afghanistan im September 2021.

Deutsche Realitätsverweigerung

US-Präsident Joe Biden hatte als Abzugstermin der Truppen aus Afghanistan den 11. September 2021 ausgegeben – 20 Jahre nach den Anschlägen von New York und Washington, die den Einmarsch in Afghanistan ausgelöst hatten. Schon davor waren die Taliban in Kabul wieder an der Macht. Präsident Aschraf Ghani war ins Ausland geflohen. Bilder bärtiger Kämpfer mit Turban und Kalaschnikow im Präsidentenpalast gingen Mitte August 2021 um die Welt.

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August 2021: Kämpfer der Taliban übernehmen die Kontrolle über den Präsidentenpalast in Kabul.

August 2021: Kämpfer der Taliban übernehmen die Kontrolle über den Präsidentenpalast in Kabul.

In der schwarz-roten Regierungskoalition hielt die Realitätsverweigerung fast bis ganz zuletzt an. Gemeinsam mit anderen europäischen Amtskollegen plädierte Innenminister Horst Seehofer (CSU) in einem Schreiben an die EU-Kommission noch am 5. August für Abschiebungen nach Afghanistan. Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte keine zwei Monate zuvor im Bundestag, es sei nicht Grundlage seiner Annahmen, „dass in wenigen Wochen die Taliban das Zepter in Afghanistan in der Hand haben werden“. Zwar rechne er mit einer Zunahme der Kampfhandlungen. Zugleich gebe es aber einen Friedensprozess zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung, „dessen Erfolg ich auch nicht für unerreichbar halte“.

„Emirat 2.0″

Es war eine schwere Fehleinschätzung. Bei den ersten Zeugenanhörungen des Untersuchungsausschusses sagte kürzlich ein Vertreter des Verteidigungsministeriums, sein Referat habe bereits Ende 2020 eine Machtübernahme der Taliban binnen zwei Jahren für das wahrscheinlichste Szenario gehalten – ein „Emirat 2.0″.

Der erste Zeuge, der am Donnerstag im Saal E800 im Paul-Löbe-Haus des Bundestags angehört wird, ist der frühere Vizebotschafter in Kabul, Gregory Bledjian. Er war bei seinem Einsatz von Mai 2020 bis Mitte Juni 2021 – also vor der chaotischen Evakuierung – auch Sicherheitsbeauftragter der Botschaft. Davor war er ab August 2019 als Stellvertretender Generalkonsul im nordafghanischen Masar-i-Scharif stationiert.

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Der frühere deutsche Vizebotschafter in Kabul, Gregory Bledjian, am Donnerstag vor seiner Zeugenaussage vor dem Afghanistan-Untersuchungsausschuss

Der frühere deutsche Vizebotschafter in Kabul, Gregory Bledjian, am Donnerstag vor seiner Zeugenaussage vor dem Afghanistan-Untersuchungsausschuss

Fünfeinhalb Stunden dauert die Befragung Bledjians, bis in den Abend steht er den Abgeordneten Rede und Antwort. Der 49 Jahre alte Diplomat sagt, er habe eine schnelle Machtübernahme der Taliban „nicht für das wahrscheinlichste Szenario gehalten“, sondern eher mit einem Bürgerkrieg gerechnet. Die Sicherheitslage habe sich jedenfalls stetig verschlechtert. „Auf dem Schlachtfeld war ein klares Momentum der Taliban nicht wegzudiskutieren.“

Bei Bledjians Aussage wird ein weiteres Mal deutlich, wie sehr das Doha-Abkommen zwischen der Regierung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump und den Taliban den Zusammenbruch in Afghanistan beschleunigt hat. Die Taliban-Delegation quittierte die Unterzeichnung bei einer feierlichen Zeremonie in der Hauptstadt des Golf-Emirats Katar am 29. Februar 2020 mit „Allahu Akbar“-Rufen, Gott ist groß – und zwar in Anwesenheit von US-Außenminister Mike Pompeo. Taliban-Chef Haibatullah Achundsada sprach anschließend in einer Mitteilung von „einem großen Sieg“.

Deutschland wurde „vor vollendete Tatsachen gestellt“

In dem Abkommen verpflichteten sich die Taliban, dass von Afghanistan aus keine Terrorbedrohung gegen die USA und ihre Verbündeten ausgeht. Außerdem sagten sie Friedensverhandlungen mit der Regierung in Kabul zu, die zu einem dauerhaften Waffenstillstand und einem politischen Fahrplan für die Zukunft Afghanistans führen sollten. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zu einem vollständigen Abzug der amerikanischen und internationalen Truppen bis Mai 2021.

Nicht an dem Abkommen beteiligt war ausgerechnet die demokratisch gewählte Regierung in Kabul. Bledjian nennt deren Ausgrenzung einen „Geburtsfehler“ und betont: „Ich habe das Doha-Abkommen sehr kritisch gesehen.“ Im Prinzip habe es sich um nichts anderes als um „ein Truppenabzugsabkommen für die US-Amerikaner“ gehandelt. „Die Verbündeten einschließlich der Bundesregierung waren nicht beteiligt“, sagt Bledjian. „Wir wurden also vor vollendete Tatsachen gestellt.“

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Die Verpflichtungen der USA in dem Abkommen waren sehr konkret gefasst, die der Taliban nur vage. Die Islamisten griffen danach zwar keine internationalen Truppen mehr an, dafür verstärkten sie ihre Angriffe auf afghanische Sicherheitskräfte. Die Friedensverhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung in Doha begannen zwar offiziell im September 2020, blieben aber ergebnislos.

Zalmay Khalilzad (links), US-Sondergesandte für Aussöhnung in Afghanistan, und Mullah Abdul Ghani Baradar, Leiter des politischen Büros der Taliban, schütteln sich die Hand, nachdem sie ein Abkommen über Wege zu einem Frieden zwischen den USA und der militant-islamistischen Taliban unterzeichnet haben.

Zalmay Khalilzad (links), US-Sondergesandte für Aussöhnung in Afghanistan, und Mullah Abdul Ghani Baradar, Leiter des politischen Büros der Taliban, schütteln sich die Hand, nachdem sie ein Abkommen über Wege zu einem Frieden zwischen den USA und der militant-islamistischen Taliban unterzeichnet haben.

Trump-Nachfolger Biden verschob den Abzugstermin zwar um einige Monate nach hinten. Zum Entsetzen der Experten erklärte er aber, der Abzug werde bedingungslos geschehen. Die Moral der afghanischen Sicherheitskräfte sank ins Bodenlose. Deutschland hatte auf einen Abzug gehofft, der an Fortschritte beim Friedensprozess geknüpft werden würde. Die Amerikaner bezogen ihre Verbündeten aber gar nicht erst in den Entscheidungsprozess ein – sie informierten sie lediglich über das Abzugsdatum.

„Schlimmste Demütigung seit dem Fall von Saigon“

Auch eine vom US-Kongress eingesetzte „Studiengruppe Afghanistan“ hatte vergeblich vor katastrophalen Folgen eines bedingungslosen amerikanischen Rückzugs gewarnt. Nach der Machtübernahme der Islamisten schrieb das „Wall Street Journal“ von der „schlimmsten Demütigung der USA seit dem Fall von Saigon im Jahr 1975″. Biden sagte noch im Monat zuvor, Bilder wie die aus Vietnam, als Menschen vom Dach der US-Botschaft in Saigon aus mit Helikoptern in Sicherheit gebracht werden mussten, werde es in Afghanistan nicht geben. Die Bilder vom Chaos am Flughafen in Kabul, wo verzweifelte Afghanen vor den Taliban fliehen wollten, waren dann allerdings sogar noch schockierender.

Chaos ab Flughafen in Kabul: Menschen versuchen nach der Machtübernahme der Taliban in Flugzeugen aus dem Land gebracht zu werden

Chaos ab Flughafen in Kabul: Menschen versuchen nach der Machtübernahme der Taliban in Flugzeugen aus dem Land gebracht zu werden

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Viele lokale Mitarbeiter deutscher Behörden und ihre Angehörigen warten bis heute darauf, nach Deutschland ausreisen zu können. Bledjian sagt am Donnerstag, die Botschaft habe Berlin damals wegen des geplanten Truppenabzugs über die „große Beunruhigung“ der Ortskräfte berichtet. Zum Ende seines Einsatzes sei ihm gar nicht mehr klar gewesen, welche Kriterien für das Verfahren zur Aufnahme von Ortskräften in Deutschland überhaupt noch gelten würden. Bis zu seiner Ausreise im Juni 2021 sei eine massenhafte Evakuierung keine Option gewesen.

„Wir waren nicht ausreichend vorbereitet“

Bledjian betont, als Sicherheitsbeauftragter habe er natürlich ein Konzept zur Evakuierung der Botschaft ausgearbeitet gehabt. „Wir waren von Tag eins an eine Vertretung im absoluten Krisenmodus.“ Im März 2021 habe ein Krisenberatungsteam aus Berlin in Kabul Empfehlungen für den Ernstfall ausgearbeitet. Das Konzept sei aber nie darauf ausgelegt gewesen, Zehntausende Menschen unter chaotischen Umständen auszufliegen. „Das ist kein Szenario, das wir vor Augen hatten“, sagt er. „Nein, wir waren nicht ausreichend vorbereitet. Aber mir ist kein Land bekannt, das auf die Entwicklungen ausreichend vorbereitet war.“

Hunderte Menschen laufen neben einer Boeing C-17 der United States Air Force, die auf dem Rollfeld des Kabul International Airport fährt. Zahlreiche Afghanen, die sich nach der Machtübernahme der Taliban in Sicherheit bringen wollen, versuchten auf dem Flughafen in Flugzeuge zu gelangen und blockierten die Landebahn.

Hunderte Menschen laufen neben einer Boeing C-17 der United States Air Force, die auf dem Rollfeld des Kabul International Airport fährt. Zahlreiche Afghanen, die sich nach der Machtübernahme der Taliban in Sicherheit bringen wollen, versuchten auf dem Flughafen in Flugzeuge zu gelangen und blockierten die Landebahn.

Diese Meinung teilt der frühere Mitarbeiter der staatlichen deutschen Entwicklungsorganisation GIZ, Hans-Hermann Dube. Er pflegt bis heute Kontakte zu Afghanistan und hat als Experte vor dem Untersuchungsausschuss ausgesagt. Dube glaubt, das Chaos am Ende habe man „so wirklich nicht vorhersehen“ können.

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„Es ist jetzt sehr leicht, allen, die das Ende unseres internationalen Einsatzes, so wie wir es erlebt haben, nicht vorhergesehen haben, Versagen vorzuwerfen“, sagt Dube dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Es gab sicherlich Warnungen, aber es gab auch Entwicklungen, die kaum jemand erahnt hat. Die afghanischen Streitkräfte, die über Jahre von uns ausgebildet wurden, liefen in großer Zahl zu den Taliban über oder gaben nahezu kampflos auf.“

„Ein absoluter Schock für mich“

Bledjian wird von Abgeordneten mehrfach mit der Frage konfrontiert, warum er die schnelle Rückkehr der Taliban nicht vorhergesehen habe. „Bis zu meiner Ausreise war Hoffnung vorhanden, dass wir die zivile Präsenz – auch die Botschaft – halten können. Das war kein Fantasiegebilde, sondern unsere aufrichtige Annahme, zumindest meine“, sagt der Diplomat. „Wenn Sie meinen, dass der stark ausgeprägte Wunsch nach einer Fortsetzung des Engagements irgendwo auch unser Urteilsvermögen beeinträchtigt haben könnte: Ja, vielleicht.“

Dass die Deutschen und die anderen Verbündeten schließlich fluchtartig das Land verließen, hat ihn sehr beschäftigt. „Ein Stück weit kam auch Bitterkeit hoch, weil ich sehr viel Arbeit und Herzblut investiert hatte in die Dinge, die jetzt nicht mehr da waren“, sagt Bledjian. „Es war ein absoluter Schock für mich.“

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